Zeitung Heute : Lokomotive Potsdam

Ihr Buch heißt „Mein Brandenburg“ – sehr besitzergreifend. Dagmar Enkelmann könnte die erste Ministerpräsidentin der PDS werden

Kerstin Decker

Überall sieht man sie mit diesem zu großen Lachen. Als ob ganze Bundesländer in dieses Lachen passen würden. Als ob sie schon Ministerpräsidentin wäre. Die erste PDS-Ministerpräsidentin überhaupt. Jetzt lacht sie auch, aber anders. Es ist ein offenes Lachen, irgendwie rückhaltlos. Politiker tragen normalerweise Gesichter wie Wehranlagen. Gut gesichert, mit vielen Gräben und Verteidigungsringen drum herum. Merkel-Gesichter. Man kennt Dagmar Enkelmann ein paar Minuten, weiß noch gar nichts von ihr und ahnt: Sie ist ohne Deckung. Diese Frau trägt nur ein Gesicht. Die Eingesichtigen sind sehr selten, denn die meisten Menschen haben schon von Natur aus mehrere.

Dagmar Enkelmann hat gerade eine Pressekonferenz hinter sich. Der Saal im Potsdamer Landtag ist nun leer, ein paar vergessene Wurstbrote sonnen sich. Sie sitzt ganz allein am Tisch und schaut hinunter auf Potsdam. Der Landtag ist ein sehr suggestiver Ort. Er steht auf einem Hügel, und die Stadt liegt übersichtlich ausgebreitet unten drunter. Von hier oben wird alles ganz einfach. So wie gerade in Enkelmanns Leben. Da kämpfte die PDS bis eben noch um ihre bloße Existenz, und auf einmal ist sie auf der Siegerseite. 15 Jahre nach der Wende vielleicht die stärkste politische Kraft eines Bundeslandes. 30 Prozent am 19. September? Andere würden sich jetzt wenigstens einen leicht maliziösen Blick leisten. Sie nicht.

Die „Bild“-Zeitung nennt sie nur „die rote Daggi“. In der DDR hat sie an der FDJ-Hochschule in Wandlitz Geschichte unterrichtet und danach an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED ihren Doktor gemacht. Da war sie 31. Seltsamer Lebenslauf für eine, die jung war in der DDR.

Denn die Tragödie der DDR war doch – vom Standpunkt der DDR aus gesehen –, dass die Jungen nichts mehr von ihr wissen wollten. Sie sahen nur ein paar alte Männer, die alles bestimmten und sich benahmen, als wären sie längst tot. Nicht sehr überzeugend, wenn man 18 ist. Die Jugend hat eine natürliche Vorliebe für das Lebendige. Bloß Dagmar Enkelmann fand also nichts Merkwürdiges an den Untoten. – Ich kannte doch nichts anderes, sagt sie, und es klingt ein wenig hilflos.

Sie kommt aus einem Dorf in der Nähe von Strausberg. Da gab es vor allem eine LPG und eine Schule. In der LPG arbeitete ihre Mutter, und der Vater war der LPG-Vorsitzende. In der Schule lernte Dagmar, dass der Sozialismus die Heimat aller guten Menschen ist, weshalb er gesetzmäßig siegen wird. Was man so lernte in der DDR. Dagmar Enkelmann glaubte alles. Altkluge Kinder mit solchen Weltbildern können sehr anstrengend sein. Selbst ihrem Vater, dem LPG-Vorsitzenden, war Dagmar manchmal zu rot. Dann zählte er auf, was es alles nicht gab in der DDR: Ersatzteile zum Beispiel. Aber solche Argumente beeindrucken keinen Metaphysiker. Wozu braucht man in der besten aller möglichen Welten Ersatzteile? Vielleicht unterscheiden sich die Menschen vor allem dadurch, wann sie aufhören, alles zu glauben. Wann ihre Welt die ersten Risse bekommt.

