Zeitung Heute : Luft holen statt zappeln

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: freie Atemwege, konzentrierte Kinder

Hartmut Wewetzer

Björn ist zehn Jahre alt und geht über Tische und Bänke. Er ignoriert, was die Lehrerin sagt. Er quatscht laut dazwischen, wenn andere im Unterricht an der Reihe sind. Dann wieder träumt er vor sich hin. Und wenn ihm danach ist, legt er den Kopf auf den Tisch und versucht zu schlafen. Mitten in der Schulstunde. Björn hat das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätssyndrom, kurz ADHS genannt. Im Volksmund: Er ist ein Zappelphilipp.

In den letzten Jahren scheint es eine regelrechte Epidemie von ADHS-Fällen gegeben zu haben. Bei immer mehr Kindern wird die Störung festgestellt. Das hat mehrere Gründe. Einer könnte sein, dass man genauer hinschaut als früher. Ein anderer, dass manche Kinder mit der Diagnose ADHS zu Unrecht etikettiert werden, weil es gerade „Mode“ ist. Auch ein wachsender Leistungsdruck könnte Kinder auffälliger werden lassen.

Eine der Ursachen könnte aber auch sein, dass Kinder noch ihre Rachenmandeln haben. Ja, Sie haben richtig gelesen. Ärzte der Universität von Michigan haben nämlich Kinder mit ADHS wegen vergrößerter und entzündeter Rachenmandeln operiert, insgesamt 22. Ein Jahr später hatte nur noch die Hälfte von ihnen die Anzeichen der Verhaltensstörung.

Natürlich kann eine Mandeloperation nicht ADHS heilen. Aber vergrößerte Rachenmandeln und eine erschwerte Nasenatmung durch Schleimhautwucherungen (Adenoide, „Polypen“) können zu auffälligem Verhalten führen, den Weg zu der Störung ebnen. Weil die Kinder schlecht schlafen, schnarchen, Atemaussetzer haben und tagsüber erschöpft sind. Früher wurden die Rachenmandeln viel häufiger herausoperiert. Kann es sein, dass die Zurückhaltung bei den Operationen dazu führt, dass ADHS häufiger wird?

Eine interessante These, findet Michael Huss, ADHS-Experte an der Berliner Universitätsklinik Charité. „Natürlich ist diese Störung komplizierter, sie entsteht nicht einfach nur, weil man schlecht schläft“, meint Huss. Er hat Kinder mit ADHS im Schlaflabor untersucht und festgestellt, dass sie nicht selten eine „chaotische Schlafarchitektur“ haben. „Oft springt ihr Gehirn sofort in die Traumphasen hinein.“

Trotzdem: Die Möglichkeit, ADHS mit einer Mandeloperation zu „behandeln“, ist nicht aus der Luft gegriffen. Denn das „Zappelphilipp“-Syndrom kann nicht eine, sondern viele Ursachen haben. Genetische Veranlagung, Störungen der Hirnentwicklung, Überforderung, gestörter Schlaf – all das kann einzeln oder in Kombination zu Aufmerksamkeitsproblemen, Unruhe und impulsivem Verhalten führen. Die Kinder erhalten die Diagnose ADHS nicht aufgrund bekannter Ursachen, sondern wegen ihrer Symptome.

„Wenn Sie ein Kind haben, das unaufmerksam, überaktiv oder müde ist – dann kann man vielleicht etwas dagegen tun, sofern es eine Schlafstörung hat“, sagt Ronald Chervin, einer der an der Studie beteiligten Forscher. „Eine unerkannte Schlafstörung ist nicht die Lösung aller Probleme für Kinder mit ADHS. Aber sie kann von Bedeutung sein.“

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