Zeitung Heute : Lüge, Kunst und Aufbau Ost

Ein fliegender Teppich ist hier zu sehen und Willy Brandts Geburtsstube. Ein Museum hat einige tausend Euro vom Arbeitsamt bekommen. Man hoffte auf Arbeitsplätze, hier in der Ostprignitz. Nun fühlt sich die Behörde betrogen. Der Museumsgründer sagt: Wir handelten in Not.

David Ensikat

Die Direktorin

Emma von Hohenbüssow, ausgezeichnet mit diversen Kunstpreisen, war sechs Jahre lang Chefin des Lügenmuseums zu Babe in der Prignitz, ein Jahr lang Mitglied im Brandenburger Museumsverband. Am 13. Juli des Jahres 1996 wurde sie in Ehren bestattet. Im „Ruppiner Tageblatt“ stand tags darauf: „Staatsakt statt Broilerbude. Huhn zu Grabe getragen: Grenze des guten Geschmacks überschritten“.

Ja, Emma von Hohenbüssow war ein Huhn, totgebissen vom Schäferhund des benachbarten Künstlerprojekts, geehrt mit einem großen Grabstein auf dem Hof des Lügenmuseums, darauf steht: „Jede Lüge ein Skandal“. Die Einwohner des Dorfes Babe hatten schon viele Hühner sterben sehen, für die Ehre, die Emma von Hohenbüssow zuteil wurde, hatten sie wenig Verständnis.

Das Museum

Seit sieben Jahren befindet sich das Lügenmuseum im Gutshaus des Dorfes Gantikow, 20 Kilometer von Babe entfernt. Auch die Gantikower finden, dass die Belange des Museums nicht die ihren sind. Sie betrachten die Nummernschilder der Autos und der Busse, die vorm Museum Halt machen – sehen da B, HH oder HB, und sie wissen: alles Städter, Leute aus einer anderen Welt. Leute, die Müll für Kunst halten. Na ja.

Nun haben sie erfahren, dass das Lügenmuseum so gut wie pleite ist, dass das Arbeitsamt 40000 Euro zurückverlangt, weil es vom Lügenmuseum belogen wurde. Und die Gantikower sagen sich: Wen wundert’s? War der Verdacht doch richtig, Scharlatanerie, Betrug. Und das bei uns im Gutshaus.

Über dem Eingang des Museums steht: „Die Lüge im Dienste der Wahrheit wäscht den Staub des Alltags von den Sternen“. Und darunter, „Make Love not War“. Nach Selbstauskunft handelt es sich beim Lügenmuseum um ein „begehbares Kunstwerk“. Dass es die Lüge im Namen führt, deutet allein auf den etwas verqueren, nicht ganz kunstmarktkonformen Anspruch des Kunstwerkes hin. Es finden sich darin unter anderem: eine scheppernde bewusstseinserweiternde Maschine, ein Elvis-Schrein mit Erdnussflips, eine Kathedrale des Sozialismus, ein fliegender Teppich, dessen wedelnde Fransen von einem großen Föhn angepustet werden, eine Zielscheibe, welche die Direktorin des Museums im Jahr 1994 beschissen hat, die Geburtsstube des Willy Brandt und etliche weitere Exponate, die vom großen Humor und vom handwerklichen Geschick des Künstlers zeugen wie vom Reichtum der Müllplätze und verlassenen Gehöfte der Umgebung, von denen die Bestandteile stammen.

Das Lügenmuseum ist mit 10000 Besuchern im Jahr die zweitgrößte Touristenattraktion der Ostprignitz, einer Gegend, die den zahlreichen Windrädern keine Hügel in den Weg stellt und aus der die jungen Leute in „strukturstärkere Regionen“ fliehen. Noch mehr Touristen als das Lügenmuseum lockt nur der Ritter Kahlbutz an, eine gruselige Mittelaltermumie im Nachbardorf.

Außerdem war das Lügenmuseum lange Zeit ein viel versprechendes Arbeitsbeschaffungsprojekt. Das Arbeitsamt brachte hier etliche Prignitzer unter, die dann nicht mehr in der Arbeitslosenstatistik auftauchten. Der „Gespächskreis Ost“, eine von der Bundesregierung einesetzte Kommission zur Untersuchung der Ost-Misere, kam für Regionen wie die Prignitz zu dem Schluss, dass Indutrieförderung hier ein Fass ohne Boden sei. Eine weitere Förderung wert seien einzig die Bereiche Altenpflege, Gesundheitsdienste und Tourismus. Ganz klar, das Lügenmuseum gehört zum Bereich Tourismus.

Der Künstler

Man sieht ihm an, dass er hier der Künstler ist. Die dunkelblonden Haare, ein bisschen Grau darin, trägt er lang, hinten zum Zopf gebunden, auf der Nase eine runde Brille mit schmalem Metallrand. Er hat ein weiches, freundliches Gesicht, seine Schultern hängen ein wenig traurig herab. Er spricht auch nicht so, wie die Leute hier sprechen. Reinhard Zabka, 50 Jahre alt, redet leise, mit einem feinen sächsischen Akzent.

40000 Euro Schulden beim Arbeitsamt, keine ABM-Stellen mehr, das Lebenswerk bankrott – aber abgesehen von den Schultern macht Reinhard Zabka einen sehr fidelen Eindruck. „Scheitern als Chance“ – so einer ist das, so etwas sagt er (er brüllt es nicht wie Schlingensief, er meint es so).

Aber erst mal wollen wir doch wissen, wie alles kam, wie er das Arbeitsamt belog, warum der plötzliche Ruin.

„Na ja, das liegt daran, dass wir zu dilettantisch waren, aber der Dilettantismus gehört auch zum Ganzen hier.“

Nun, wenn man es kurz erklären will, dann darf man Reinhard Zabka nicht zitieren. Das Arbeitsamt fordert Geld zurück, das es an Arbeitslose ausgezahlt hatte, 40000 Euro insgesamt. Die Arbeitslosen arbeiteten im Museum, sie waren „ABMler“, Leute in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Wer solche Leute anstellen und sie vom Arbeitsamt bezahlen lassen möchte, muss sich an strenge Regeln halten. Er muss genau beschreiben, was sie bei ihm tun sollen, er muss Buch darüber führen, was sie tun. Reinhard Zabka hat die Arbeitslosen als „künstlerische“ und „kaufmännische Assistenten“ deklariert, und er hat sie, wie es nun heißt, „artfremde Tätigkeiten“ verrichten lassen. Einer legte Fliesen, andere sägten mal Holz oder bereiteten das Haus für einen Heizungseinbau vor.

Von den artfremden Tätigkeiten erfuhr das Arbeitsamt durch die ABMler selbst. Sie zeigten Zabka an, zum Teil anonym. Sie konnten nicht viel anfangen mit Zabkas Städter-Kunst, und er hat es ihnen auch nicht leicht gemacht. „Ich bin doch kein Volkspädagoge“, sagt er. Er ist Künstler.

Was sollte er tun? Es ist ja wahr, die Leute haben Dinge getan, die man nur mit einem sehr weiten Kunstbegriff als „künstlerische Assistenz“ beschreiben kann (beim Fliesenlegen mag man streiten: Es sind bunte Fliesen, hübsch arrangiert, der Künstler sagt, er habe hier eine Arbeit beschafft, die durchaus künstlerischen Anspruch hatte). Zabka sagt: „Aus Not haben wir die Grenzen überschritten.“

Natürlich herrscht hier Not, wie sollte es auch anders sein? Die Museumskultur zu Gantikow ist keine Staatskultur, auch keine anerkannte, mit der sich Sponsoren schmücken wollten. Was nützen tausende Besucher, wenn man ihnen nur drei Euro Eintritt abnehmen kann (Kinder, Reiter und Radfahrer zahlen die Hälfte)? Was nutzt die Kunst, die nur gefällt, die witzig ist, charmant, begeisternd, die aber keinen Kunstmarkt kennt? 25000 Euro zahlen die Besucher in einem Jahr, 160000 Euro kostet das Museum pro anno. Firmen, die Heizholz klein machen, die Wände aufstoßen und Fliesen verlegen, kann man da nicht bezahlen.

Reinhard Zabka ist ja überhaupt aufs Land gegangen, um dem Geld- und Kunstzwang zu entkommen. „Was soll ich meine Sachen in Ausstellungen geben, wenn die kaputt zurückkommen?“, sagt er. Außerdem: „Hier, im Museum, muss ich nichts entsorgen. Ich kann meinen ganzen Kram aufstellen, und die Leute freuen sich darüber.“

Weil Reinhard Zabka in die strukturarme Prignitz ging, waren fürs Überleben seiner Kunst weniger die Kunstverantwortlichen verantwortlich als das Arbeitsamt. Hier geht es um Strukturanpassung, um Aufbau Ost. Hier gibt es eine Arbeitslosigkeit von 25 oder 50 Prozent, je nach Zählweise, größere Betriebe fehlen, hier ist man froh, wenn überhaupt irgendjemand irgendetwas Selbstständiges macht. Zabkas Lügenmuseum war seit zehn Jahren Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. „Ein Goldregen für uns“, sagt Zabka heute, „aber keine Existenzgrundlage.“

