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Seit 2005 müssen alle Tagesmütter eine Pflegeerlaubnis besitzen. Weiterbildung ist damit Pflicht

Silke Zorn

Karlotta hat eine, Timo auch, und Lena immer dienstags und freitags, wenn Papa arbeiten geht, außer in den Ferien natürlich. Rund 190 000 Kinder werden nach Schätzungen des Deutschen Jugendinstituts (DJI) in Deutschland von einer Tagesmutter betreut – Tendenz steigend. Mama auf Zeit, ein Beruf mit Zukunft?

„Besonders in Westdeutschland gibt es viel zu wenig Krippenplätze“, sagt Karin Weiß vom DJI. „Immer mehr Eltern müssen deshalb auf die Kindertagespflege ausweichen.“ Den gestiegenen Betreuungsbedarf hat auch der Gesetzgeber erkannt. 230 000 neue Krippen- und Tagespflege-Plätze sollen bis 2010 in Ländern und Kommunen geschaffen werden, so will es das 2005 in Kraft getretene Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG). Rund ein Drittel der Betreuungsplätze soll bei privaten Tagesmüttern entstehen.

Eine klassische Ausbildung für den verantwortungsvollen Beruf gibt es nicht. Was muss man also können, um fremden Nachwuchs betreuen zu dürfen? Reicht es aus, kinderlieb und mit einem guten Nervenkostüm ausgestattet zu sein? Während sich bisher fast jeder ohne besondere Erlaubnis in der Tagespflege selbstständig machen konnte, sind die Anforderungen jetzt deutlich angehoben worden. Seit Oktober vergangenen Jahres ist die so genannte Pflegeerlaubnis Pflicht – und zwar für jeden, der Kinder außerhalb ihrer Wohnung mehr als 15 Stunden wöchentlich und über einen längeren Zeitraum als drei Monate gegen Entgelt betreut. Dann dürfen bis zu fünf Tagespflegekinder aufgenommen werden. Erteilt wird die Erlaubnis vom zuständigen Jugendamt; allerdings erst, nachdem die Tagesmutter in spe nachgewiesen hat, dass sie für die Aufgabe tatsächlich geeignet ist.

Abgeklopft werden die verschiedensten Qualitäten, angefangen von einer glaubhaften Motivation über Erfahrung und Spaß im Umgang mit Kindern bis hin zu Belastbarkeit, Zuverlässigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Organisationstalent. Auch die räumlichen Voraussetzungen müssen stimmen: Den betreuten Kindern muss ausreichend Platz zum Spielen, Toben und Ausruhen zur Verfügung stehen.

Fortbildungskurse, die für die Anforderungen in der Kindertagespflege fit machen, werden von den unterschiedlichsten Trägern angeboten. Kirchen, Jugendämter, Tageselternvereine, Familienbildungsstätten, Volkshochschulen und private Anbieter tummeln sich auf dem Weiterbildungsparkett. Die Kursinhalte unterscheiden sich allerdings beträchtlich. Das fand die Stiftung Warentest heraus, die exemplarisch acht Anbieter unter die Lupe nahm. Ihr Fazit: Längst nicht alle Lehrgänge bereiten ausreichend auf die wichtige Aufgabe vor, insbesondere, weil sie viel zu kurz sind.

Das DJI hat im Auftrag des Bundesfamilienministeriums ein 160-Stunden-Curriculum zur Qualifizierung von Tagespflegepersonen entwickelt, das allgemein als Standard gelten soll. Mindestens 30 der 160 Stunden müssen vor Aufnahme der Tätigkeit absolviert werden, der Rest berufsbegleitend. „Inwieweit diese Vorgaben auf der kommunalen Ebene tatsächlich umgesetzt werden, wird sich allerdings erst noch zeigen“, meint Karin Weiß. Pluspunkt für alle, die einen derart ausführlichen Lehrgang erfolgreich abschließen: Sie erhalten ein Zertifikat des Tagesmütter-Bundesverbandes. Verbands-Referentin Jutta Hinke-Ruhnau wünscht sich außerdem, dass die frühkindliche Bildung bei der Qualifizierung von Tagesmüttern mehr Raum einnimmt. „Heute wissen wir, wie wichtig die ersten Lebensjahre sind“, sagt sie. „Bei der Tagespflege geht es meiner Ansicht nach nicht allein darum, Kinder zu betreuen, sondern auch darum, sie in ihrer Entwicklung zu fördern.“ Auch hierauf sollten Fortbildungsveranstaltungen angemessen vorbereiten.

