Zeitung Heute : London putzt rund um die Uhr

Der Tagesspiegel

Offenbar fahren manche Londoner direkt vom Supermarkt zur Themse und kippen den Krempel in den Fluss, denn jedes Jahr werden 700 Einkaufswagen und 3000 Tonnen anderer Festabfall herausgefischt. Da helfen auch die 1000 extra Müllbehälter nicht, die letztes Jahr von der Stadtverwaltung Westminster aufgestellt wurden. Das Westend ist ein Mekka für Abfallexperten. Über eine Million Menschen kommen täglich durch. Sie hinterließen im letzten Jahr 234 000 Tonnen Abfall – wenigstens sammelten die Putzkolonnen so viel auf. „Wir sind eine 24-Stunden-Stadt mit 24-Stunden-Reinigung“, sagt man auf dem Umweltamt.

Sauberkeit wird groß geschrieben, seit Empörung über den Straßenschmutz vor zwei Jahren zum Rücktritt des Bezirksleiters führte. Nun kann Sprecherin Tracy Saunders 41 technische Geräte – von der Kaugummiabkratzmaschine bis zum fahrbaren Trottoirstaubsauger – aufzählen, Papierkörbe nicht mitgerechnet. Aber die sind unverzichtbar. „Nein, ans Abmontieren haben wir noch nie gedacht“. Im Gegenteil. Der Papierkorb erlebt in London ein glänzendes Comeback. Angst vor Terrorismus hatte das traditionelle Sauberkeitsutensil aus dem Stadtbild verschwinden lassen. Mittlerweile stehen allein in Westminster schon wieder über 3500 Papierkörbe. Sogar in der U-Bahn, wo man vor versteckten Sprengsätzen besonders Angst hat, wird mit durchsichtigen Müllbehältern experimentiert.

Rund 35 Millionen Pfund lässt sich Westminster die Sauberkeit kosten. Nützt es etwas? So sauber wie eine schweizerische Kleinstadt ist die 7,5 Millionenstadt sicher nicht. Aber morgens sieht sie richtig frisch gewaschen aus. Matthias Thibaut

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