Zeitung Heute : Lösung im Streit um Garnisonkirche in Sicht

Der Tagesspiegel

Von Thorsten Metzner

Potsdam. In der brandenburgischen Landeshauptstadt ist am Sonntag der Opfer des alliierten Bombenangriffs vom 14. April 1945 gedacht worden, bei dem weite Teile der Altstadt mit Wahrzeichen wie dem Stadtschloss und der Garnisonkirche in Schutt und Asche gelegt worden waren. Auf einem Gottesdienst in der Nikolaikirche warb der frühere Leiter des Friedenszentrums an der Kathedrale im englischen Coventry, Kanonikus Paul Oestreicher, um Versöhnung zwischen Menschen, Religionen und Staaten. Oestreicher sprach sich für das geplante Versöhnungszentrum im aufgebauten Turm der Garnisonkirche aus, die auch ohne Coventry-Nagelkreuz an der Spitze errichtet werden könne.

Die Luftangriffe auf Potsdam und andere deutsche Städte im Jahr 1945 seien „ethisch gesehen als Kriegsverbrechen“ zu werten, sagte Oestreicher, der als einer der prominentesten Vertreter der Friedens- und Menschenrechtsbewegung gilt. Auch heute sei es Aufgabe der Kirche, für Vergebung statt für Vergeltung einzutreten - so im Nahostkonflikt. „Was Israel tut, ist ein Verbrechen“, sagte Oestreicher in seiner Predigt. Dies sei kein Antisemitismus, „sondern Solidarität mit jener tapferen Minderheit im Israel, die anders denkt". Oestreicher erinnerte daran, dass das Friedenszentrum im 1940 durch die deutsche Luftwaffe zerbombten Coventry nur möglich gewesen sei, weil die dortige Kirche zur Vergebung mit den Deutschen bereit gewesen sei.

Wie berichtet, soll nach Coventry-Vorbild der Turm der im Krieg zerstörten und 1968 von den SED-Machthabern gesprengten Potsdamer Garnisonkirche als Kirche und internationales Versöhnungszentrum wieder aufgebaut werden. Obwohl die Fronten zwischen den Beteiligten verhärtet waren, rückt nach einem Krisengipfel am Wochenende unter Moderation von Oestreicher und dem Militärseelsorger Werner Krätschell nunmehr eine Lösung in greifbare Nähe: Die evangelische Kirche, der Traditionsverein Potsdamer Glockenspiel, die Stiftung Preußisches Kulturerbe und Vertreter der Stadt Potsdam unterzeichneten eine Erklärung, in der Dissenspunkte ausgeräumt wurden. Zitat: „Der Garnisonkirchturm ist wichtig für die Identität der Potsdamer und darüber hinaus ein Symbol von nationaler Bedeutung und internationaler Wirkung." Auch sind sich beide Seiten einig, dass der Turm als „Kirche erbaut und genutzt“, dass er „weitestgehend in seiner preußisch-barocken Gestalt“ wiedererrichtet werden soll. Vor allem aber hat die Traditionsgemeinschaft, die 5,3 Millionen Euro Spendengelder für das Vorhaben – die Hälfte der benötigten Mittel – sammelte, ihre massiven Vorbehalte gegen das Kirchenkonzept aufgegeben. „Im Blick auf die Einrichtung eines Versöhnungszentrums im Garnisonkirchturm gibt es Übereinstimmung im Sinne der biblichen Aussagen von der Versöhnung“, heißt es in der Erklärung.

Der Streit hatte sich bislang öffentlich vor allem darum gedreht, ob das Coventry-Friedenskreuz oder der historische Preußen-Adler den aufgebauten Turm der Garnisonkirche krönen soll. Zwar klammerten die Beteiligten diese Symbolfrage aus, wie auch die weiterhin strittige Eigentums- und Trägerschaftslösung. Aber auch in diese Debatte ist nach dem Krisengipfel neue Bewegung gekommen – durch eine Mahnung Oestreichers. Entscheidend werde sein, was in der künftigen Garnisonkirche geschehe, welche „kreativen Konflikte“ sie auslöse, sagte er. „Nur wenn die Kirche Schlagzeilen macht, wird sie Bedeutung haben“, so Oestreicher. „Die Turmspitze ist eine sehr, sehr zweitrangige Frage". Nach seinen Worten ist es nicht zwingend, das Coventry-Nagelkreuz auf die Spitze der Garnisonkirche zu setzen – bislang eine Hauptforderung der Kirche. Oestreicher: „Daran darf das Projekt nicht scheitern.“ Zudem sei „Potsdam nicht der Nabel der Welt." Und „was auf der Turmspitze sei, werden selbst die Potsdamer schnell vergessen.“ Dagegen betonte Bischof Wolfgang Huber, dass es beim Nagelkreuz an der Spitze um den „Zusammenhang zwischen Inhalt und Gestalt“ gehe. Potsdams Oberbürgermeister Platzeck (SPD) bezeichnete die gemeinsame Erklärung als Zeichen der Versöhnung. „Der Aufbau des Turms der Garnisonkirche ist jetzt realistisch geworden."

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