Zeitung Heute : Locker beim Stockfisch

Das Schaffermahl weckt Bremens Bürgergeist

Hermann Rudolph

Ein Filmbild ist das nicht, obwohl die Szene so malerisch wirkt wie ein Historienstück à la Visconti, bürgerliche Welt des 19. Jahrhunderts, hingebungsvoll arrangiert bis in die Valeurs und Nuancen hinein: 300 Herren im Frack an drei endlos langen Tischen, Wandtäfelungen und Renaissance-Ornamente, unter der hohen Balkendecke des schönen Rathaus-Saales die gewaltigen Modelle alter Segelschiffe. Es ist ein hartnäckiger Fall von Tradition, ein kulturhistorisches Ereignis. Es ist ein Nachmittag in Bremen. Eigentlich ist es ein Essen. Es heißt Schaffermahlzeit.

Die veranstalten sie nun hier in Deutschlands kleinstem Land zum 459. Mal – was der Schaffermahlzeit das Prädikat des ältesten Freundschaftsmahls der Welt einbringt. Schaffen heißt übrigens nicht arbeiten, sondern essen. Ursprünglich – so lernt man – war die Schaffermahlzeit ein Abschiedsessen der Kaufleute und Kapitäne, bevor sie im Frühjahr nach der Eisschmelze wieder auf Fahrt gingen. Der rote Faden ist eine 1545 gegründete soziale Stiftung zur Unterstützung von alten Seeleuten und ihren Angehörigen. Vielleicht könnte sich die Schaffermahlzeit also auch das älteste Fundraising-Dinner der Welt nennen.

Nur dass hier alles anders ist. Man kann sich die Teilnahme nicht erkaufen, sondern wird eingeladen – und das nur ein einziges Mal im Leben. Auch ist das Essen kein Feinschmecker-Termin. Es gibt Hühnersuppe, Stockfisch, Braunkohl, Rigaer Butt, bremische Seemanskost, traditionsgesotten, ohne Schnörkel. Es gibt nicht weniger als elf Reden, und zuletzt die Ansprache eines Ehrengastes. Und vor allem: Wo die Fundraising-Essen unserer Tage mit Originalität zu glänzen suchen, herrscht hier ein strenges Zeremoniell.

Keine Zufälligkeiten, kein Raum für Improvisation. Alles ist hier, wie es schon immer war. Hühnersuppe – und die Rede auf Bundespräsident und Vaterland, Braunkohl – und das Lob Bremens und der Seefahrt, Rigaer Butt – und die Damenrede, obwohl Damen gar nicht teilnehmen dürfen: ein Patchwork, bei dem alles seine Bedeutung hat. Am Ende jeder Rede ruft einer mit Stentorstimme ein dreimaliges, merkwürdig rhythmisiertes Hepp in den Saal, auf das alle stehend ein Hurra ausbringen, donnernder von Mal zu Mal. Auch die Nationalhymne wird gesungen. Kurz: Das Essen, fünf Stunden lang – mit dem Empfang der Handelskammer zuvor und dem Seemannsball danach bald zehn – ist ein bremisch-patriotisches Ritual.

Zu welchem Zweck? Vielleicht darf man es sich so vorstellen: Mit der Zeremonie vergegenwärtigen sich Gastgeber und Gäste, was die Stadt einmal zusammengehalten hat, Seefahrt und Handel, das Band zwischen den Ständen und Generationen, dem gemeinsamen Widerstehen gegen die Unbilden der Zeiten. Es ist der Lebensnerv dieser Stadt, die sich gern die älteste Republik in Europa nennt, und die Feier ein Akt bürgerschaftlicher Selbstvergewisserung – obwohl die Kaufleute, die hier sitzen, weniger mit Kaffee und Rotwein handeln als mit Öl und Versicherungen, und die Kapitäne statt auf Segelschiffen auf riesigen Container-Pötten fahren.

Natürlich ist das Mahl auch so etwas wie eine Selbstverteidigung Bremens. Die Stadt hat es ja nicht leicht. Bei den meisten Plänen zur Gebietsreform geht der 650000-Bürger-Staat über die Wupper, und nun droht am 25. Mai auch noch eine Parlamentswahl, bei der alle fürchten, die Berliner Erschütterungen könnten die große Koalition gefährden, die seit acht Jahren hier regiert, erfolgreich, wie alle sagen. Um so unüberhörbarer fällt das Lob für den Senat aus – für die, wie es in einer Rede heißt, „Dreierkoalition aus CDU, SPD und Henning Scherf“, dem Bürgermeister, der unter den Gästen ist. Und um so nachdrücklicher wird die Erinnerung gestreichelt, dass Bremen immer um seine Unabhängigkeit kämpfen musste.

Die Ehrenrede hält Claude Martin, der französische Botschafter. Es ist eine der Ansprachen, auf die er sich versteht: eine Ermutigung der Deutschen, die in ihrem Hang zur Selbstquälerei ihr Licht so gerne unter den Scheffel stellten. Bremen, sagt er, gehöre zu den Orten, „deren Solidität und unternehmerischer Geist Deutschland Vertrauen geben können“. So sehen es die Bremer ja auch. Wer an der Schaffermahlzeit teilgenommen hat, weiß ein bisschen besser, weshalb.

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