Zeitung Heute : Luftblasen, die hart wie Beton werden

BERTRAM KÜSTER

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.Der Tenor des Podiums war eindeutig."Der Kauf mit der Maus - Neue Medien im Einzelhandel" lautete das Diskussionsthema, zu dem der Tagesspiegel am Montag abend ins Hotel Inter-Continental eingeladen hatte."Wer beim E-Commerce mit dabei sein will, muß jetzt handeln", so faßte Wirtschaftsinformatiker Jörg Becker die Meinungen der Redner aus Wirtschaft, Politik und Medien zusammen.

Die Prognosen für den Online-Handel sehen günstig aus.15 Prozent Marktanteil erwarten die Experten in Zukunft für das Geschäft per Datennetz, wenn PCs endlich in bedienungsfreundliche Endgeräte umgewandelt sein werden, und, wie Ulrich Eggert, Geschäftsführer der BBE Unternehmensberatung prophezeit, "in fünf bis sechs Jahren telefonieren nichts mehr kosten wird".

Auch wenn der Umsatz über Internet-Shopping in Deutschland derzeit mit 5 Milliarden Mark gerade mal 1 Prozent ausmacht, und die meisten Vorreiter des E-Commerce bislang noch keine Gewinne verzeichnen können - in den Augen der Fachmänner ist dieser Umstand noch lange kein Grund zur Skepsis.

"Es ist nicht so, daß das E-Business generell nicht profitabel ist", sagte Konstantin Urban, Bereichsleiter für Neue Medien bei der Holtzbrinck-Gruppe.So mache die Online-Ausgabe von "USA Today" trotz einer fünfzigköpfigen Online-Redaktion durchaus Gewinne und auch die Süddeutsche Zeitung werde dieses Jahr den Break-Even-Punkt erreichen.

Ihr besonderes Augenmerk legten die "Kauf mit der Maus"-Experten auf das One-to-One-Marketing.Die personalisierte Kundenbeziehung könnte das Erfolgsmodell der Zukunft sein.Urban gab ein Beispiel: "Wenn wir einen Almanach für 1999 online verkaufen, so können wir dem entsprechenden Kunden im folgenden Jahr per E-Mail die neue Ausgabe anbieten." Die Kundendatenerhebung sei mit ein Grund für die Online-Tätigkeit der Verlags-Gruppe, denn sie ermögliche eine völlig neue Qualität in der Kundenbeziehung.

Darüber hinaus bieten die neuen Geschäftsprozesse im Handel auch jede Menge Chancen für Neueinsteiger.So geht der IBM-Spezialist für E-Business-Lösungen, Ludwig von Reiche, davon aus, daß hunderttausend neue Versandhändler auftreten werden, von denen 90 Prozent nicht über die entsprechende Logistik verfügen.Ein großes Betätigungsfeld für Dienstleistungen.Und, wie der jüngste Erfolg von Internet-Auktionshäusern wie "ebay" oder hierzulande "alando" zeige, seien auch ordentliche Zusatzumsätze zu erwarten.

Dabeisein ist alles.Auch wenn die Investitionsleistungen für einen erfolgreichen Stand auf dem Internet-Marktplatz erheblich sind."Wichtig wird sein, daß die Kleinunternehmen und der Mittelstand das Internet auch als Chance begreifen, sich darzustellen", so Holger Pleines, Abteilungsleiter für Multimedia bei Karstadt.Und eine Online-Präsenz koste mit Sicherheit keine hunderttausend Mark.

Bei so viel Einigkeit unter Politik, Wirtschaft und Medien hatte auch der Moderator, Ex-Wissenschaftssenator George Turner, "nicht den Eindruck, daß hier auf dem Podium untereinander Protest entsteht".Auch Kritik aus dem Publikum konnte die E-Commerce-Enthusiasten nicht beirren.

Stichwort: Datenschutz.Einer der Hemmschuhe für Online-Shopping ist seit jeher und vor allem in Europa die mangelnde Datensicherheit.Zum Beispiel die Angst vor dem unbefugten Zugriff auf Kreditkartennummern."Wissen Sie, was in der Pizzeria hinter dem Vorhang mit Ihrer Kreditkarte passiert?", fragte Becker dagegen.

Dann mußte auch der letzte Skeptiker unter den 400 Zuhörern einsehen, daß an E-Commerce kein Weg vorbei führt.Auf die Vermutung eines Zuhörers, ob das Ganze nicht eine riesige, von den Medien erzeugte Luftblase sei, kamvom Podium die passende Antwort."Ja, auch ich halte das Internet für Luftblasen", sagte Eggert, "aber diese werden immer größer und stabiler.Und bald sind sie so hart wie Beton".

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