Zeitung Heute : Lust und Last der schönen Dinge

In Warenhäusern zeigen die Sammler und Jäger der Großstadt überraschende Wesenszüge. Eine Typologie – streng subjektiv

Nora Sobich

„Ich gehe in die Stadt!“ Dieser Satz ist Alltag und verspricht doch Abenteuer zugleich. „Ich gehe in die Stadt“, ruft man, wenn man sich aufmacht, um Äpfel, Brot oder Selters zu kaufen, wenn man kurz zur Apotheke, Bank oder Post muss. Der Satz kann aber auch anderes verheißen: einen Aufruf zum Shopping – und dann löst er nicht selten eine gewisse Nervosität bei allen Beteiligten aus.

Die Lange Nacht des Shoppings zum Beispiel, die am kommenden Samstag rund um den Breitscheidplatz stattfindet, macht Einkaufen zu einem Ereignis abseits des Alltäglichen. Wie auf einem abendlichen Herbstspaziergang schlendern hunderttausende Schau- und Kauflustige über die hell erleuchteten Straßen, die die Innenstadt zu einer Schatzinsel für Entdecker machen. Auf den ersten Blick scheinen auch dort alle Bummler vom selben Geist beseelt zu sein, den nächtlichen Einkauf als Event zu erleben. Doch bei genauerem Hinsehen entdeckt man hier wie auch andernorts die kleinen Unterschiede. Wer sich selbst und anderen in den Spiegeln der glitzernden Warenhauswelt begegnet, entdeckt nicht selten wohlvertraute Shopping-Strategien: Neben den Leidenschaftlichen gibt es Zielstrebige, Sentimentale, Schüchterne und nicht zuletzt Totalverweigerer.

Die Leidenschaftlichen zeichnen sich durch ihre Dynamik und Neugier aus. Sie wissen vor lauter Freude über die vielen Auslagen und Angebote erst einmal gar nicht, wo sie anfangen sollen. Am liebsten möchten sie sich aufteilen und in fünf verschiedenen Läden gleichzeitig stöbern und schauen. Es gibt unter ihnen auch solche, die sich anfangs nur einen Showroom oder nur eine Marke vornehmen, um am Ende das ganze Geschäft auseinander zu nehmen. Jede CD wird angeguckt, jedes Parfüm zur Probe aufgespritzt, keine Kleiderstange und kein Schuhregal unberührt gelassen. Die Leidenschaftlichen sind die Lieblinge der Verkäufer. Sie packen mit an, sind dankbar für Anregungen und gebotene Alternativen, immer auf der Suche und kaufanfällig für alles. Vom exklusiven Designerstück bis zum günstigen Schnäppchen. Vom neuen Duft des Herbstes bis zum avantgardistischen Gesundheitsschuh. Der Leidenschaftliche ist schier unerschöpflich.

Der Zielstrebige ist das genaue Gegenteil des Leidenschaftlichen. Denn er weiß schon vorher ganz genau, wohin er will, welches Geschäft er ansteuert und wo in diesem Geschäft das Begehrte zu finden ist: dass die grauen Flanellhosen auf der zweiten Kleiderstange hinten rechts hängen, dass es die Seidenschlips mit dem Lieblings-Rautenmuster bei den Anzügen neben der Rolltreppe gibt, dass die robusten Segelschuhe nur in einem bestimmten Spezialgeschäft zu haben sind. Der Zielstrebige ist verführungsresistent und macht keine Spontankäufe. Sollten die von ihm angezielten Waren nicht zu haben sein, hat er für alle Fälle noch einen Plan B zur Hand. Sollte aber auch Plan B nicht funktionieren, dann bricht der Zielstrebige seine Shoppingtour konsequent ab, um in Ruhe zu Hause neu nachzudenken und mögliche Alternativen zu entwerfen. Denn der Zielstrebige stöbert nie. Er kauft auch nie etwas anderes, als das, was er sich vorgenommen hat. Gibt es das nicht, wird der Einkauf vertagt.

