Zeitung Heute : London swingt wieder

Einige von ihnen sind daran gestorben – die anderen feiern drei Tage lang ihre 40 Jahre alte Kleiderordnung

Bodo Mrozek[London]

Zuerst knallt es. Dann hört man ein Knattern, schließlich blubbert es sanft. Wenn ein Motorroller startet, steigen blaue Wölkchen auf. Wenn aber 200 Roller starten, erschrecken selbst Smog- und Rushhour-erprobte Bürger.

Sonntagmittag an Bank Holiday, Pfingsten. Durchs Londoner Zentrum knattert ein Konvoi aus chromblitzenden Vespas und aufgemotzten Lambrettas, gerade biegen sie auf den Piccadilly Circus. Passanten bleiben stehen und staunen. Bunter noch als die mit Rallyestreifen und allerlei überflüssigem Chrom verzierten Blechesel sind deren Fahrer. Unter rot-weißen Helmen flattern grell gemusterte Sakkos, wehen Kostümjacken mit lila Schachbrettmuster. „Look at these Mods!“, ruft eine ältere Dame im rosa Kostüm.

Die Mods? Britische Jugendkultur, entstanden vor 40 Jahren, ein Revival bis jetzt, dann wurde es wieder still um sie. Pünktlich zum Jahrestag ist sie wieder da. Die Motorroller-Rundfahrt war nur ein Teil eines Jubiläumsfestes, zu dem sich mehr als tausend Fans eines der einflussreichsten Pop-Phänomene des 20. Jahrhunderts am Wochenende im Londoner Stadtteil Islington trafen, um im „Rocket“, einem viktorianischen Theater, unbehelligt von Zaungästen zu feiern.

Aus Italien, Spanien, den USA und aus Japan sind sie angereist. „Für das Wochenende habe ich monatelang gespart“, sagt eine junge Frau aus Saarbrücken mit schwarz gefärbtem Pagenkopf. „Aber zum Jubiläum nach London zu fahren, ist Ehrensache.“ Rob Bailey, Impresario der heutigen Londoner Mod-Szene, hat für die Kosten von acht Bands und DJs aus ganz Europa einen prominenten Sponsor gefunden. Phil Collins hat das „Modstock“ mit einer Spende ermöglicht. Er sei ein Mod-Fan gewesen, sagte er, Bands wie The Creation oder The Small Faces hätten ihn zur Popmusik gebracht.

Damals waren Mods ein Skandal. „Terror on the Beach“, titelte 1964 die britische Boulevard-Presse. Hunderte jugendlicher Rollerfahrer hatten sich an den Stränden von Südengland Schlägereien mit Rockern geliefert, um ihren neuen Lebensstil zu feiern – und mit dem alten abzurechnen. Rock&Roll, pomadige Haartollen und Lederjacken hatten ausgedient. Die neuen Musikgruppen orientierten sich am schwarzen Rhythm&Blues. Vom Gospel übernahmen sie die Orgel und zweckentfremdeten sie für einen blubbernden Sound, dazu ließen sie Gitarren kreischen.

Dem britischen Subkulturforscher Terry Rawlings zufolge waren drei Kunststudenten der Londoner St. Martin’s School of Arts die allerersten Mods. Graham Hughes, Paul Stagg und Dicky Dodson besuchen seit 1959 regelmäßig die Londoner Jazz-Clubs Flamingo und Marquee. Dort hören sie schwarzen Jazz und Rhythm&Blues – und treffen amerikanische Soldaten, die für ein paar Pfund Jeans von Levi’s oder Blousons mit kariertem Innenfutter verkaufen. Wegen ihres elaborierten Musik- und Modegeschmacks nennen die Zeitgenossen sie „Modernists“, oder kurz: Mods.

Zentrum der neuen Szene ist die Carnaby Street im halbseidenen Amüsierbezirk Soho. John Stephen, Sohn eines Gemischtwarenhändlers aus Glasgow, verkauft hier enge Skihosen und taillierte Sakkos. Mary Quant erfindet den Minirock, die Beatles tragen Stiefel mit Gummizug und der magere Teenager Lesley Hornby bewirbt unter dem Pseudonym „Twiggy“ den neuen Look auf den internationalen Laufstegen. „London is swinging!“, schreibt die „New York Times“ 1964 und schenkt der Stadt damit das berühmte Attribut, das das alte Zentrum des Empires zur Metropole der wilden 60er verjüngt.

In ungekannter Freiheit verfremden die Mods die Statussymbole des alten Empire bis zur Parodie. Sie imitieren Capes und Anzüge des Adels, verkürzen aber die Hosenbeine auf Hochwasserlänge und übertreiben die klassische Eleganz mit hautengen Schnittmustern. Bands tragen die roten Uniformjacken der königlichen Leibwache und zertrümmern auf der Bühne ihre Instrumente. Am weitesten geht die Mod-Band The Who. Ihr Sänger Roger Daltrey lässt sich ein Sakko aus dem Union Jack, der britischen Flagge, schneidern. Als Logo benutzen The Who das kreisrunde Hoheitsabzeichen der Royal Air Force, das seitdem als Wappen der Mods gilt. Bei Konzerten und Motorroller-Ausfahrten fliegen immer wieder die Gummiknüppel der Polizei.