Bei der Suche nach geeigneten Bildungsträgern ist der Tagesmütter-Bundesverband behilflich. In Berlin bietet etwa die gemeinnützige Familien für Kinder GmbH, eine Tochtergesellschaft des Arbeitskreises zur Förderung von Pflegekindern, Weiterbildungen an. „Für Tagesmütter, die über die Berliner Jugendämter vermittelt werden, ist ein Vorbereitungskurs schon seit Anfang der 80er Jahre Pflicht“, sagt Eveline Gerszonowicz von Familien für Kinder. Heute gilt: Vor Beginn der Tätigkeit muss man die vom DJI empfohlenen 30 Unterrichtsstunden besucht haben, außerdem einen Kurs zur Ersten Hilfe bei Säuglingen und Kleinkindern. Innerhalb von fünf Jahren muss in weiteren 48 Unterrichtsstunden ein Grundzertifikat erworben werden. Wer noch mehr lernen will, kann freiwillig weitere 148 Stunden dranhängen und erhält ein Aufbauzertifikat.

Auch für Frauen, die schon länger im Geschäft sind, ist kontinuierliche Weiterbildung wichtig, jetzt sogar verpflichtend. Eveline Ergang-Mauser etwa ist bereits seit vielen Jahren Tagesmutter. Dennoch sitzt sie regelmäßig in Fortbildungskursen, dazulernen ist für sie ein Muss. „Auch wenn ich viele Dinge schon oft gehört habe, irgendetwas Neues bleibt immer hängen“, sagt sie. Wie viele andere Tagesmütter ist die gelernte Sekretärin eine klassische Quereinsteigerin. „Eine Freundin und ich waren gleichzeitig schwanger. Sie wollte wieder arbeiten gehen, ich zuhause bleiben.“ Also betreute Eveline Ergang-Mauser das Kind der Freundin tagsüber gleich mit – und über die Jahre wurden es immer mehr. Fünf Tagespflegekinder zwischen ein und vier Jahren gehen heute in ihrem Haus in Reinickendorf ein und aus.

Im Gegensatz zu vielen westdeutschen Städten hat die Tagespflege in den ehemaligen West-Bezirken Berlins eine rund dreißigjährige Tradition, „weil es damals schlichtweg nicht genug Kitas gab“, so Ergang-Mauser. Früher lief viel über private Initiative, heute werden in der Hauptstadt die meisten Plätze über das Jugendamt vermittelt und anteilig oder sogar voll bezahlt. Wie hoch der Eigenbeitrag der Eltern für öffentlich geförderte Kindertagespflege ist, hängt vom Einkommen und der Dauer der Betreuung ab. Bei privat finanzierter Tagespflege wird die Höhe der Bezahlung im Einzelfall ausgehandelt.

Die Preise sind regional unterschiedlich. Im Bundesdurchschnitt liegen die Stundensätze pro Kind derzeit zwischen drei und vier Euro. „In Berlin bekommt eine Tagesmutter bei einer Ganztagsbetreuung über das Jugendamt pro Kind rund 1,50 Euro pro Stunde“, sagt Eveline Gerszonowicz. „Dieses Entgelt wird allerdings nur für die Erziehungsleistung gezahlt. Für Betriebskosten und Verpflegung bekommt die Tagesmutter noch einmal genauso viel. Das Ganze ist steuerfrei.“

Der Lebensunterhalt lässt sich davon in der Regel nicht bestreiten. Für viele Frauen wird die Arbeit als Tagesmutter daher nur eine Nebentätigkeit bleiben können – allerdings, und da sind sich wohl alle Beteiligten einig, eine ziemlich schöne.

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