Den ersten Riss bekam das Weltbild der Dagmar Enkelmann, als ihr Vater, der LPG-Vorsitzende, zu Hause einen Hahn schlachtete. Dagmar Enkelmann ist jetzt 48, aber sie sagt noch immer „mein Vati“, sogar Fremden gegenüber. Das machen nur Menschen, die sich ihrer Herkunft ganz sicher sind. Die ihre Kinder-Zärtlichkeit nie verloren haben. Die Geschichte mit dem Hahn steht in Dagmar Enkelmanns Buch. Das Buch ist recht dünn und heißt „Mein Brandenburg“. Sehr besitzergreifender Titel. Anfang des Jahres hat sie es geschrieben, damit die Wähler sie besser kennen lernen können, und nebenbei lernt man sich schließlich auch selber kennen beim Bücherschreiben. Die Geschichte mit dem Hahn geht ungefähr so: Der Vater schlachtet also das Tier – Kopf ab – , aber da das Geflügel die Grund-Folge-Beziehung nicht beherrscht, fängt es jetzt an, um sein Leben zu rennen. Dieses Ereignis hatte mindestens zwei Folgen. Zum einen wurde Dagmar Enkelmann Vegetarierin, zum anderen aber hatte sie erlebt, dass es möglich ist, auch ohne Kopf unglaublich viel Betrieb zu machen. Sie lernte noch viele Nachfolgehähne dieses ersten kennen, später als Historikerin. Und noch später, als Politikerin.

Historikerin wollte sie gar nicht werden, sondern Stewardess. Als sie das sagt, ist es, als hätte man es schon immer gewusst: Natürlich, diese Frau sieht aus wie eine Stewardess. Ihr rotes Jackett mit schwarzem Kragen und der schwarze Rock passen perfekt zum Berufsbild. Mag sein, nicht Dagmar Enkelmann hat den Beruf der Stewardess gewählt, sondern die platonische Idee des Stewardessentums hat Dagmar Enkelmann erwählt. Für die Stewardess hat sie etwas getan, was sie gar nicht kann: Sie hat gelogen. – Ich kann wirklich nicht lügen, sagt die PDS-Spitzenkandidatin, und es klingt ein wenig verzweifelt. So als fehle ihr eine elementare Qualifikation im Leben. Als ihr ein Lehrer erklärte, mit dem Berufswunsch Stewardess dürfe sie niemals Abitur machen in der DDR – Stewardess, klingt das nicht wie ein Ausreiseantrag mit anderen Mitteln? – , nannte sie entschlossen „Lehrerin!“ als Berufsziel. Sie studierte Geschichte, trat in die SED ein. Freiwillig, betont sie, und zum ersten Mal umspielt ein Lächeln der Verächtlichkeit ihren Mund: Dass nach 1990 so viele erklärten, sie seien gezwungen worden, in die SED einzutreten, findet sie ausgesprochen albern. Dagmar Enkelmann, die Stewardess auf Abwegen, studierte also Geschichte, oder sagen wir: Sie studierte das Geschichtsbild der Marxisten-Leninisten. Den kopflosen Hahn hatte sie ganz vergessen. Erst später fiel er ihr wieder ein, schemenhaft nur, als ausländische Studenten ihr vom Hitler-Stalin-Pakt erzählten.

Ein Hitler-Stalin-Pakt war im marxistisch-leninistischen Geschichtsbild nicht vorgesehen, also gab es ihn nicht. Und sie musste das wissen, schließlich war sie die Lehrerin. Das war an der FDJ-Hochschule in Wandlitz. Hier studierten vor allem „progressive“ Studenten aus dem „NSW“, dem nichtsozialistischen Währungsgebiet, wie man den Sozialismus aufbaut. Aber dann schmuggelten die Studenten für sie verbotene Bücher; die Historikerin las Dokumente zum Hitler-Stalin-Pakt und hatte zum ersten Mal den Verdacht, dass der Leitvogel der Geschichte vielleicht gar nicht die Eule der Minerva ist, sondern der Hahn ihres Vaters. Manche halten Dagmar Enkelmann für besonders verdächtig, weil sie an dieser FDJ-Hochschule war. Ihre Augen beginnen zu funkeln. Das war Zufall, oder vielmehr die Absolventenlenkung, sagt sie, ich brauchte einen Krippenplatz! Den gab es in Wandlitz, wahrscheinlich, weil die anderen Wandlitzbewohner keine Krippenplätze brauchten.

