Zeitung Heute : Lohn der Arbeit

Juliane Schäuble

In seiner Rede zum 1. Mai hat Verdi-Chef Frank Bsirske von der Bundesregierung gefordert, einen Mindeststundenlohn von 7,50 Euro einzuführen. Was würde ein solcher Mindestlohn bringen?


Ein Ziel, das die Gewerkschaften schon seit längerem verfolgen, ist die Einführung eines Mindestlohns: Mit einer vom Gesetzgeber festgesetzten Untergrenze wollen sie den Abwärtstrend bei den Löhnen stoppen. Denn Arbeit dürfe nicht arm machen, sagte Verdi-Chef Frank Bsirske auf einer Kundgebung zum 1. Mai und forderte einen Mindeststundenlohn von 7,50 Euro. Bei einer 38,5-Stunden-Woche entspräche das einem Bruttomonatsverdienst von 1250 Euro.

In 18 der 25 EU-Staaten gibt es bereits einen gesetzlichen Mindestlohn – ebenso in den USA, Japan, Kanada und Australien. Die Spanne reicht von 0,67 Euro pro Stunde (167 Euro im Monat) in Lettland bis zu 8,69 Euro (1467 Euro) in Luxemburg. Allerdings warnen Wissenschaftler davor, die Erfahrungen eines Landes einfach auf ein anderes zu übertragen. Deutschland überlässt es bislang den Tarifpartnern selbst, den Lohn auszuhandeln – je nach Branche und Region unterschiedlich. Tarifliche Mindestlöhne gibt es nur am Bau: Für Hilfsarbeiten müssen hier im Osten knapp neun Euro pro Stunde bezahlt werden, im Westen rund zwölf Euro.

Die skandinavischen Länder kommen ebenfalls ohne Mindestlohn aus. Dort ist jedoch die Arbeitnehmerseite so stark – im Schnitt sind rund 80 Prozent der Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert –, dass eine gesetzliche Regelung nicht notwendig ist. In Deutschland, vor allem im Osten, ist die Tarifbindung geringer. Das hat auch zur Folge, dass die Bundesrepublik mittlerweile den am wenigsten regulierten und gesicherten Niedriglohnsektor aller Industrieländer hat, wie eine Studie des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts ergeben hat.

Die tatsächliche Reichweite eines Mindestlohns ist umstritten. Entscheidend sei seine Höhe, sagen Ökonomen. Sei er niedriger als der geringste Lohn auf dem Arbeitsmarkt, bleibe er folgenlos. Denn dann fehle der Anreiz zu arbeiten. Sei er höher, fielen Niedriglohnjobs weg. In der Diskussion um Vor- und Nachteile verweisen die Befürworter gerne auf das Beispiel Großbritannien. Seitdem die Labour-Regierung 1999 einen Mindestlohn eingeführt habe, sei der um 40 Prozent gestiegen – auf derzeit 7,36 Euro die Stunde. Gleichzeitig sei die Arbeitslosigkeit um ein Viertel gesunken. Allerdings arbeiten in Großbritannien nur zwei Prozent der Beschäftigten zu Mindestlohnbedingungen. Daher ist ein direkter Zusammenhang nur schwer nachzuweisen. Andererseits gibt es auch keinen Beleg, dass mit der Einführung eine wirtschaftlich kontraproduktive Wirkung eingetreten wäre – ein Vorwurf, den die Arbeitgeber und einige Forscher in Deutschland als Argument gegen einen Mindestlohn anführen. Ihrer Ansicht nach stiege damit die Arbeitslosigkeit: Branchen wie die Gastronomie, das Reinigungsgewerbe oder Call- Center könnten im Wettbewerb nicht bestehen, wenn sie diesen nicht unterbieten dürften. Die Schwarzarbeit würde zunehmen. Stattdessen, so die sechs führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Frühjahrsgutachten, müsse die Beschäftigung im Niedriglohnsektor deutlich erhöht werden – und dazu müssten die Löhne in diesem Bereich sinken.

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