Zeitung Heute : Lockert die Lebensläufe

Die Deutschen werden immer älter, der Pflegebedarf steigt: Dieser demographische Wandel erfordert eine neue Lastenverteilung.

Andreas Eckert
Weiterarbeiten.
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Die Generation der Babyboomer beginnt demnächst in Rente zu gehen. Der absehbare Abschied der geburtenstarken Jahrgänge aus dem Erwerbsleben wirft mit Nachdruck die Problematik der „alternden Gesellschaft“ auf. Die Chancen und Schwierigkeiten, die damit verbunden sind, werden von Wissenschaftlern zunehmend intensiv und kontrovers diskutiert. Die Politik hält sich indes noch vornehm zurück. Doch eine Gesellschaft, in der bald jeder Dritte älter als sechzig ist, sollte schleunigst neu über die Lastenverteilung in Pflege und Rente nachdenken. Und sich fragen, ob die hierzulande traditionell fest gefügte und scharf markierte Einteilung des durchschnittlichen Lebenslaufes in Kindheit, Jugend, Erwerbstätigkeit und schließlich Ruhestand nicht dringend der Auflockerung bedarf.

In rund fünfzehn Jahren werden in Deutschland mehr als sechs Millionen über Achtzigjährige und rund drei Millionen Pflegebedürftige leben. Gegenwärtig sind es vor allem Frauen, die ihre Verwandten pflegen, in der Regel unentgeltlich. Dieses Modell hat keine Perspektive. Die Zahl der weiblichen Erwerbstätigen wird trotz diverser Barrieren steigen, Heime können den wachsenden Bedarf nicht abfangen. Im Pflegeberuf gibt es schon heute freie Stellen zuhauf. Das Statistische Bundesamt rechnet bis 2025 gar mit mehr als 100 000 Vakanzen in diesem Bereich.

Bedeutet schrumpfende Bevölkerung und der steigende Anteil der Alten denn wenigstens in Zukunft Arbeit für alle? In dieser Frage tun sich die Spezialisten ebenfalls schwer – was sich gut an der Debatte um den „Fachkräftemangel“ illustrieren lässt. In fünfzehn Jahren werden in Deutschland, so unken einige Arbeitsmarktforscher, Millionen qualifizierte Mitarbeiter fehlen. Nun steckt hinter dem Gejammer vieler Firmen sicher ökonomisches Kalkül. Denn sinkt das Angebot an spezifischen Arbeitskräften, steigen gleichsam die Preise, also die Löhne. Doch in der Tat könnte der demographische Wandel in Zukunft in der Bundesrepublik Arbeitskraft zu einem knapperen Gut werden lassen. Die verstärkte Integration von Frauen und Zuwanderern in den Arbeitsmarkt gilt zwar als viel versprechendes Mittel, diesem Trend entgegen zu steuern. Die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie erweist sich in der Praxis bisher jedoch oft als Chimäre. Gut qualifizierte Fachleute aus Kenia, Indien oder Brasilien beißen sich am deutschen Zuwanderungsrecht die Zähne aus. Zudem gilt: Ohne Schulabschluss und Ausbildung wird auch 2030 niemand einen guten Job ergattern.

Schließlich kann sich Deutschland in Zukunft auch nicht mehr leisten, das wertvolle Potenzial der „Alten“ brach liegen zu lassen. Wer weiß, vielleicht können Menschen im Jahre 2030 ab einem bestimmten Alter selbst entscheiden, ob sie weiter arbeiten können oder möchten – oder eben nicht. Dies würde allerdings mehr Elastizität der Unternehmen erfordern, älteren Mitarbeitern je nach ihren geistigen und körperlichen Fähigkeiten spezifische Tätigkeiten zu ermöglichen.

Vieles hat sich im Laufe der Jahrhunderte verändert. Eins ist jedoch gleich geblieben: die Vorwürfe der wenigen und ihrer Adlaten an die Adresse der vielen, die nichts als sich selber zu verkaufen haben. Einst galten sie als faul, weil sie sich nicht ins Korsett der industriellen Arbeitszeit pressen lassen wollten. Heute wird uns vorgerechnet, wir seien zu wenig agil, flexibel und mobil. Mobilität heißt etwa, dass der Arbeitsplatz seine klare Abgrenzung zum Wohnort verliert. Die Grenze zur Freizeit verwischt, ein neues Zeitregime entsteht, mit Teilzeit und Gleitzeit, mit neuen Freiheitschancen, aber auch neuen Abhängigkeiten. 2030 werden befristete Arbeitsverträge und Teilzeitarbeit in Deutschland „normal“ sein – eine Verheißung für die einen, eine Horrorvision wohl für die anderen.Andreas Eckert

Der Autor ist Inhaber des Lehrstuhls für Geschichte Afrikas und Leiter des Internationalen Geisteswissenschaftlichen Kollegs „Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive“.

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