Zeitung Heute : Lust auf Revolte

MAXIM-GORKI-THEATER Die Opernregisseurin Vera Nemirova gibt mit „Salome“ ihr Schauspieldebüt

PATRICK WILDERMANND

Es geht um einen König namens Herodes, der sich für Gott hält. Um den gefangenen Propheten Johannes, der dessen Macht gefährdet. Und um Salome, die für den wollüstigen Stiefvater den Schleiertanz aufführen muss und als Belohnung dafür den Kopf des Täufers fordert. „Es geht um Liebe, um Leidenschaft, um Nähe in Zeiten des Fanatismus“, sagt Vera Nemirova, die das biblische Drama „Salome“ nun mit Anja Schneider in der Hauptrolle inszeniert. Allerdings nicht in der populären Version von Oscar Wilde, sondern in der Bearbeitung des Regie-Berserkers Einar Schleef, die Nemirova einen „Brühwürfel“ nennt, eine konzentrierte Fassung, die direkt auf die Katastrophe ziele. Nemirova bewundert Schleef, wobei man nicht den Fehler machen dürfe, ihn kopieren zu wollen, betont sie. Die Entscheidung für ihn hat auch einen ganz einfachen Grund: Vera Nemirova ist Opernregisseurin, bei Wilde hatte sie permanent die Melodien der Vertonung durch Richard Strauss im Ohr, von denen sie sich „regelrecht verfolgt“ fühlte, wie sie lachend sagt.

Die Mittdreißigerin, die bereits auf 30 Operninszenierungen zurückblickt und mit Sängergrößen wie Anja Silja und Ian Storey gearbeitet hat, gibt mit „Salome“ ihr Schauspieldebüt. Sie durchdringt den Text im Gespräch mit präzisen, druckreifen Reflexionen. Nicht wenige Regisseure legen diese Salome-Figur ja auf die Couch: Freud, Traumdeutung, erotische Fantasie. Bebildert im Jugendstil. Nemirova lächelt, sie kennt das selbstverständlich alles, aber sie winkt ab. „Wir wollen wegkommen von diesen romantisierten Klischees“, sagt sie, „und zum politischen Kern des Stoffes vordringen.“ Natürlich sei die Salome eine erotische Projektionsfläche, immer schon gewesen, aber sie stehe doch für den letzten weiblichen Widerstand inmitten eines männlichen geprägten Christentums. Ihr Bruch damit bedeute eine emanzipatorische Handlung. „Es geht nicht darum, dass eine Frau aus gekränkter Eitelkeit einen Mann köpft, der sie zurückweist“, findet Nemirova. „Das wäre zu billig.“ Sicher, man sehe das oft, besonders in der Oper, wo dann blutige Pappschädel aus der Requisite, die den Kopf des Johannes-Darstellers imitierten, um die Schamgegend auf weiße Nachthemden gepresst würden. Kitsch, sagt Nemirova. „Es sei denn, man spielt mit solchen Erwartungen.“

Fragt man die Regisseurin, ob sie in ihrer Arbeit generell ein Faible für starke Frauen, gar Femmes fatales habe, reagiert sie sehr freundlich und sehr gleichgültig. „Diese Klischees vom starken und schwachen Geschlecht interessieren mich nur insofern, als sie in der Literatur meist über Bord geworfen sind. Gott sei Dank.“ Aber, bohrt man nach, nicht jede klassische Frauenfigur sei doch spannend – man habe schon verschiedentlich von Schauspielerinnen gehört, die nicht unbedingt das Gretchen spielen wollten. „Oho“, ruft Nemirova, wieder sehr wach, „das Gretchen ist doch die krasseste Figur überhaupt!“ Die begehe einen solchen Tabubruch, indem sie in einer Spießergesellschaft ihre Sehnsucht auslebe. Wie mutig das sei – „dass sie sich schwängern lässt von einem Mann, den sie begehrt, in einer Welt, ähnlich der, wie sie uns Lars von Trier in ‚Dogville’ vorstellt“, schwärmt sie. Vor kurzem hat sie in Bonn den „Faust“ inszeniert, die Oper von Charles Gounod.

Vera Nemirova, die im Alter von neun Jahren mit ihrer Mutter, einer Sängerin, von Bulgarien nach Ostberlin zog, die später an der Hanns-Eisler-Schule studiert hat und von Peter Konwitschny und Ruth Berghaus unterrichtet wurde, zielt auf der Bühne stets ins Herz der Machtverhältnisse. Sie besitze, aus dem Osten kommend, einen besonderen Blick für die Abgründe und Risse, die durch die Gesellschaft gingen, schrieb mal „Die Zeit“ über sie. Für Nemirova allerdings ist das keine Frage der Geografie. „Künstler haben keine Heimat“, sagt sie. „Unsere Herkunft ist das, was wir tun.“

PATRICK WILDERMANN

Premiere 18.2., 19.30 Uhr

Weitere Aufführung 24.2., 19.30 Uhr

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar