Zeitung Heute : Loft: Wo Künstler wohnen und Programmierer arbeiten

Harald Olkus

Viel Platz, wenige Wände, lichtdurchflutete Räume und eine minimalistische Einrichtung: So sieht es aus, das Wohnen in alten Fabriken hinter Backsteinmauern aus der Zeit der Industrialisierung Berlins. Es ist Ausdruck individuellen Lebensstils und gleichzeitig eine willkommene Chance zur Umnutzung leerstehender Altbausubstanz. Dieses Klischee geistert durch die Köpfe beim Thema Loftwohnen. Aber, wie so oft bei Klischees: Sie treffen nur bedingt zu.

So ist die Nachfrage nach Wohnlofts zwar weiterhin ungebrochen, doch das Angebot an authentischen Lofts ist gering. Und wenn der entsprechende Luxus mitgeliefert wird - auch entsprechend teuer. Ein großzügiges Loft in der Innenstadt kann schon mal so viel kosten wie eine Villa am See. Dennoch sind Wohnlofts kein verschwindend kleiner, exklusiver Nischenmarkt. Die Projektentwickler behelfen sich mit einem Trick: Sie bauen neue Lofts. Eine schlichte Fassade, eventuell mit Backstein verkleidet, hohe Decken und fast so hohe Fenster, wenige Zwischenwände, nackte Stahlträger und unverputzte Betonwände - fertig ist die Laube. So sparen sie sich die teure Luxussanierung von Altbauten, müssen keine Auflagen der Denkmalbehörde einhalten, profitieren aber vom Markennamen "Loft".

Gleich mehrere Projektentwickler testen derzeit in Mitte, ob dieses Immobilien-Produkt Abnehmer findet. Die Hamburger "Atlas Projektentwicklung" will in der letzten Septemberwoche mit dem Bau eines Neubau-Lofthauses in der Choriner Straße beginnen. Ein Jahr später soll das fünfgeschossige Wohnhaus mit einer Geschossfläche von 3100 Quadratmetern fertig sein. Die Gestaltung der Außenfassade werde sich an der umliegenden denkmalgeschützten Wohnbebauung orientieren, sagt Projektmanager Johannes von Mutius. Innen aber soll sich mit Deckenhöhen von 3 Meter 60 bis 4 Meter 80 richtiges Loft-Feeling einstellen. Im Erdgeschoss soll es Läden geben, das oberste Geschoss wird ein Penthouse. Die Wohnungen werden zwischen 4350 und 6950 Mark pro Quadratmeter kosten.

Der schwedische Baukonzern NCC - hierzulande bekannt geworden mit günstigen Einfamilienhäusern und Wohnparks - will ebenfalls im Herbst mit dem Bau eines Lofthauses in der Linienstraße beginnen. Deckenhöhen von 3 Meter 40, raumhohe Holzfenster, Industrieparkett und frei gestaltbare Wohnungen ab 150 Quadratmeter Größe sollen hier den Loft-Charakter ausmachen. Die Preise bewegen sich mit 5250 bis 6950 Mark pro Quadratmeter auf hohem Niveau. Der Neubau bringe erhebliche Vorteile, sagt Projektleiter Bernd Thürmer. Neben der höheren Flexibilität biete er eine längere Lebensdauer und die Möglichkeit, modernste Gebäudetechnik zu integrieren.

Bereits fertiggestellt und teilweise bezogen sind die "artlofts" in der Mulackstraße. Die Deckenhöhen des Fünfgeschossers sind zwar etwas niedriger und die Wohnungsgrößen mit bis zu 135 Quadratmetern etwas kleiner als eine Fabriketage. Doch in die Fassade sei farbiges Glas eingearbeitet, wodurch sich ein alter Kontorhauscharakter ergebe. So erklärt zumindest die Vertriebsleiterin Sidi Roder, warum der Neubau sich Loft nennt. Der Nachfrage nach den durchschnittlich 6000 Mark pro Quadratmeter teuren Wohnungen tat dies immerhin keinen Abbruch: "Die Einheiten sind alle verkauft", sagt Sidi Roder. Die Käufer sind Ärzte, Künstler und Banker.

Anders ist es da bei Bürolofts. Hier werden die Flächen vermietet, nicht verkauft. Der Ausbaustandard ist niedriger als bei einer Luxuswohnung. Deswegen werden tatsächlich ehemalige innerstädtische Fabrikgebäude, Gewerbehöfe, Lagerhäuser und vor allem Brauereien zu Bürohäusern umgebaut. Neben bekannten Großprojekten wie den Spreespeichern am Osthafen und dem Viktoria Quartier auf dem Kreuzberg sollen in Mitte bis zum nächsten Jahr auch zwei klassische Fabriken zu Lofts ausgebaut sein. Die Edison Höfe zwischen Chausseestraße, Invalidenstraße und Schlegelstraße waren einmal die "Keimzelle" der AEG. Ab 1883 ließ Emil Rathenau hier nach Edisons Patent die ersten Glühbirnen herstellen. Jetzt haben die HAVIKA, Aktiengesellschaft für Grundbesitzmanagement, die BEOS Projektentwicklung und die Londoner Manhattan Loft Corporation Ltd die alte Fabrik übernommen. Bis 2003 soll hier in zwei Bauabschnitten die Glühbirnenfabrik zu Bürolofts ausgebaut und durch einen Neubau mit Loftcharakter erweitert werden. Gesamtinvestitionssumme: 140 Millionen Mark. In erster Linie suche man Kommunikationsfirmen als Mieter, sagt Projektmanagerin Kerstin Lassnig. Mit 30 Mark pro Quadratmeter Miete sei die Immobilie eher etwas für etablierte Unternehmen. An eine ähnliche Klientel wenden sich die Wall-Street-Lofts. In der Wallstraße in Mitte will die Firma "Wallgrundbesitz" eine ehemalige Kammgarnfabrik zum "Standort für innovative Arbeitsplätze" ausbauen.

Neben solchen Objekten sind Brauereien bei Projektentwicklern offenbar besonders beliebt. Die Hamburger B & L Immobilien AG saniert derzeit die Mälzerei des ehemaligen Böhmischen Brauhauses in Friedrichshain. Auf rund 7500 Quadratmetern sollen hier repräsentative, nur von Stützen unterbrochene Loftflächen entstehen.

Massive Probleme mit der von den Projektentwicklern anvisierten kreativen Klientel hat allerdings die Internet-Immobilienvermittlung Agis. Sie vermittelt Büros und Lofts in sanierten Gewerbehöfen an Architekten, Designer und Firmen aus der Multimedia-Branche. Doch gerade die stecken derzeit in der Krise. Seit März diesen Jahres sei die Nachfrage dramatisch zusammengebrochen, sagt Hans-Jürgen Jahr. Er spricht von einem 80-prozentigen Rückgang bei den Vertragsabschlüssen. Bis Jahresende rechnet Hans-Jürgen Jahr mit einem Mietpreisverfall von 20 bis 25 Prozent.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben