Lotto : Kurzes Glück und heftige Ernüchterung

Als Ned Devine aus Tullymore in Irland sein Glück gefunden hatte, konnte er es nicht lange festhalten. 6 894 620 Pfund waren schon 1998 eine Menge Glück. Es ist daher nicht besonders verwunderlich, dass Ned Devine, als er die Nachricht von seinem Lotteriegewinn im Fernsehen sah, so heftig erschrak, dass sein Herz stehen blieb, für immer stehen blieb. Glück und Glas, wie leicht bricht das.

Dass es für Neds Freunde in Tullymore am Ende doch zum Happy End reichte, ist wahrscheinlich der Dramaturgie des wunderbaren Films „Lang lebe Ned Devine“ geschuldet, die Wirklichkeit ist doch weit weniger nett. Die Wirklichkeit ist böse, gemein und unfair und kommt mitunter in Form zweier Kugeln daher, die ihre Pflicht verweigern und eben nicht tun, was Kugeln tun müssen: rollen. Zwei von 49 Kugeln blieben in ihren Halterungen stecken, fielen nicht in die Lostrommel und konnten am Mittwoch bei der Ziehung „6 aus 49“ nicht berücksichtigt werden. Eine Panne, bisher unerklärlich, wie sie in all den Jahren, seitdem Lotto gespielt wird, noch nicht vorgekommen ist. Glück und Glas, wie leicht bricht das.

Während der Liveübertragung der Ziehung im ZDF war der Fehler unbemerkt geblieben. Man kann sich vorstellen, dass eine Menge Ned Devines daheim vor ihrem Bildschirm saßen und in Jubel ausbrachen, dass Champagner im Übermaß floss und einige Leben neu geplant wurden.

Dann wurde die Ziehung annulliert und, ohne Liveübertragung, wiederholt. Es fielen, die Wahrscheinlichkeit ist da unerbittlich und gnadenlos, selbstverständlich andere Kugeln, mit anderen Zahlen. 16 - 21 - 23 - 29 - 31 - 38, Zusatzzahl 24. Zahlen, die mit denen auf den Tippzetteln der vorherigen Gewinner nichts mehr gemein hatten. Die vermeintlichen Sieger der ersten Ziehung wurden zu Verlierern, die nicht einmal Rechtsanspruch haben auf den vermeintlichen Gewinn. Es ist sicherlich nur zu verständlich, dass das eine schlechte Laune auslöst und befördert, mindestens schlechte Laune. Man kann nur für die, die leer ausgegangen sind, hoffen, dass sie nicht im Überschwang flugs und verbindlich einen Lamborghini Aventador bestellt oder die Kreuzfahrt de Luxe in Richtung Trinidad/Tobago gebucht haben. Wie gewonnen, so zerronnen.

Aber Sinnsprüche helfen in dem Fall auch nicht weiter. Wahrscheinlich hilft nur die erneute Betrachtung des Schicksals von Ned Devine aus Tullymore in Irland. Es hätte viel schlimmer ausgehen können. Helmut Schümann

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