Überhaupt hat der Künstler ein etwas schwieriges Verhältnis zum Begriff der Existenz. „Das Lügenmuseum hier in Gantikow war wunderbar, solange es sich entwickelt hat. Alles war so leicht. Jetzt, da es um die Existenz geht, ist es schwierig. Da muss man Kaufmann sein, nicht Künstler.“

Der Revisor

In den renovierten Gängen des Arbeitsamtes Kyritz, pardon, der „Agentur für Arbeit, Außenstelle Kyritz“, riecht es wie im Krankenhaus. Draußen harken ABMler die Grünfläche, drinnen erzählt der Chef der Außenstelle Gerhard Kelch, wie er das Museum einst gefördert hat und warum damit nun Schluss ist. Er trägt Vollbart und eine golden-silberne Krawattennadel überm leicht zu bunten Schlips. Er ist der Mann, der die 40000 Euro zurückverlangt. Außerdem ist er verantwortlich dafür, dass das Lügenmuseum zehn Jahre lang mit Arbeitsbeschaffungs- und Strukturanpassungsmaßnahmen unterstützt wurde, dass da ein paar hunderttausend Euro hineingesteckt wurden. Gerhard Kelch hielt das Kulturobjekt bislang für ein Arbeit schaffendes Erfolgsmodell.

Das soll jetzt alles vorbei sein wegen der paar Denunzianten? Herr Kelch, das muss Ihnen doch selbst Leid tun!

„Leid tun… sicher ist das nicht schön. Aber die Rechtmäßigkeit der Maßnahmedurchführung war nun mal nicht gegeben.“ Maßnahmedurchführung sagt Herr Kelch sehr gern. Es ist sein Job, so etwas zu überwachen. Wenn er sieht, dass eine Maßnahmedurchführung nicht den Regeln entspricht, dann muss er Konsequenzen ziehen, sonst machte er sich eines Dienstvergehens schuldig.

Tragisch könnte man das nennen, denn Gerhard Kelch hat hier schon viele teure ABM-Projekte scheitern sehen, und beim Lügenmuseum hatte er gerade Hoffnung geschöpft. Es gab gerade Gespräche mit dem Technologie- und Gründerzentrum Neuruppin: Man fand, dass hier die Aussicht eine gute sei. Dass früher oder später im Gantikower Lügenmuseum ein oder zwei richtige Arbeitsplätze entstehen könnten. „Sehen Sie, wir sind ja nicht dafür da, dauerhaft so eine Sache durchzufinanzieren. Das soll doch mehr ein Anschub sein, damit sich das mal selber trägt. Da muss Beständigkeit rein.“

Und was die Sache mit den „artfremden Tätigkeiten“ anbelangt – da müsse man schon sagen, dass das so nicht geht. Leute, die das Arbeitsamt bezahlt, dürften doch nichts machen, was die Firmen vor Ort auch tun könnten. Dann nähme man denen ja die Arbeit weg.

Aber wenn das Museum gar kein Geld hat, richtige Firmen zu bezahlen?

„Ja, nein, so geht das nicht. Wo fängt denn das an, und wo hört das auf? Das geht nicht.“

Dann bleibt es also bei der Forderung, die das Lügenmuseum ruinieren würde?

„Jetzt müssen die erst mal dagegen klagen. Dann wird man weitersehen.“

Der Gantikower

Willi Dorn ist Ortsvorsteher des 260-Seelen-Dorfes Gantikow. Er sitzt in seiner ockerbraun eingerichteten Wohnstube auf der ockerbraunen Couch, über ihm hängen zwei goldgerahmte, sehr bunte Blumenkunstdrucke. Er trägt den Scheitel militärisch exakt, er sagt: „Die Truppenteile vom Museum, die machen ja so Kram, wo die Leute hier nich so richtig verstehen, wat dit soll.“ Er spricht immer von den „Leuten hier“ und sagt, wenn man ihn danach fragt: „Nee, nee, dit is auch meine Meinung.“ Zum Beispiel: „Für die Leute hier is’ dit natürlich allet Plunderkram, wat die da hinstellen im Museum. Mit Kunst hat dit für die Leute hier nüscht zu tun.“