Etwas später hatte Enkelmann bereits zwei Schulkinder und ein Baby. Herbst ’89. Am Vormittag des 10.November kamen ihr in Berlin viele Menschen entgegen, die wollten gerade in den Westen. Sie wollte zur Promotionsverteidigung: ihrer eigenen. Ihr Thema hieß ursprünglich: „Die Angriffe der bürgerlichen Medien auf die Jugendpolitik der SED“. Sie hatte wieder Dokumente „der anderen Seite“ gelesen und fand heraus, dass alles, was im Westen mit der Jugend passierte, im Osten auch geschah. Die Doktorandin stieß auf die oben erwähnte Dialektik: Die Jugend ließ sich eher von einer Punkband regieren als von den Untoten da oben. Wenn Enkelmann etwas einsieht, bringt sie keiner mehr davon ab. Schon gar nicht mächtige Genossen, die sich genau wie das Geflügel im Garten ihrer Kindheit benehmen. Sie veränderte das Thema ihrer Arbeit. Am Morgen des 10.November verteidigte sie die Dissertation „Die Identitätskrise der Jugend in der DDR“. Auf der Straße liefen die lebendigen Beweise ihrer Thesen in den Westen. Es schockierte sie nicht. Auch für Dagmar Enkelmann war dieser Herbst ’89 ein Aufbruch. Endlich einen anderen Sozialismus!

Auf die Idee, die SED-PDS zu verlassen, kam sie nie. Als sie sah, wie die 150-Prozentigen plötzlich ihre Parteibücher wegwarfen, wurde sie innerlich ganz hart. So sind sie, die Eingesichtigen. Da wusste sie noch nicht, dass Otto Graf Lambsdorff ihr etwas später im Bundestag erklären würde, sie, Dagmar Enkelmann, habe die Mauer gebaut. Andere sagten ihr noch viel Schlimmeres, vor allem wenn sie am Rednerpult des Bundestags stand. Dass sie dann hinterher zu ihr kamen und mit ihr Wein trinken gehen wollten – „war nicht so gemeint!“ –, verstand sie nicht. Immerhin, es gab auch andere. Ihren Freund Matthias Platzeck zum Beispiel. Mit ihm war sie schon in der letzten DDR-Volkskammer, sein Gebiet war die Umweltpolitik, ihres auch. In Brandenburg ging das weiter. Sie umarmen sich, wenn sie sich sehen. Aber was Platzeck gerade über die PDS und seine Freundin Enkelmann sagt, hört sich nicht wie eine Umarmung an. Eher wie Berührungsangst ersten Grades. Inzwischen kann sie damit umgehen. Auch mit der „Miss Bundestag“. Vor 14 Jahren, als sich ein paar Bonner Journalisten im Sommerloch langweilten und ihr diese Miss-lichkeit zufügten, war das anders. Erst Gregor Gysi konnte sie beruhigen. Wie oft werde er für seine Schönheit gelobt statt für seine Intelligenz! Das hat sie überzeugt.

Enkelmann hat für das Früher und das Jetzt ganz verschiedene Sprechgeschwindigkeiten. Wenn sie vom Jetzt spricht, wird sie viel schneller. Dann ist es beinahe unmöglich, sie zu unterbrechen. Mittelstandsförderung! Bildungspolitik! Abwasserwirtschaft! Wie eine Populistin klingt Dagmar Enkelmann eigentlich nicht.

Am nächsten Tag ist Sommerfest der PDS in Potsdam. Der Himmel scheint Schönbohm-Sympathisant zu sein und kippt eimerweise Wasser auf die PDS. Doch als Enkelmann und Bisky kommen, scheint die Sonne. Sie trägt noch immer das rote Stewardess-Jackett. Ihre Stimme liegt ein paar Töne zu hoch, wenn sie polemisch wird. Bisky hat es leichter. Sein dunkler Bass schlägt die Sätze wie Pflöcke ein. Vor allem hat er Angst, Schönbohm demnächst auf einer Anti-Hartz-IV- Demo zu begegnen. Das Publikum lacht. Solche Sätze fallen ihr noch nicht ein. Sie spricht viel über Mittelstandsförderung. Kein Zweifel, diese Dagmar Enkelmann hat vor allem eine Sorge: Wie bekommen wir einen soliden Kapitalismus in Brandenburg? Ein paar Rentner schauen sich an: Sind wir Mittelstand? Aber sie lieben sie trotzdem. Mag sie eine Pragmatikerin sein, sie sieht aus wie die leibhaftige Hoffnung – die CDU hat Merkel, wir haben Dagmar Enkelmann. Der PDS-Wahlkampfleiter Heinz Vietze kündigt an, dass Enkelmann bis zum 19.September dafür sorgen wird, „dass wir immer im richtigen Schrittmaß richtig agieren“. Die alten Genossen erkennen den Ton. In solchen Sätzen kommen sie nach Hause. Wahrscheinlich kriegt Dagmar Enkelmann Schüttelfrost davon. „Richtiges Schrittmaß“. Sie hat zu viele kopflose Hähne gesehen, um an diese Fortbewegungsart zu glauben.

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