• Lohn der Angst Ein Elternabend, ein Referat oder die Führerscheinprüfung reichen aus: Lampenfieber. Was kann man dagegen tun?

Zeitung Heute : Lohn der Angst Ein Elternabend, ein Referat oder die Führerscheinprüfung reichen aus: Lampenfieber. Was kann man dagegen tun?

Jeannette Krauth

IN DIESEN Einzelkabinen wurden 2003 Bewerberinnen für eine Hauptrolle in der ARD-Serie „Marienhof“ gecastet. Foto: dpa

So könnte es gewesen sein, in den frühen Tagen: Man selbst allein, der Gegner zahlreich, wild, keulenschwingend – da gab es nur zwei Möglichkeiten, Flüchten oder Kämpfen. Dieses archaische Prinzip hat der Körper nicht vergessen. Steht man vor vielen Menschen, ist die Urangst wieder da. Die Hände sind schweißnass, das Herz pocht und vergessen ist, was man eigentlich sagen wollte. Das ist Lampenfieber, jeder kennt es, nicht nur der Schauspieler vor dem ganz großen Publikum. Ein simpler Elternabend, ein Referat oder eine Führerscheinprüfung reichen aus.

Unser Körper reagiert noch wie damals, zur Vorzeit: Verspüren wir Angst, setzt die Kampf-oder-Flucht-Reaktion ein. Als Antwort auf negativen, aber auch positiven Stress wie höchste Freude, werden Adrenalin und Noradrenalin, zwei Hormone der Nebennierenrinde, ausgeschüttet. Der Körper erhält einen plötzlichen Energiestoß, die Blutzuckerwerte steigen, der Puls auch, die Bronchiolen in den Lungen weiten sich: Der ganze Körper spannt sich, ist für Höchstleistungen bereit – schließlich ging es damals ja ums Überleben.

Da hat es der klassische Musiker heute sehr viel besser. Und doch kann man an seinem Beispiel das alte Angriff-Flucht-Muster sehr schön studieren, findet Gerhard Mantel, Professor für Violoncello an der Musikhochschule Frankfurt am Main. „Ein Cellist, der sich gerade nur so viel bewegt, dass er sein Instrument bedienen kann, befindet sich in der Verteidigungsposition“, sagt Mantel, der unlängst sein Buch „Lampenfieber“ veröffentlichte. Aber warum diese Alles-oder-nichts-Reaktion, wenn uns doch niemand mehr ans Leben will? „Aus Angst, dass unser Wert in den Augen anderer Menschen herabgesetzt wird“, so die Psychotherapeutin Irmtraud Tarr, die sich seit 20 Jahren in Forschung und Praxis mit dem Lampenfieber beschäftigt.

Nur ein Schuss Adrenalin

In der Forschungsliteratur heißt es, dass jeder zweite Mensch Lampenfieber kennt. Eine repräsentative Stichprobe der Hochschule für Musik und Theater Hannover zeigt, dass 98 Prozent der Studierenden Lampenfieber kennen. Dabei fanden es 30 Prozent als „störend“, mehr als die Hälfte der Studenten als „manchmal störend“. Ein Schuss Adrenalin wirkt nämlich leistungssteigernd, zu viel von dem Hormon kann einen behindern, etwas zu leisten, zu reden, sich darzustellen.

Die Symptome bei starker Bühnenfurcht sind bei jedem verschieden. Das vegetative Nervensystem reagiert bis hin zu Erbrechen und Ohnmacht. Die Psyche kann von der nervösen Zerstreutheit bis zum völligen Blackout belastet sein. „Mit zu viel Adrenalin ist man nicht mehr schlagfertig,“ erklärt Irmtraud Tarr.

Diese leistungshemmende Form des Lampenfiebers trifft vor allem „für Menschen zu, die sich sehr auf ihre Gesprächspartner einstellen, die eigenen Gefühle nicht dominant vorpreschen lassen“, so der Psychologe Arnold Kitzmann, der seit 20 Jahren Lampenfieber-Seminare für Manager anbietet. „Denn Auftrittsangst heißt ja immer, dass man sich zu stark mit sich selbst beschäftigt: Wie wirke ich jetzt, was denken wohl die anderen?“ Souveränität, Selbstwertgefühl stärken, und ein bisschen schauspielern, das sind die Schlüssel zu einer leistungssteigernden Art des Lampenfiebers.

Auswendig lernen hilft nicht

Mit seinen Musikstudenten macht Gerhard Mantel das Gleiche: „Du musst das nicht besser spielen als jetzt“, sagt er seinen Schülern oft bei den letzten Proben vor einem Auftritt. Dadurch sind sie positiv aufgebaut, können jetzt erst Genuss entwickeln, durch die Spielfreude gewinnen sie an Ausdruck – und sind besser als zuvor. Aufs alltägliche Leben übertragen kann das heißen: den Anspruch auf Perfektion in die Vorbereitung legen – beim Anlass einfach nur das kommen lassen, was man schon weiß.

Ein Stück Selbstsicherheit kann man sich auch antrainieren. Bei Irmtraud Tarr üben die Seminarteilnehmer etwa das Gehen zum Podium. Auswendig gelernte Gesten hält sie aber für wenig hilfreich. Denn nur wer authentisch rüberkommt, ist glaubwürdig. Und dem zurückhaltenden Typ nimmt man einfach nicht ab, wenn er die Hände an wichtigen Stellen der Rede hochreißt. Schein und Sein sind für den gelungenen Auftritt gleich wichtig: Ist der Redner unglaubwürdig, strahlt das auf die Inhalte. Sind die Inhalte unglaubwürdig, strahlt das auf die Persönlichkeit, erklärt Management-Trainer Kitzmann.

Versöhnt ist man mit dem Lampenfieber erst, wenn es kippt: Wenn man merkt, es geht doch, da sitzen Menschen, die einem ganz aufmerksam zuhören. Gerhard Mantel sagt, dass ist das Schönste am Konzert: Dieses Glücksgefühl, wenn man mit dem Publikum kommuniziert, emotional berühren kann. Ohne Lampenfieber ginge das gar nicht.

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