Zeitung Heute : Live aus dem Elfenbeinturm: Johann ohne Land

Wolfram Eilenberger

Schriftsteller müsste man sein, dann wäre er jetzt zu greifen, der europäische Roman zum neuen Jahrtausend. Ein besserer Stoff jedenfalls ist im Moment kaum aufzutreiben. Schon die Raumkoordinaten beeindrucken: gebürtiger Urbayer mit italienischem Funktionsteam und portugiesischer Mentalmanagerin siegt im gelobten Land - den USA - für das katholische Spanien. Der Rest der zivilisierten Welt landet weit abgeschlagen. Der andere Rest sowieso. Aber auch inhaltlich fände sich das ganze Spektrum des Zeitgeistes abgedeckt. Denn vom postmodernen Fitnesswahn über das neue Großthema Religion bis zu saisonal ausufernden Patriotismen hat die Geschichte unseres Helden Johann "Juanito" Mühlegg, olympischer Langlaufchampion und neuer deutscher Chefdissident, einfach alles zu bieten.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Hinter der sportlichen Oberfläche stünde selbstverständlich die wirklich klassische Frage unserer Zeit, die nach der Identität und dem eigenen Selbst: Was, wenn überhaupt, bin Ich? Oder, um mit dem unsterblichen Bruno Morawetz zu fragen: Wo ist Mühlegg? Als denkenden und joggenden Subjekten ist uns diese Frage ja nur zu vertraut. Spätestens ab Kilometer fünf nämlich, wenn der Sauerstoff das Gehirn heilsam durchflutet, hört sie ein jeder, diese rauschende Vielstimmigkeit, die einem bei aller Anstrengung gar munter mal dies und mal das ins Bewusstsein plappert. Wurde aber den lose aufeinander folgenden Strömen durch das Ich erst eine Weile gelauscht, wer wüsste da noch genau Auskunft zu geben, wo der eigene Kern, wer das eigene Selbst wirklich ist? Liegt es vielleicht am Joggen? Ich meine, gründet solch konkret empfundener Mangel an eigener Substanz allein darin, dass dem vulgären Freizeitläufer ein alles einendes Handlungsziel abgeht? Wie fühlt es sich zum Beispiel für Johann Mühlegg an? Der weiß schließlich ganz genau, was er beim langen Lauf durchs Leben will. Gold gewinnen will er, um alles in der Welt gewinnen. Mühlegg, unser nun weltberühmter Junker aus Marktoberdorf, von kräftiger Beschaffenheit, hager am Leibe, dürr im Gesichte, ein eifriger Frühaufsteher und voll seltsamer Grillen.

Wie hat sich das wohl angehört in ihm drin, gestern Nachmittag beim 50-Kilometer-Rennen im klassischen Stil, in ihm, Juanito, diesem erfolgsbesessenen, viersprachigen Globetrotter, der selbst im mental-spirituellen Bereich schon seit Jahren nichts mehr dem nationalen Zufall überlässt? Möglicherweise so: "... jetzt die heavy Steigung los primeros fünf kilometros y entonces comes my Turbo-Diesel in the segundo Schleife richtig pressure machen Johann que picha eres damit los escandinavos with their Wonder-Wachs not noch become dangerous, oh Gnade, Gnade, como brennt esto en mi Oberschenkel Santísima Virgen if das allen nur mit rechten cosas zugeht tranquillo Bub und am Ende the flag die Flagge importante no lo olvides Johann die spanische gell komm noch mal ahora jetzt quäl dich Juanito ..."

Vermutlich waren es ganz andere Gedanken. Gedanken, die rein gar nichts mit dem zu tun haben, was Held Mühlegg der Weltpresse in den letzten Wochen so polyglott zu Gehör gab. Als Profisportler hast du schließlich mehrere Selbste: eins für die Presse, eins für den Wettkampf, eins fürs Daheim, eins für König Juan Carlos ... usw.

Und der eigentliche Mühlegg, wo wäre der jetzt abgeblieben? Juanito, Olympic Champion, steht, so viel lässt sich sicher sagen, gerade auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Seine Leistung verdient offene Bewunderung. Außerdem scheint er dieser Tage in seiner spanischen Heimat vollends angekommen. Dort sieht er seine Zukunft, er fühle sich als Spanier, sagt er, die ganze Mentalität liege ihm. Soso Johann, du Spanier im Geiste - Cervantes, Don Quijote und so. Keine Angst, ich werde sie jetzt nicht im klassischen Stil stellen, die mindestens fünfzig Kilometer lange Frage nach einer spanischen Mentalität. Danach, wo und wie so etwas zu bestimmen wäre.

Was aber den großen Roman zum "Fall Mühlegg" betrifft, dieser Roman wurde bereits vor 30 Jahren von dem Spanier Juan Goytisolo geschrieben. Auf Deutsch ist er unter dem sinnigen Titel "Johann ohne Land" (Juan sin tierra) erschienen. Im Herzen des vielsprachigen Werkes gibt der Autor seinem identitätsgeschädigten Helden folgenden, uns spanisch vorkommenden Tipp mit auf den Erfolgsweg: "definieren Sie sich negativ, wenn aber das Publikum des Sportstadions beharrlich ein entsprechendes Ehrenzeichen auf dem Fahnenmast verlangt, so zögern Sie nicht: stellen Sie es zufrieden: suchen Sie sich irgendeinen Fetzen (eine Unterhose mit Kotflecken, den Nylonschlüpfer eines unreifen Mädchens) und hissen Sie ihn feierlich zu den lauten, flotten Klängen einer komischen und bissigen Melodie." Ein verwirrendes Ende, Johann, ich weiß. Um es zu verstehen, müsste sie einem dann wohl doch von Anfang an im Blut gelegen haben, die spanische Mentalität.

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