Der Schüchterne hingegen ist ein schwerer Fall. Vor so viel Auswahl, so vielen unterschiedlichen Läden und so viel schönen Dingen in den Schaufenstern und Auslagen kann sich der Schüchterne kaum entscheiden. Er möchte sich Zeit lassen und mag nicht beobachtet werden. Er scheut voll gestopfte Regale und fühlt sich verloren in engem Gewühl. Er meidet Verkäufer, denn ist er erst einmal in einem „Verkaufsgespräch“ verfangen, gerät der Schüchterne schnell in die Gefahr, das zu kaufen, was man ihm gerade anbietet, weil ihm das Widersprechen und die Zurückweisung der bemühten Verkäufer über alle Maßen schwer fällt. Der Schüchterne mag zwar genau wissen, was er oder sie will, aber das hilft manchmal nicht, um an das Ziel der Wünsche zu gelangen. Schüchternheit ist in der fordernden Warenwelt mit ihrer verfeinerten Verkaufskommunikation ein großer Hemmschuh und Bremser. Positiv betrachtet kann aber Schüchternheit auch zu kluger Enthaltsamkeit führen und schont zumindest den Geldbeutel.

Der Sentimentale lässt sich am besten als jemand beschreiben, der auf der Suche nach dem ist, was er schon einmal besessen hat. Ob es eine alte Kordhose, ein spezieller Notizblock oder ein Schlüsselanhänger ist. Der Sentimentale ist auf dem Ausguck nach Vertrautem und sehnt sich nach Wiederholung. Er beginnt eine Einkaufstour, weil zuvor sein alter Pullover, der wirklich „nicht mehr ging“, ausgemustert wurde, weil er sein schönes Taschenmesser verloren hat, oder die gute alte Teekanne zu Bruch gegangen ist. Der Sentimentale will dann genau das wieder haben und nichts anderes. Für den Verkäufer ist der Sentimentale die größte Herausforderung. Ein Verkäufer, der ihn bedient, muss gleichermaßen über Wissen und Feingefühl verfügen. Denn oft gibt es nur noch eine liebevolle Beschreibung des Begehrten, aber keine Angaben über Marke und Hersteller. Es gibt nur eine bestimmte Farbe, ein bestimmtes Strickmuster, einen bestimmten Kragen, und hier ist nicht allein das Portemonnaie im Spiel, sondern auch das Herz.

Der Totalverweigerer ist unter den Konsumenten der Isolierte. Nicht zuletzt, weil er sich an den freudigen Einkaufsgesprächen und Schilderungen der Beutezüge weder beteiligen kann, noch will. Die absoluten Anfänger unter den Totalverweigerern lassen sich bloß mitschleppen, gegen ihren Willen in Kaufhäuser, Boutiquen und Showrooms zerren, wo sie in der Ecke mit verschränkten Armen und gesenktem Haupt stehen oder direkt neben den Umziehkabinen in einen weich gepolsterten Ledersessel versinken – und leiden. Gewieftere Totalverweigerer dagegen üben sich in subtilen Strategien, um der drängenden Kauflust ihrer Freundinnen oder Partner zu entgehen. Manche nehmen den Hund mit, in der Hoffnung, mit ihm werde ihnen der Eintritt in die Einkaufstempel verwehrt und im günstigen Falle sogar ein Abstecher in den nächsten Park möglich gemacht. Andere von ihnen stecken vorsorglich und deutlich sichtbar eine Zeitung oder ein Buch in die Tasche und genießen es, sich Kaffee und Kuchen in einem Café zu gönnen, wo sie dann warten können, bis ihre mit Einkaufstüten beladene Begleitung wieder auftaucht.

Jeder von uns „in-die-Stadt-Ziehenden“ ist sicher ein bisschen von allem, mal mehr der eine, mal mehr der andere – und wer’s nicht glaubt, sollte sich einfach mal beobachten. Die Dirigenten dieser Vielfalt sind jedoch die Verkäuferinnen und Verkäufer – egal ob es zugreifend Praktische, freundschaftlich Fürsorgliche, kompetent Sachliche, cool Gestylte oder schnippisch Routinierte sind. Doch das ginge jetzt zu weit ...

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