Zeitung Heute : "Ludwig der Heilige": Die Sonne über dem Abendland

Michael Borgolte

Als Jacques Le Goff, der große französische Mediävist, vor Jahren gebeten wurde, das eigene Leben im Hinblick auf sein wissenschaftliches Werk darzustellen, erzählte er eine ebenso amüsante wie bezeichnende Episode aus seiner Jugend. Als Kind katholischer Eltern - die Mutter war bigott, ja von einem Christentum der Angst, des Leidens okkupiert, der Vater antiklerikal geworden über die Dreyfus-Affäre und doch Laienmissionar im Nahen Osten - hatte er sich der ersten Beichte zu unterziehen. Dieser Akt, schrieb er, schien ihm von höchster Wichtigkeit: "Ich vollzog ihn in der Furcht vor einer unvollständigen Beichte. Was war Sünde und was nicht?" Der alte Priester, der ihn anhörte, lobte zwar seinen Ernst, wurde aber ungeduldig, weil noch andere "drankommen" mussten. So geriet die Beichte kurz. Auf der Schulbank indessen fiel dem Knaben eine Unterlassung ein, er kehrte um, beichtete erneut und erhielt eine weitere Buße. Die kam ihm aber zu gering bemessen vor, so dass er sicherheitshalber ein zusätzliches Ave Maria betete.

Nichts schreibt Le Goff an dieser Stelle darüber, wie er die frühe Gewissensschulung im Hinblick auf die Tugenden des Forschers bewertet, das Ethos der Wahrhaftigkeit und das Streben nach Erkenntnis. Stattdessen leitet er unvermittelt zu späteren wissenschaftlichen Interessen über. Waren solche Kindheitserinnerungen Anlass, über den Ersatz der öffentlichen Beichte durch die individuelle Ohrenbeichte nachzusinnen, die das Vierte Laterankonzil von 1215 jedem Gläubigen einmal jährlich vorgeschrieben hat? Diese Veränderung, erklärt Le Goff, habe geradezu eine "Kampffront im individuellen Bewusstsein" eröffnet. Tatsächlich ist die Forschung heute davon überzeugt, dass die kirchliche Reform, ähnlich wie die etwa gleichzeitige Einführung der Inquisition, tiefgreifende Folgen für das Bewusstsein der Menschen von sich selbst hervorgebracht hat.

Höchst umstritten ist hingegen, ob im Mittelalter auch von einem "Individuum" die Rede sein kann, von einem Subjekt, welches das Wissen von seiner Besonderheit im Kontrast zu anderen erfuhr. Ja ob, etwa für das 12. oder 13. Jahrhundert, geradezu von einer "Entdeckung des Individuums" gesprochen werden kann. Le Goff hat diesem Problem nun eine umfangreiche Monografie gewidmet, ein opus magnum über den französischen König Ludwig den Heiligen (1214 - 1270): einen exzessiven Beichtgänger, dem aus Angst vor der ungesühnten Todsünde Tag und Nacht ein Priester zur Verfügung stand.

Zwar ist das Werk eine Biografie, doch zugleich eine Lebensbeschreibung besonderer Art. Ludwig der Heilige gehört noch heute zum nationalen Gedächtnis der Franzosen, als Muster eines Herrschers der Mäßigung, der Gerechtigkeit und des Friedens, verbunden mit dem Mythos seiner Rechtsprechung unter der Eiche von Vincennes. Früher konnte Ludwig gar die unvergleichliche Tradition der französischen Monarchie verkörpern, da von ihm alle Könige bis hin zur Revolution abstammen. "Fahre zum Himmel, du Sohn des heiligen Ludwig!" konnte denn auch der Priester zu Ludwig XVI. sagen, als er ihn 1793 zur Guillotine führte. Was Ludwig IX. in der Geschichte berühmt gemacht hat, ist freilich merkwürdig: ein doppeltes Scheitern des Kreuzfahrers, dem es nie vergönnt war, das irdische Jerusalem zu schauen. Beim ersten Mal geriet der Herrscher 1250 in die Gefangenschaft des ägyptischen Sultans, aus der ihn seine Gemahlin Margarete freikaufen musste. 1270, ein zweites Mal auf dem Weg ins Heilige Land, starb er in Tunis, wo sein Versuch zur Bekehrung des muslimischen Fürsten fehlgeschlagen war.

