Zeitung Heute : Lob der Landpartie

Grüne Bühne. Noch liegt nur Vogelgezwitscher über der Uckermark. Bald erklingen noch andere schöne Töne im Freien. Die Musiker kommen – in viele Orte der Region. Foto: laif
Grüne Bühne. Noch liegt nur Vogelgezwitscher über der Uckermark. Bald erklingen noch andere schöne Töne im Freien. Die Musiker...Foto: Thomas Linkel/laif

In den ersten Jahren waren es echte Abenteuer-Trips. Expeditionen ins Unbekannte, über löchrige Buckelpisten in eine Region, die jahrzehntelang von der Insel Berlin (West) abgeschnitten gewesen war. Neben der Landkarte und Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ hatte man besser auch immer einen Picknick-Korb dabei – denn das gastronomische Angebot war noch weit entfernt vom Anschluss ans Weltniveau.

Und doch waren diese ersten Ausflüge der Mauerstädter ins Umland berauschende Erlebnisse, getragen von ungebremster Entdeckerfreude und Wiedervereinigungseuphorie. In diesem ersten Nachwende-Sommer schlug die Geburtsstunde der Brandenburgischen Sommerkonzerte. Die Idee von Werner Martin, im Hauptberuf eigentlich Anwalt, war von Anbeginn die Begegnung zwischen Ost und West, zwischen Stadt und Land, Kunst und Natur. Zunächst waren die musikalischen Landpartien eine sehr berlinerische Angelegenheit: Man fuhr mit dem Sonderzug oder dem Reisebus zum Zielort, lief in geführten Grüppchen staunend, oft auch erschrocken, durch marode Altstädte, vorbei an bröckelnden Fassaden, über triste Plätze, bis hin zur Kirche oder zum Herrenhaus des Ortes, wo Stärkung winkte in Form der Kaffeetafeln, die von lokalen Hausfrauen mit Gebrühtem und Gebackenem beschickt wurden. Nach dem Konzert war man oft froh, wieder in die plötzlich so wohlhabend erscheinende Metropole zurückzukehren. Ein leichter Hauch von Imperialismus schwang da durchaus mit, das Gefühl der Kulturlandverschickung: Wir bringen den Dörflern Hauptstadtniveau – und uns gleich selber noch mit.

Doch so, wie sich im Lauf der Zeit die Sommerkonzerte zu einem Fixpunkt in der Planung kulturbegeisterter Hauptstädter mauserten, ließen sich von Jahr zu Jahr auch immer deutlicher die Segnungen des Aufbau Ost nachvollziehen. Heute sind die Straßen perfekt, die Infrastruktur funktioniert, und Geschäftsführer Arno Reckers kann stolz darauf verweisen, dass bei vielen Konzerten nur noch die Hälfte der Besucher aus der Hauptstadt anreist. Die übrigen Tickets an die Leute werden vor Ort verkauft.

Immer sonnabends und sonntags bieten die Sommerkonzerte von Ende Juni bis Anfang September ihre Tagesseminare in Entschleunigung an, 20 000 Tickets werden jedes Jahr verkauft, über 500 Konzerte mit rund 9000 Künstlern waren seit 1990 zu erleben, an 200 verschiedenen Spielstätten. In diesem Jahr sind zehn neue Orte dabei: Strausberg, Neustadt an der Dosse, Calau, Großkmehlen, Briesen (Spreewald), Dissen, Kolkwitz, Pritzwalk, Guben und Ribbeck (Havelland). Viele von diesen Fleckchen brandenburgischer Erde würde wohl kaum ein Berliner für sich entdecken, wenn es den Katalysator der Sommerkonzerte nicht gäbe. Das Festival ist immer wieder ein guter Anlass, sich auf den Weg zu machen, um jenseits von Neonaziterror und Stasiverstrickungen ein Brandenburg zu suchen, wie es sich Friedrich der Große erträumte: aufgeklärt und kunstsinnig, heiter und polyglott.

In diesem Jahr beginnt das Festival am 13. Juni in der Erlöserkirche Potsdam mit einem Auftritt des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin. Dieses Konzert gibt die Richtung des Jubiläums-Programms vor: Dem künstlerischen Leiter der Sommerkonzerte, Joachim Pliquett, ist es nämlich gelungen, 2010 zu einem echten Orchesterfest zu machen. Standen in bisher vor allem kammermusikalische Formationen im Mittelpunkt, so wird diesmal der sinfonischen Opulenz gehuldigt. Alle vier Klangkörper der Berliner Rundfunk Orchester und Chöre GmbH sowie die großen brandenburgischen Orchester werden bis zum 11. September dabei sein.

Zu einem Höhepunkt dürften auf jeden Fall am 22. August der Auftritt des Berliner Rundfunkchors sowie des Rundfunk- Sinfonieorchester Berlin in der Pritzwalker Nikolaikirche werden, bei dem Marek Janowski Schuberts As-Dur-Messe dirigiert. Was für ein erstaunliches Niveau sich die Brandenburger Symphoniker mit ihrem Chefdirigenten Michael Helmrath erarbeitet haben, ist am 29. August 2010 in der Marienkirche von Beeskow zu erleben. Das Konzert der Kammerakademie Potsdam mit dem Klarinettisten Paul Meyer am 24. Juli in der Luckauer Nikolaikirche hat einen prominenten Moderator: nämlich den früheren brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm. Populäre Großereignisse schließlich sollen die Open-Air-Konzerte am 10. Juli auf dem Landgestüt in Neustadt/Dosse sowie am 7. August im Schlosspark Stechau werden.

Das Festival 2010 beginnt am 13. Juni und läuft bis zum 11. September. Weitere Informationen unter : www.brandenburgische-sommerkonzerte.de, Kartentelefon: 01805/805720

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