Dorn hat an der Schule früher ESP – Einführung in die sozialistische Produktion gelehrt, jetzt ist er für LER zuständig – Lebenskunde, Ethik, Religion. Er ist sich sicher, dass an der miesen Beteiligung bei der letzten Kommunalwahl in Gantikow das Lügenmuseum schuld ist. Da war das Wahllokal drin. „Die alten Leute gehen da nich rein. Für die war dit Gutshaus früher janz wichtig. Da war der Kindergarten drin, die Schule und die Kneipe. Und jetz’ – na kieken sie’t sich doch an.“

Als es bei der letzten Dorfversammlung um die Ortsverschönerung ging, hat Reinhard Zabka angeboten, ein paar Plastiken auf dem Anger aufzustellen. „Ha“, sagt Willi Dorn, „wat mein’se, wat da passiert is’! Wie ein Mann haben die Gantikower da jesagt: Nich mit uns!“

Der Retter

Wenn man beim Lügenmuseum anruft, geht meistens Bodo Wiska ans Telefon. Wenn man mit Reinhard Zabka über den Stand der Dinge sprechen will, dann holt er Bodo Wiska dazu. Reinhard Zabka ist Bodo Wiska vor einem guten halben Jahr begegnet, damals ging es beiden nicht so gut. Zabka befand sich im Streit mit seinen Leuten, Wiska war gerade arbeitslos. Sie kamen überein, dass Bodo Wiska mit nach Gantikow kommen müsse, vielleicht könne er ja aushelfen.

Bodo Wiska ist Kölner, Ende 30, der gerne seine runde Brille in die Haare hochschiebt. Er ist, wie er sagt, „Betriebswirt, Schwerpunkt Personalentwicklung und Unternehmenskommunikation“.

Im Museum ist Bodo Wiska jetzt für all das zuständig, was bisher im Argen lag. Er kann rechnen, er weiß, dass man nicht nur Kunst machen, sondern auch mal Geld verdienen muss. „Stellen Sie sich das mal vor: ,Kommunikationstraining im Lügenmuseum’ – oder noch besser: ,Verkaufstraining im Lügenmuseum’… Na? Das wäre doch was, oder? Ist doch ’ne Marke!“

Auf der Internetseite des Lügenmuseums war bislang vor allem vom Traum der Emma von Hohenbüssow die Rede, von Attraktionen wie dem „kosmischen Wunder vom Gülper See“ oder dem Ohr des Vincent van Gogh. Nun wirbt dort Bodo Wiska unterm Stichwort „Akademie“ für seine diversen Angebote – vom Verkaufstraining bis zur „Flirtfabrik 30+“. Er schreibt: „Vorrangiges Ziel ist die Befassung mit wertvoller deutlicher Kommunikation. Im Spannungsbogen von Musik, als Form der Kommunikation zwischen den Kulturen, über Poesie, Mandala und Meditation bis zum (persönlichen) Marketing klären sich Erwartungen und lassen sich gemeinsam Ressourcen heben.“

Und, Herr Wiska, was meinen Sie, wird das Museum die Arbeitsamtssache überleben?

„Aber klar. Sehen sie mal, die Umstrukturierung, die wir jetzt hier vornehmen, die ist doch die Riesenchance überhaupt. Der Reinhard Zabka kann sich jetzt ganz auf seine Kunst konzentrieren, ich mache den Rest. Das wird was ganz Tolles, das sag’ ich Ihnen.“

Geld vom Staat wird es kaum geben, die Gemeinde hat Riesenschulden, im Potsdamer Ministerium drücken sie zwar die Daumen, aber einen Zabka-Lügen-Fonds werden sie nicht einrichten. Immerhin, Bodo Wiska befindet sich noch in einer „Maßnahme“, wie man so sagt: Für seine Museumstätigkeit zahlen Sozial- und Arbeitsamt. AFL – „Arbeit für Langzeitarbeitslose“ heißt die Maßnahme. Sie ist auf ein Jahr begrenzt. Rainhard Zabka bekommt Arbeitslosengeld. Bis Dezember bekam er Gehalt von einer „Arbeitsbeschaffungsgesellschaft“, die Pleite ging. Als Arbeitsloser darf Zabka offiziell nicht mehr als 15 Stunden arbeiten, aber er ist bei bester Laune.

So stehen die Dinge hier in Gantikow, so ist das mit der freien, strukturanpassenden Kunst in der Ost-Prignitz. Wer will, kann sie sich noch angucken.

Rainhard Zabka sagt: „Das Lügenmuseum bleibt offen. Dieser Realität muss sich die Wirklichkeit jetzt fügen. So sieht’s aus.“

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