Zeitung Heute : Lücke Mut zur

96 Quadratmeter verteilt auf fünf Stockwerke – wer will denn so was? Björn Siemsen und seine Familie in Kiel. Ein Besuch im schmalsten Haus Europas.

Ariane Bemmer

Medizinstatistiker haben errechnet, dass jede Stufe treppauf das Leben um drei bis vier Sekunden verlängert.

Physiker haben nachgewiesen, dass Treppensteigen siebenmal anstrengender ist als Laufen in der Ebene.

Unfallstatistiken melden jährlich etwa 60 000 Unfälle auf der Treppe

Der Kalorienkalkulator meldet, dass man bei 20 Minuten Treppensteigen 204 Kilokalorien verbraucht. 205 Kilokalorien wären es bei 35 Minuten Wandern.

Das Haus von Björn Siemsen hat 80 Treppen. Die verbinden fünf Stockwerke, auf die sich 96 Quadratmeter Wohnfläche verteilen. Was sich in einer Wohnung aneinanderreiht, ist bei Siemsen übereinandergestapelt. Man geht nicht geradeaus, man geht zickzack und dabei hoch oder runter. Auf jeder Etage ist ein Zimmer, auf jeder halben Treppe ein Bad, eins mit Waschmaschine, eins mit Dusche, eins mit Wanne. Das ist Rekord. Siemsen, 36, wohnt mit seiner Familie in dem wohl schmalsten Haus Europas.

Er hat es auch gebaut, so was gab es vorher nicht.

Im Erdgeschoss ist die Garage, in die das Auto millimetergenau hineinzuzirkeln sein wird, wenn die Kartons mal verschwunden sind – die Familie ist im Januar erst eingezogen. Daneben schlängelt sich ein Flurschlauch nach hinten, am Ende die ersten Stufen. Hier aus Beton. Weiter geht es auf Holz.

Beim Erreichen des ersten Stockwerks, wo das Zimmer für die älteste Tochter, 14, noch eingerichtet wird, sagt Siemsen: „Das Treppensteigen ist heute viel weniger als noch vor einem halben Jahr.“ Da war das Haus in der Kieler Altstadt noch Baustelle, da musste man viel öfter hoch und runter als jetzt. Im zweiten Stock, wo das Schlafzimmer ist, räumt seine Frau auf und sagt: „Ich merke die Stufen gar nicht mehr.“ Im dritten Stock, wo die kleinen Kinder wohnen, ist die Tür zu, die beiden, vier bzw. ein Jahr alt, halten Siesta. Im vierten Stock, wo die Küche ist, da haben sie vorhin Mittag gegessen. Am langen Tisch aus gelaugter Eiche, wie überhaupt alles Holz im Haus – Fensterrahmen, Türen, Treppen – gelaugte, helle Eiche ist. Die Sonne hat durch die Fenster geschienen, die die ganze Front ausmachen. „Je höher man kommt“, sagt Siemsen, „umso mehr löst sich das Haus auf.“Je heller es wird, umso weiter wirkt es.

Im fünften Stock dann haben sie ein Wohnzimmer, dessen Decke teilweise aus Glas ist. Und oben drauf, auf 18 Metern Höhe, ist eine Terrasse, von der aus man die Masten der Segelschiffe sehen kann, wenn sie die Kieler Förde entern.

Auf die Idee mit dem schmalen, im Grundriss dreieckigen Haus kam Siemsen vor Jahren, da war er noch Architekturstudent. „Mensch, in diese Lücke könnte man doch was bauen“, hat er damals gedacht, wann immer er an dem Durchgang zwischen den Häusern Nummer 56 und 58 im Königsweg vorbeikam. An der Straße maß der 4,50 Meter. Aber hinten, an der schmalsten Stelle war sie gerade 80 Zentimeter breit. Dahinter ist noch ein Garten. 170 Quadratmeter Südlage. Mit einer Trauerweide drin und einem alten Kirschbaum.