Zuvor allerdings hatte Ludwig die Königsherrschaft kraftvoll fortentwickelt; seine "Feudalmonarchie" war, trotz der Vorarbeit seines Großvaters, ein Ergebnis des Kreuzzuges, ganz ähnlich wie bei seinem großen Zeitgenossen, Kaiser Friedrich II., der sich nach seiner Jerusalemfahrt von 1228/29 zum "Tyrannen von Sizilien" gewandelt hatte. Ludwig IX. hat aber sein Reformwerk als notwendiges Bußgeld für den gescheiterten Zug in den Osten verstanden. Er hatte, geleitet von der Idee der Gerechtigkeit, sein Reich zu reinigen und sein Volk zum Heil zu führen versucht. Paradoxerweise hat er, gerade indem er alles den Interessen Gottes und der Religion unterordnete, Frankreich und dessen Königsmacht am meisten gedient. Seine Tugenden und seine posthum gewirkten Wunder brachten Ludwig schon 1297 die Kanonisation durch den Papst ein, als erstem und einzigem Kapetinger. Der Ludwig-Biograf Wilhelm von Chartres verglich den König mit einer "neuen Sonne über dem Abendland", die durch offenkundige Wunder auch nach ihrem Untergang, nach dem Tod des Königs also, weiterleuchtete.

Der moderne Autor hat sich seiner Aufgabe mit Skepsis genähert. Nicht etwa aus mangelnder Sympathie für die Gestalt des Königs, sondern aus Vorbehalten gegen die erforderliche Art von Geschichtsschreibung. In der Tat hatte ja Le Goff als prominenter Vertreter der Annales-Schule noch vor vierzig Jahren erklärt, er wolle ein Mittelalter der Tiefenschichten zeigen, das von langfristigen strukturellen Wandlungen mehr bestimmt sei als von den vordergründigen Ereignissen der Urkunden und Inschriften. Die Könige erschienen dabei mit ihrem Handeln erst als Funktionen natürlicher, demografischer, wirtschaftlicher und sozialer Prozesse. Seine Hinwendung zur Biografie wollte er denn auch in erster Linie als kritische Auseinandersetzung mit neuen Trends der Geschichtswissenschaft verstehen, der Wiederkehr der Erzählung, der Renaissance des Ereignisses und der politischen Geschichte: "Die alte, langweilige, oberflächliche und künstliche politische Geschichte droht wiederzuerstehen. Das gilt es zu verhindern." Mit seinem Werk über Ludwig den Heiligen wollte er ebenso der neuen Schwemme biografischer Literatur entgegentreten, die auf die Exotik des Vergangenen baue, um ihr Publikum zu finden. Da narrative Geschichte aber nichts erklären könne, bleibe die Forderung nach Rationalität für ihn ohne Alternative.

Diesen Maximen folgend hat Le Goff eine Biografie und eine Anti-Biografie zugleich geschrieben. Sein Buch besteht aus drei Teilen: einer chronologischen Erzählung fast herkömmlicher Art, wenn auch auf ungewöhnlich klar durchdachter theoretischer Basis, einer Abhandlung über den Aussagewert der Quellen und einer systematischen Darstellung Ludwigs unter der Perspektive all jener Faktoren, die ihn zu einem ebenso einzigartigen wie idealen Herrscher werden ließen. In der Tradition der Annales liegt dem Buch eine Frage zugrunde; es will als "Problemgeschichte" verstanden sein. Die Schlüsselfrage lautet also: "Hat Ludwig der Heilige existiert?"

Das soll keineswegs heißen, dass Le Goff die Existenz des heiligen Ludwig schlechthin bezweifelt, wie irregeleitete Zeitgenossen dies im Hinblick auf Karl den Großen tun. Vielmehr geht es ihm um die Frage der Erkennbarkeit Ludwigs als Individuum angesichts der Wahrnehmungsprobleme der Augenzeugen, der Darstellungsprobleme von Quellenautoren mit einem vorgeprägten Repertoire von Bildern und sprachlichen Wendungen, auch der Überlieferungsprobleme im Spannungsfeld mündlicher und schriftlicher Tradition. Und überdies ist ja damit zu rechnen, dass "realistische" Aussagen über Ludwig wegen der typenbildenden Kraft des heiligen Königs sich ihrerseits zu Gemeinplätzen verfestigten und nicht mehr als solche dechiffrierbar sind.

Auf dem Feld der Zeugniskritik hat Le Goff Hervorragendes geleistet. Er hat demonstriert, was bisher keineswegs ausgemacht war: dass es möglich ist, sich mittelalterlichen Personen mit rational kontrollierten Urteilen anzunähern. Ein Beispiel mag das belegen. Die Kirche hat "die Zeit der Umarmung", also der Sexualität in der Ehe, für einen großen Teil des Jahres eingeschränkt. Doch galt es als Zeichen von Heiligkeit, wenn es gelang, diese Auflagen wirklich einzuhalten. Als Muster für die Überwindung der Fleischeslust wurde der heilige Benedikt genannt, der sich im feurigen Brand der Brennesseln gewälzt haben soll, um die brennende Begierde zu ersticken. Von Ludwig berichtet sein Beichtvater Gottfried von Beaulieu Ähnliches, setzt dabei aber besondere Akzente: "Wenn es sich an solchen Tagen der Enthaltsamkeit aus irgendeinem Grund ergab, dass er seine Gemahlin, die Königin, besuchte und bei ihr blieb, und er manchmal aus menschlicher Schwäche in ihrer Nähe die verwirrende Unruhe des Fleisches empfand, wanderte er im Gemach hin und her, bis sich der Aufruhr des Fleisches gelegt hatte." Ohne Zweifel hat Le Goff Recht, wenn er in der Erzählung vom auf und ab gehenden König die Wiedergabe historischer Wirklichkeit vermutet; denn obgleich es dem mittelalterlichen Autor um einen Beweis der Heiligkeit gegangen war, dramatisierte er die Enthaltsamkeit Ludwigs keineswegs, sondern schildert eine banale "Therapie", über deren Erfolg man sich nur wundern kann.

Die Geschichte zeigt aber auch, in welcher Mischung Ludwig der Heilige erfahrbar ist: als Mensch, von Normen geprägt, aber in besonderen Reaktionen. Le Goff gelingt es, Ludwig den Heiligen tatsächlich als individuellen wie mustergültigen Herrscher zu erfassen, wenn er auch daran zweifelt, dass sich die Menschen des hohen Mittelalters selbst als Individuen begriffen haben. Als Wurzel von Ludwigs Persönlichkeit, zugleich als Ursprung seiner charismatischen Ausstrahlung und historischen Nachwirkung, legt er beim heiligen König die Nachahmung Christi bloß. Ludwig sei von der Illusion angetrieben gewesen, die Muslime zu bekehren und - vielleicht im Sinne endzeitlicher Prophetien - die Welt unter der Herrschaft des Christentums zu einen. Vor allem aber habe er dem Beispiel des leidenden Christus nachgestrebt und auch das Scheitern des Kreuzzugs als dauernden Schmerz angenommen.

Während sein Zeitgenosse Franziskus von Assisi die Nachahmung von Christi Leid bis zum Empfang der Wundmale steigerte, ist Ludwig seinem Umfeld als Christus-König zuletzt durch seinen Tod erschienen. In Tunis starb er, wie mit höchster Aufmerksamkeit beobachtet wurde, um drei Uhr nachmittags, "in der gleichen Stunde, in der Gottes Sohn am Kreuz für die Erlösung der Welt sein Leben hingab".

Le Goff hat seinen Helden nach zehnjähriger Beschäftigung lieben, aber, wie er bekennt, auch hassen gelernt. Mit schonungsloser Offenheit analysiert er Ludwigs Politik der Säuberung und des Ausschlusses der Juden aus seinem Reich. Er brandmarkt die Ordonanz von 1269, die alle Juden dazu verpflichtete, einen Filzfleck von scharlachroter Farbe auf der Kleidung zu tragen, als "schändlichen Text" und gibt ihn ungekürzt wieder. Seine Folgerung: "Der heilige Ludwig ist ein Wegbereiter des christlichen, des westlichen und des französischen Antisemitimus." In der Münzpolitik des Königs erkennt er einen moralistischen Zug, der noch das "ökonomische Gebaren der meisten Franzosen und insbesondere ihrer herausragendsten Führer im 20. Jahrhundert" geprägt haben soll, "von de Gaulle bis Mitterrand".

Der deutsche Leser verstummt angesichts von so viel Akzeptanz der eigenen Geschichte, zumal wenn er nicht vergessen kann, dass der bedeutendste andere Herrscher in Ludwigs 13. Jahrhundert, der Staufer Kaiser Friedrich II., wohl kaum eine ebenso konsensfähige Darstellung finden könnte.

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