Zeitung Heute : Lockruf der Zurna

MAERZMUSIK Marc Sinan verschmilzt in „Hasretim – eine anatolische Reise“ Klänge aus Ost und West.

UWE FRIEDRICH

Eine Kultur lässt sich am besten über Musik kennenlernen – davon ist Marc Sinan überzeugt. Als klassisch ausgebildeter Gitarrist, der in Deutschland aufgewachsen ist, fühlt er sich der türkischen Kultur doch nahe, denn seine Mutter stammt aus einer türkisch-armenischen Familie. Mit seinem Projekt „Hasretim“, das bei der MaerzMusik aufgeführt wird, möchte er nun Übersetzungshilfe leisten. „Hasretim“ heißt „Meine Sehnsucht“, und so begab Sinan sich auf die Suche nach den alten musikalischen Ausdrucksformen.

Auf einer Reise durch Anatolien lernte er mit der Musik auch die Menschen kennen. Auf Dorfplätzen, in Dorfschenken und zu Hause hat er die traditionellen Musiker gefilmt. In Anatolien spielt die Musik noch eine starke Rolle im Alltagsleben, sie ist nach wie vor unverzichtbar bei Hochzeiten und Beerdigungen. Hier wird nicht bloß am Wochenende ein bisschen Volksmusik zum Spaß gemacht, bei der das fröhliche Zusammenspielen im Vordergrund steht. Das würde schon wegen der komplizierten Tonalität nicht funktionieren, erzählt Marc Sinan: „Sie finden dort Instrumentalisten, die hochkomplexe Rhythmen ebenso souverän beherrschen wie die Permanentatmung. Sie müssen aufeinander achten, weil die Tonhöhe auch in kleinsten Schwankungen eine Bedeutung hat, die wir in der westlichen Musik nicht kennen. Diese Musiker spielen ihre Instrumente ebenso virtuos wie ein westlicher Solist seine Geige oder sein Klavier.“

Davul, Duduk, Kemence, Saz, Ud und Zurna, all diese Instrumente werden in der Aufführung zu hören sein, die einem musikalischen Roadmovie ähnelt. Marc Sinan hat türkische und armenische Gastmusiker mit den Dresdner Sinfonikern und dem Hezarfen Ensemble Istanbul zusammengebracht, damit etwas Neues entsteht, das doch tief in den orientalischen Traditionen wurzelt. Weit entfernt vom Orientalismus des 19. Jahrhunderts, der nur die Klangfarbe als Material nahm. Dabei öffnete die Musik mit ihren Improvisationsmöglichkeiten schon immer Freiräume, die das politische Leben damals wie heute nicht bieten kann. „Mich hat vor allem interessiert, dass diese Musik sehr gegenwärtig ist“, sagt Sinan. „Ich höre eine Free-Jazz-Veranstaltung in Berlin, fliege dann nach Anatolien und höre dort einen Zurnaspieler, der etwas Ähnliches macht wie der Jazzer. Er benutzt Skalen, die wir gar nicht kennen, er spielt ein Zehnminutensolo mit Permanentatmung und der einzige Grund, das als Volksmusik einzuordnen, ist der Kontext.“

Nun wird diese Musik in einen neuen Zusammenhang gestellt und beide Seiten müssen die Herausforderungen der jeweils anderen Musizierweise annehmen. Die westlichen Musiker haben jahrelang trainiert, die detailliert aufgeschriebene Komposition möglichst exakt in klingende Töne umzusetzen, die türkischen Musiker sind Meister darin, ihre Musik im Zusammenspiel mit viel größerer Improvisationsfreiheit zu entwickeln. „Der größte Teil der Proben bestand darin, die Tonhöhen abzustimmen“, erzählt Sinan. „In der türkischen Musik besteht ein Ganzton aus neun Tonstufen. Da sind besonders die westlichen Klarinettisten sehr stark gefordert. Aber auch die türkischen Musiker entwickeln neue Spielweisen, um auf die Töne des westlichen Orchesters zu reagieren. So entdecken auch sie ihre Instrumente ganz neu.“

Das Berliner Ethnologische Museum hat das Originalmaterial von der Anatolienreise in sein Archiv aufgenommen, auch auf der aktuellen CD- und DVD-Veröffentlichung ist es als Bonusmaterial enthalten. Doch versteht sich der Komponist Marc Sinan nicht als wissenschaftlicher Forscher, sondern als Entdeckungsreisender in Sachen lebendige Musik. Getrieben von einer Sehnsucht nach verblüffenden Klängen, nach jenen Klängen, die aus den alten Traditionen wachsen können, wenn sie gemeinsam neu befragt werden. UWE FRIEDRICH

Kammermusiksaal,

20.3., 19 Uhr

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