Zeitung Heute : Luftverkehr: Sanfte Landung in Paris

Rainer W. During

In nur sechs Jahren hat sich der Pariser Charles de Gaulle-Flughafen zum führenden Luftverkehrs-Drehkreuz in Europa entwickelt. Rund 21 000 Transitpassagiere und mehr als 24 000 Gepäckstücke wechseln hier täglich das Flugzeug. Wöchentlich können sie zwischen 15 121 Umsteigeverbindungen mit einer Transferzeit von maximal zwei Stunden wählen - so viele Möglichkeiten, wie sie die Konkurrenten Lufthansa und KLM in Frankfurt am Main und Amsterdam zusammen bieten, sagt Pierre Callard, Projektmanager der Air France.

In Frankfurt sind es nur 9070, in Amsterdam 6368 und in London-Heathrow 4567 Transitverbindungen, so Callard. Damit hat es Charles de Gaulle in wenigen Jahren geschafft, seine Mitbewerber zu überholen und weit hinter sich zu lassen. 1995 gab es hier gerade einmal 1186 wöchentliche Umsteigemöglichkeiten und 8400 tägliche Transitpassagiere. Möglich wurde das durch den rasanten Ausbau des Flughafens durch die Betreibergesellschaft Aeroports de Paris. Nachdem die Air France 1996 beschlossen hatte, "CDG" - so das Flugplankürzel - auszubauen, wurden zwei zusätzliche Start- und Landebahnen sowie das futuristische Terminal F fertiggestellt. Und schon wieder drehen sich die Baukräne. Terminal E wächst gleich gegenüber seiner für 2003 vorgesehenen Vollendung entgegen. Dann sind allerdings nur noch ein paar Anbauten möglich, und so sind die Politiker bereits auf der Suche nach dem Standort für einen dritten Pariser Verkehrsflughafen, denn auch der alte Airport in Orly hat seine Grenzen erreicht.

In sechs Wellen starten und landen in diesem Sommer täglich 749 Maschinen der Air France und ihrer Partner-Airlines in Charles de Gaulle. Für 56 Prozent der Passagiere beginnt oder endet die Reise nicht in Paris, sie benutzen die französische Hauptstadt nur als Umsteigeort. Für sie wird alles getan, damit der Anschluss auch klappt. Bleibt zwischen Landung und Start mindestens eine Stunde Zeit, ist alles im grünen Bereich. Wird die Zeit knapper, verlässt man sich nicht mehr auf die Findigkeit der Passagiere und die Funktionstüchtigkeit der automatischen Gepäcksortieranlage. Dann treten die 50 bis 60 ständig bereitstehenden, vielsprachigen Service-Agenten in Aktion. Sie nehmen die Reisenden am Ankunftsgate in Empfang und geleiten sie auf dem schnellsten Weg zur Abflugposition. Ein Mitarbeiter ist dabei jeweils für maximal drei Fluggäste verantwortlich.

Verbindungen mit planmäßigen Umsteigezeiten von weniger als 45 Minuten werden nicht verkauft. Wird dieser Richtwert durch eine Verspätung dennoch unterschritten, setzt der Flughafen Fahrzeuge ein, mit denen auch die Reisenden direkt von Flugzeug zu Flugzeug gefahren werden können. Gilt beim Gepäck eine halbe Stunde als Grenze des Machbaren, werden Passagiere auch schon einmal in einer Rekordzeit von 20 Minuten zwischen Landung und Start "umgeladen".

System in dieses scheinbare Chaos bringen die Mitarbeiter des Hub Control Center, die beispielsweise ständig bemüht sind, die für einen schnellen Transit optimalen Parkpositionen der einzelnen Flugzeuge festzulegen. Die Passagiere werden sofort informiert, wenn es "eng" werden sollte. So erfährt der Gast eines verspäteten Fluges bereits vor der Landung, dass er direkt zur Anschlussmaschine gefahren wird oder bekommt, wenn es auch dafür bereits zu spät ist, die günstigsten Alternativverbindungen angeboten.

Bei rund 200 000 Passagieren auf der Verbindung zwischen Berlin und Paris hat die Air France mit sechs täglichen Flügen einen Marktanteil von 86 Prozent. Auch hier nutzt jeder zweite Reisende das Drehkreuz Charles de Gaulle zum Umsteigen. Die Lufthansa bietet drei Verbindungen mit kleineren Maschinen.

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