Zeitung Heute : Lockerbie-Prozess: Aber das Herz bleibt schwer

Thomas Roser

Am Ende kann Jim Swire nicht mehr. Bei Gaddafi war er zu Besuch und bei Tony Blair. Seiner Beharrlichkeit ist es maßgeblich zu verdanken, dass es zu diesem Prozess gekommen ist. Zwölf Jahre lang hat er dafür gekämpft, dass die Mörder seiner Tochter Helga gefunden werden, die am Abend des 21. Dezember 1988 um 19 Uhr 02 im Himmel über Lockerbie starb. Aber als Schottlands dienstältester Richter Ranald Sutherland das Urteil verkündet, bricht Jim Swire einfach auf seinem Stuhl zusammen. Der Richter bekommt hinter seiner Glasscheibe davon kaum etwas mit, und so wiederholt der Protokollant wie vorgesehen und ohne Pause den Spruch des Gerichts, während Swire von Sanitätern aus dem Raum getragen wird: lebenslang für den Angeklagten Abdel Bassit Ali el Mekrahi, der des 270-fachen Mordes schuldig sei, Freispruch für Amin Chalifa Fuheima.

Nur wenige hatten mit einer Verurteilung eines Angeklagten gerechnet. Zu brüchig schien die Beweiskette in dem Indizienprozess, mit der die Anklage ihre Vorwürfe gegen die beiden Angeklagten zu untermauern suchte, zu streng schienen die Vorgaben des schottischen Rechts, die eine Verurteilung nur bei zweifelsfreier Schuld ermöglicht. Sie seien sich bewusst, dass nach dem Verfahren "einige Unsicherheiten" blieben, räumten die Richter in ihrer Begründung der lebenslangen Freiheitsstrafe für el Mekrahi ein. Doch die Summe der Beweise füge sich zu einem "überzeugenden" Bild: "Es gibt nichts, was uns an der Schuld des Verurteilten zweifeln lässt."

Mehr als zwölf Jahre liegt der mysteriöse Anschlag zurück, für den sich die beiden Libyer in den vergangenen acht Monaten vor den drei Richtern mit den Rosshaarperücken zu veranworten hatten und der den Ortsnamen Lockerbie in der Welt auf traurige Weise bekannt machte. Wie ein immer stärker werdendes Donnergrollen kündete sich an jenem Abend das Inferno für die 4000 Bewohner der schottischen Ortschaft an. Körper, Wrackteile und Gepäckstücke prasselten danach auf die Dächer und Straßen. Die Augenzeugen berichteten später von bis zu 200 Meter hohen Flammenwänden und beißendem Treibstoffgeruch. Alle 259 Passagiere des Pan-Am-Flugs 103 von London nach New York und elf Einwohner von Lockerbie verloren das Leben.

Die Familienmitglieder reagierten mit gemischten Gefühlen auf die erste Verurteilung eines Beteiligten. Die Amerikanerin Aphrodite Tsaris ist über die Verurteilung von Mekrahi "sehr froh". "Jahrelang haben wir auf unsere Fragen nach den Verantwortlichen für den Tod unserer Liebsten nie eine Antwort erhalten, nun wurde zumindest ein Beteiligter für schuldig erklärt", sagt sie, "aber es brach mein Herz, als Fuheima den Gerichtssaal verlassen durfte: Er war es schließlich, der den Koffer in das Flugzeug schmuggelte." Für die Waliserin Betty Thomas, die bei dem Attentat ihre schwangere Tochter und eine Enkelin verlor, ist der Fall mit der Verurteilung von Mekrahi jedoch keineswegs erledigt: "Ich will wissen, wer hinter dem Attentat stand, wer den Auftrag gab und bezahlt hat: Vorher kann ich keinen Frieden finden."

Die Suche nach den Hintermännern des Attentats hatte die Ermittler schnell in den Nahen Osten geführt. Erste Indizien schienen die Vermutung zu bestätigen, dass palästinensische Terroristen im Auftrag Teherans mit dem Anschlag den Abschuss einer iranischen Maschine durch den US-Kreuzer Vincennes im Juli 1988 rächen wollten. Doch aus Malta stammende Textilreste im Koffer, in dem sich auch die Bombe befand, brachten die Kriminalbeamten auf die libysche Spur. 1991 klagten Großbritannien und die USA el Mekrahi und Fuheima an: Sie warfen den beiden vor, den Koffer auf Malta in eine Zubringermaschine des Unglücksflugzeugs geschmuggelt haben. Nachdem sich Tripolis zunächst weigerte, die Angeklagten auszuliefern, verhängten die UN einen Handelsboykott gegen Libyen. Erst nach jahrelangem Tauziehen einigten sich die beteiligten Staaten auf Druck der Angehörigen und nach Vermittlung von UN-Generalsekretär Kofi Annan auf einen in der internationalen Justizgeschichte bisher einmaligen Kompromiss: Auf dem ehemaligen Luftwaffenstützpunkt Kamp Zeist in den Niederlanden wurde gegen die Angeklagten im Mai der Prozess eröffnet. Auf dem Gelände, das die Niederlande für die Dauer des Prozesses an Großbritannien übergeben hatten, fand die Verhandlung unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen statt.

So dicht wie der Nebel, der sich gestern über den Militärstützpunkt senkte, so unklar blieb für manche Prozessbeobachter auch das Urteil. "Der ganze Prozess wurde doch von westlichen Interessen dominiert", sagte eine Angehörige des Verurteilten in die Mikrofone arabischer Fernseh-Anstalten. Er sei unschuldig und wolle deswegen auch keine mildernden Umstände geltend machen, sondern in Berufung gehen, ließ Mekrahi über seinen Anwalt mitteilen. Der freigesprochene Fuheima sei derjenige gewesen, der den Koffer eigentlich in die Maschine geschmuggelt haben soll, gab Ismael Zayer, Korrespondent der arabischen Zeitung Al Hayat zu bedenken: "Das Ganze macht wenig Sinn. Ich fand die Beweislage eigentlich zu schwach für eine Verurteilung."

Die Verteidigung hatte nicht Libyen, sondern die palästinensische Terrorgruppe PFLP für den Anschlag verantwortlich gemacht. Die Kronzeugen der Anklage qualifizierte sie als wenig glaubwürdig ab. Angesichts offensichtlicher Ungereimtheiten in der Beweisführung verzichteten die Anwälte der Angeklagten siegesgewiss auf die Vorladung eigener Zeugen. Doch während diese Taktik für den freigesprochenen Fuheima aufging, kann Mekrahi nach dem Willen seiner Richter frühestens in 20 Jahren mit einer Begnadigung rechnen.

Mit wenigen Worten verabschiedeten sich die beiden in weiße Kaftane gekleideten Libyer voneinander. Während Fuheima sofort nach seinem Freispruch entlassen wurde, wird der Berufungsprozess gegen Mekrahi frühestens in sechs Wochen beginnen; mit einem Urteil ist voraussichtlich in sechs Monaten zu rechnen.

Auch für die Familien der Opfer ist der Lockerbie-Fall noch keineswegs beendet. Während Jim Swire nach seinem Schwächeanfall im Krankenhaus behandelt wird, spricht die Britin Jean Berkley im Namen der Toten. "Wir wussten schon vorher, dass der Prozess keineswegs alle unsere Fragen beantworten würde", sagt sie. "Für uns ist das Urteil nicht das Ende, sondern erst der Anfang der Suche nach den Hintermännern des Anschlags."

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