Dann ist Schluss, Musik und Farben werden psychedelisch. Samt, Wildleder und Paisleymuster der Hippies verdrängen Bügelfalten und schmale Seidenkrawatten. Doch Ende der 70er sind die Mods wieder da. Der Film „Quadrophenia“ setzt ihnen 1979 ein Denkmal, Paul Weller zitiert mit seiner Band The Jam den alten Sound. Und jetzt, pünktlich zum Jubiläum, feiert der Modernismus wieder eine Auferstehung.

Alte Clubs sind zwar verschwunden. Im ehemaligen Flamingo residiert eine Gastronomiekette, ein paar Yards weiter beherbergt das legendäre Marquee hinter videoüberwachten Stahltüren teure Lofts für Bestverdienende. Doch es gibt neue Orte wie das Stag O Lee an der Greek Street und glamouröse Riverboatparties auf der Themse. Auch die mit den Jahrzehnten zur adretten Einkaufszone verwandelte Carnaby Street will vom alten Mythos profitieren. Mit den Mods groß gewordene Modefirmen bieten T-Shirts mit Airforcewappenmotiven in allen Variationen, Jeans mit aufgesticktem Rolleremblem, Parkas vom Rollerbauer Lambretta.

Wer in der Mod-Szene etwas auf sich hält, gibt sich allerdings nicht mit Markenkleidung aus Kaufhäusern zufrieden. Die Alternative zum historischen Original heißt „tailormade“, und George Dyer heißt einer der wenigen Maßschneider, die seit Jahrzehnten für die Mod-Szene nähen. Der korpulente Endfünfziger hat sein winziges Atelier in einer heruntergekommenen Gegend südlich der Themse. Für seine Kunden hält er Innenfutter aus mintgrüner Seide bereit, bezieht Knöpfe mit Anzugstoff, arbeitet Treppenkanten und Schlitze in die Hosenbeine, weil erst die von der Norm abweichenden Details den richtigen Mod-Stil ausmachen. 550 Pfund Sterling bezahlen heutige Modernisten für so ein Luxusstück, obwohl die wenigsten von ihnen wohlhabend sind. Geld spart man hier nicht auf der Bank, man investiert in rare alte Soul-Singles oder eben in das nächste Kleidchen.

Auf den drei Tanzflächen des Festivals sind all diese Feinheiten zu besichtigen. Dass die angekündigte Beat-Legende The Yardbirds ausfällt, stört niemanden. Stattdessen spielen die Pretty Things. Sie machen ihrem Namen heute noch weniger Ehre als in den 60ern, sie sind nicht hübsch. Stört auch keinen. Mods interessieren sich mehr für die Tanzfläche.

Der bewegendste Moment passiert dann aber doch auf der Bühne. Am Nachmittag spielt die Band Solarflares, als plötzlich ein alter Mann mit struppigem Haar, wildem Bart und Furchen im Gesicht zum Mikrofon greift. Es ist Sky Saxon, Sänger der amerikanischen Band The Seeds. Die Veranstalter haben ihn als Ehrengast nach London geladen. Als Saxon seine letzten Worte mehr gekrächzt als gesungen hat, da herrscht zum ersten Mal so etwas wie andächtige Stille, bevor ein warmer Applaus aufkommt und Saxon viele Hände schütteln muss. Die Ehrerbietung gilt nicht irgendeiner Legende, sondern einem Mann, den die Risiken und Nebenwirkungen des modernen Lebensstils, das Schlucken von „Purple Hearts“ und das Spritzen schlimmerer Drogen, fast ins Grab gebracht haben. So wie den The-Who-Trommler Keith Moon und viele junge Mods, die der selbsterrungenen Freiheit und dem sinnleeren Dogma des „Style“ nicht gewachsen waren. Dann schiebt der DJ wieder den Regler hoch, und der Moment ist wie weggeblasen.

Später, als alle tanzen, steht ein Mann im silbrig glänzenden Anzug am Rand. Heute könne er nicht tanzen, sagt er, gerade sei ein Bombensplitter aus seinem Bein heraus operiert worden, aus Bosnien. Der Mann ist 43 Jahre alt, er heißt Graham und ist Soldat. Für England, sagt er, hat er in drei Kriegen gekämpft. Mehrmals wurde er verwundet, einmal auch bei einem Anschlag der IRA. Mit seiner 23-jährigen Ehefrau Shelly ist er trotzdem aus Liverpool angereist. Sie ist beim Medical Health Corps und war bis vor wenigen Tagen im Irak. Graham ist seit 30 Jahren Mod. Warum? „Guck dich um“, sagt er. „Die Menschen kommen aus verschiedenen Ländern und Kontinenten. Sie sind schwarz und weiß und gelb. Sie reden nicht über Werte oder Ideen, sie glauben an die Kraft einer 40 Jahre alten Musik aus England. Das hier ist mehr wert als das Meiste, was ich in meinem Leben gesehen habe.“ Graham ist betrunken. Aber als er das in seinem harten Liverpooler Akzent sagt, sieht er sehr glücklich aus.

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