Zeitung Heute : Love Parade: Beat-Klicks - Chatten mit dem DJ

Markus Ehrenberg

Gäbe es sie noch nicht, man müsste sie für die Loveparade erfinden: die Webcam. Auf den Rücken von ausschwärmenden Netzreportern, die aussehen wie Astronauten, übertragen die Digitalkameras Bilder ins Internet. Rund um die Uhr. Die ganze Loveparade ein einziges Big Brother. Was besonders spannend ist bei diversen After-Partys, aus den Tiefen des Tiergartens, da, wo die Kameras von B 1 besser nicht hinkommen und plötzlich Netzreporter auftauchen. Das Internet ist dabei.

Die Loveparade wird multimedialer. Neueste Errungenschaft: ein Live-Chat mit den DJs an der Siegessäule. Wer wissen will, welche Haarfarbe DJ Marusha gerade hat, sollte am Abend bei www.loveparade. de vorbeisurfen und Marusha persönlich fragen. Beat-Klicks. Acht Videokameras begleiten den Chat im Rave-Trubel. Etwas ruhiger lässt es Sat 1 online angehen. Schickt seine Netzreporter unter Promis auf eine Medialounge ( www.dienetzreporter.de ). Mehr körperlicher Einsatz wird den mobilen Internetreportern abverlangt, die Radio Fritz unters Volk mischt. Schon am Freitag sind zwei Reporterinnen online auf einer Vor-Party unterwegs. Ihre Arbeitsgeräte sind ein UrbanJunglePack auf dem Rücken, das die interaktiven Möglichkeiten des Internet nutzt: der Netzreporter im Dialog mit den Stubenhockern zu Hause am Computer ( www.fritz.de/loveradio ).

Oder will man doch lieber live dabei sein? Unter loveparade.de erfahren Raver aus der ganzen Welt, wie sie heil nach Berlin und wieder raus kommen: Wie sind die Bus- und Bahnverbindungen? Dazu Stadtpläne, Übernachtungsmöglichkeiten, Verabredungsservice, Partyübersicht sowie (es soll ja nicht so heiß werden) Notfallnummern, in deutscher, englischer und sogar in französischer Sprache.

Der Berliner Newsletter Flyer kümmert sich online um all die, die noch kein Bett oder Hunger haben, übernimmt sogar Reisevorbereitungen (Mitfahrzentrum, Bettenbörse, Gastrotipps). Und füttert die Loveparade-Hasser mit "no commerce". Unter dieser Rubrik finden sich jene Partys, die mit dem "kommerziellen Gehabe" der Loveparade-Veranstalter nichts am Hut haben - Werbung und Sponsoren sind dort nicht erlaubt, so bei den Alternativ-Veranstaltungen Sexparade am Freitag, FuckParade2000 oder Funky Alien Parade (alle Informationen im Internet).

Bei soviel Ravern, Anti-Ravern und Kameras in der Stadt dürfen Berliner Start-Ups nicht fehlen. Eine Million Raver sind eine Million Internet-Nutzer. Sechs junge Internet-Unternehmen sitzen in dem Loveparade-Wagen "world-white-web" und starten dabei gleich noch eine Initiative: "Mehr Weis(s)heit im Netz". Und der Internet-Führer texxas.de hat kurzerhand eine "Love-WG" ins Leben gerufen. Sechs Bewohner feiern die Party vier Tage lang in einer 5-Zimmer-Wohnung an der Preußenallee und sind rund um die Uhr im Internet zu beobachten. Wie gesagt: Big Brother auf der Loveparade. Oder besser: Die Loveparade ist Big Brother.

Wenn das alles vorbei ist, hält das Internet bis zur nächsten Loveparade Trost bereit. Rund 6000 private Websites mit zahlreichen Eindrücken zur politischen Demonstration. Und mit vielen Bildern, Bildern, Bildern. Der Stuttgarter Ralf Kowalewski dürfte dabei den RTL2-Preis bekommen: für die meisten nackten Frauen auf einer Loveparade-Homepage.

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