An der Uni war der gebürtige Kieler mit Bauen in Tokio befasst, wo Platz eine knappe Ressource ist. Wo in der Metropolenregion mehr als 34 Millionen Menschen wohnen. Wo Faltwohnungen oder Minimalhäuser herkommen. Aber auch in Kiel ist es eng. Und Siemsen fing an, sich Gedanken zu machen. Je länger er nachdachte und entwarf, umso faszinierter war er von seiner Idee. Und je faszinierter er war, desto größer wurde die Angst, jemand könnte ihm zuvorkommen. Also kaufte er 2003 das Grundstück. Und überlegte weiter. Beriet mit seiner Frau. So viele Etagen! Die ganzen Treppen! Hält man das aus? Sie wohnten zu der Zeit in einer Altbauwohnung, Parkett, Dielen, auch nicht schlecht. Aber sie wollten ein Haus, einen Garten. Auch für die Kinder. „Wir haben uns viel angeguckt im Umland, aber nichts passte so recht“, sagt Siemsen und grinst: „Als Architekt hat man so seine Ansprüche.“

Und dann fing er tatsächlich an.

Was sein tollster Einfall war: Er verzichtete auf eigene Außenwände. Seine Wände sind die Wände der Nachbarn. Er hat die mit Lehm verputzt und dahinein seine Wandstrahlheizung montiert, was mit dazu führte, dass er 2007 einen „Öko Plus“-Umweltpreis erhielt. Da die Baubehörden nicht richtig wussten, was für Formalitäten zu erfüllen sind, wenn jemand die Wand des Nachbarn nutzt, reichte deren formlose Einverständniserklärung. Aber der Statiker verlangte, dass das Haus so konstruiert werde, dass es auch stehen bliebe, falls der linke und der rechte Nachbar gleichzeitig abreißen würden. Siemsen zog deshalb in der Mitte seines Hauses eine Betonwand hoch, die er erst nicht wollte, eine schmale Säule, um die sich das Innenleben sehr harmonisch herumschlängelt.

Die Treppen sind offen, sodass Licht streifenförmig durch sie hindurch strahlt. Auch durch die Holzlamellen, die an den Frontfenstern angebracht sind, fällt das Licht in langen Streifen, was die Räume größer wirken lässt.

Es stehen überall noch Kartons rum, hier und da sind Rumpelecken. Siemsen will die weg haben. Anfangs hätten sie jeden Tag so viel geschafft, dass man Fortschritte sah, jetzt müssten sie sich zwingen, sich nicht im Halbperfekten einzurichten. Er hat eine Einweihungsparty zur Kieler Woche im Juni angekündigt, um sich unter Druck zu setzen.

Schon als das Haus noch eine Baustelle war, rief es viele Reaktionen hervor. Nicht mal geschenkt wollten manche Passanten haben, was da entstand. Andere fragten gleich, ob sie wohl einziehen dürften. Da rollte noch täglich die Seilwinde rauf und runter, die – wie in der Hamburger Speicherstadt – vorn am Haus angebracht ist. Mit der zogen sie Baumaterial, die großen Fenster und zum Schluss das Sofa und die alte Kommode hoch. Die Einkäufe fürs tägliche Leben werden aber leibhaftig in die Küche geschleppt.

Das Haus verbreitet mit seinen großen Fenstern und dem vielen Holz fast schon Ferienatmosphäre. Die Siemsens bekommen auch – trotz der Stufen – viel Besuch. Nur ihre Eltern machen sich rar. Denen ist das zu anstrengend. Und wenn sie dann doch einmal da sind, überlegen die älteren Herrschaften ganz genau, was sie in welches Zimmer mitnehmen müssen.

Die Fitness-Herausforderung an seiner Wohnidee sieht Siemsen auch kritisch. Doch er rechnet damit, sein Haus – sollte es eines Tages nötig sein – gut verkaufen zu können. Ihn selbst habe alles zusammen rund 200 000 Euro gekostet.

Aber vielleicht halten die Knie ja durch. Als die Siemsens neulich einen Freund besuchten, der im sechsten Stock wohnt, habe der ganz erstaunt reagiert, als sie nach dem Klingeln unten seine Wohnung oben erreichten: „Huch, da seid ihr ja schon, das ging ja schnell!“

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