Zeitung Heute : Löwen weinen nicht

Der Tagesspiegel

Von Elke Windisch

Das Lied der Männer ist so wild wie die Gegend, die der offene Pick-up durchfährt: Rostrote Berge bohren ihre Schneekuppen in den gnadenlos blauen Himmel, über weite Strecken gurgelt der Konar-Fluss, und auf der Ladefläche singen sie vom Land der Tiger und Löwen, der Heimat der Mudschaheddin und heiligen Märtyrer – sie singen von Afghanistan: „Wer nach dir die Hand ausstreckt, den erwartet der Tod.“

Abdulchalil Wahidi, Gouverneur der Provinz Laghman, fährt nach Hause und mit ihm eine kleine Armee: ein knappes Dutzend Pick-ups mit je 15 Mann. Sie tragen Kalaschnikows, Maschinengewehre, Minen- und Granatwerfer, alles made in USSR, Trophäen aus dem Kampf gegen die „schurawi“, wie sie den früheren Gegner nennen. Dazu kommen ein paar amerikanische Stinger-Raketen, die in den 80ern die Sowjetpiloten das Fürchten lehrten und heute Forderungen an die nach wie vor schwache Regierung von Premier Hamid Karsai Nachdruck verleihen.

Dessen Entwaffnungspläne von Ende Dezember nehmen Provinz-Gouverneure wie Wahidi noch kein bisschen ernst, sie haben ja auch keinen Grund dazu. Die internationale Friedenstruppe für Afghanistan schiebt vorerst nur in Kabul Dienst. Deshalb will Karsai eine Ausweitung des Mandats der ISAF-Soldaten erreichen, auch bei seinem heute beginnenden Deutschland-Besuch wird er dafür werben. Seine Erfolgsschancen bei Bundeskanzler Schröder und Außenminister Fischer sind allerdings gering, wahrscheinlich wird er auch weiter Schwierigkeiten haben, seine Politik in den Provinzen durchzusetzen – wie auch in Laghman.

Gouverneur Wahidi hat gerade zwei Monate in der Hauptstadt verbracht, um mit der neuen Macht die Bedingungen einer friedlichen Koexistenz auszuhandeln. Das Ergebnis: ein Agreement, das Karsai inzwischen als Serienbrief drucken könnte. Kabul mischt sich nicht in die verzwickten inneren Angelegenheiten der Provinz Laghman ein, und dessen Gouverneur schickt dafür Teile seiner Milizen nach Hause. Das, meint Wahidi jetzt, werde er sich aber noch einmal überlegen. Der Grund: Als Zugabe für den Deal hat er in Kabul ein Satelliten-Telefon verlangt – ohne Erfolg. Man befürchtete, das Beispiel könne Schule machen, bei 37 Gouverneuren wäre die Staatskasse im Handumdrehen leer.

Sparsamkeit sei gut, aber ihm gegenüber unangebracht, erregt sich Wahidi. Er hat Recht. Laghman, östlich von Kabul gelegen, ist eine der unruhigsten Provinzen des Landes. Ihr Name soll sich von einer Spezialität herleiten, die in ganz Zentralasien bekannt ist: Auf den Basaren sind sich die Köche ungeteilter Aufmerksamkeit sicher, wenn sie die Arme ausbreiten, um mehrere Meter lange, handgemachte Nudeln aufzuwickeln. Allerdings laufen ihnen auf dem Hauptmarkt von Mehtar-Lam, der Provinzhauptstadt, gegenwärtig Waffenhändler den Rang ab. Vier Reparaturwerkstätten für Schusswaffen gibt es allein im Stadtzentrum. Das Angebot reicht von britischen Musketen aus dem 19. Jahrhundert bis hin zu 82-mm-Granatwerfern. Zwar ist das Tragen von Waffen inzwischen offiziell verboten. Für 100 Dollar holt der Besitzer jedoch sogar Schnellfeuergewehre unter dem Ladentisch hervor. Granaten kosten zwei Dollar das Stück. Wenn man Großkunde ist und auf Mengenrabatt Anspruch hat, auch weniger.

„Ein afghanischer Mann weint nicht“, sagt Waffenhändler Usto Zikrullah, „ein afghanischer Mann würgt seine Tränen mit dem Staub dieser verdammten Erde herunter und schlägt zurück.“ So wie damals, als die Sowjets sein Dorf angriffen und er seine Eltern verlor. Das Gewehr, das er einem der getöteten Russen abnahm, hat einen Ehrenplatz in seiner Kollektion und ist unverkäuflich. „Ein feines Stück“, sagt der Usto – Handwerksmeister bedeutet das Wort – und streicht zärtlich mit der rechten Hand über den Lauf. Sogar seine Tochter hat er nach der Waffe benannt – Bemetrinasa. Er sähe gern Friedenstruppen in Laghman, vor allem Deutsche und Türken. Bei denen würde er sogar seine Waffen abliefern. „Mit Ausnahme von Bemetrinasa natürlich.“

Die Leibgardisten von Gouverneur Wahidi hingegen – handverlesene Mudschaheddin, die ihre Loyalität zum Amir, ihrem Führer, in Krisensituationen mehr als einmal unter Beweis gestellt haben, reagieren auf Fragen nach einer Entwaffnung mit Schweigen und zornigem Gesicht. Die meisten legen Waffen weder im Innenhof des Gouverneurssitzes ab, der wie eine Trutzburg gesichert ist, noch beim Essen und beim Beten – obwohl der Koran das verbietet.

Auch Gouverneur Wahidi drückt sich vor einer direkten Antwort. Auf jeden Fall, meint er, müsse die afghanische Polizei bis an die Zähne bewaffnet bleiben. Kein Ausländer würde mit den Banden fertig, die nach wie vor die Straßen unsicher machten. Der Polizei fehle es an Waffen und Uniformen.

Selbst in der Hauptstadt, in Kabul, sei das nicht anders. Seit Verbrecher in Polizei-Uniform im einstigen Nobelviertel Dar-ul-Aman mehrere Familien bis aufs Hemd ausraubten, tendiert das Vertrauen für die Ordnungshüter der neuen Macht gegen Null. Viele gerade erst vereidigte Polizisten haben sich bereits wieder in andere Formen des Gelderwerbs verabschiedet: Denn afghanische Staatsbeamte haben seit sechs Monaten kein Gehalt mehr gesehen.

Zu Naurouz, dem iranisch-afghanischen Neujahrsfest, soll Ex-König Sahir Schah aus seinem römischen Exil zu Besuch kommen. Es wäre gut, wenn er im Lande bliebe, meint ein Taxifahrer. Dann könnten die Menschen, die sich nach fast 30 Jahren Krieg selten als Afghanen bezeichnen, häufig sogar auf Volks- und Stammeszugehörigkeiten pfeifen und sich nur noch mit der nächstgrößeren Stadt identifizieren, vielleicht wieder zusammenwachsen. Doch selbst der König wäre für viele Afghanis nur zweite Wahl als Staatschef. Dem zweifellos Besten bauen sie gerade ein Mausoleum auf einem Hügel im Pandschir-Tal: dem ehemaligen Führer der Nordallianz und heutigem Nationalheiligen, Ahmad Schah Massud.

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