Zeitung Heute : Lustwandeln im Kirschgarten

Lothar Heinke

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Eigentlich kommt uns jeder Winter vor, als ob er nie zu Ende geht. Diesmal aber bleibt er (Einsteinjahr!) relativ lange und gebärdet sich besonders frech, nervig, ausdauernd und verrückt. Gefühlte Dauer: sechs Monde, ein halbes Jahr. Grauenvoll!, sagt Freund Hans, nimmt seine Badelatschen und schlurft in die nächste Sauna. Unsereins hat eine andere Variante entdeckt, des Frühlings blauen Bändern entgegenzuflattern: Herr Rentner lässt seinen Gefühlen dort freien Lauf, wo sie erwidert werden – in den Arkaden am Potsdamer Platz. Da ist es manchmal recht gemütlich, man kann Leute sehen, warme Socken kaufen und lecker Eis essen. Vor allem aber hat floristische Kleinkunst dafür gesorgt, dass ein Hauch von Lenz die überdimensionale Kaufhalle durchweht: Eine richtige kleine blühende Kirschbaumallee ist entstanden, die moderne konsumfreundliche Variante von Tschechows Kirschgarten mitten in Berlin. Weiß wie Schnee sind die Blüten auf den Zweigen, in Arkadien grünet Hoffnungsglück, vermengt mit Primeln und Tausendschön, Azaleen, Rhododendron und Mandelblütenrosarot. Also, denkt man, es gibt ihn noch, den Jahreskreis, nicht alles ist verloren, und wenn wir nicht zur Krokusblüte gehen können, weil die heuer eine geradezu unverschämte Verspätung hat, kommt die Blüte eben zu uns, auch gut.

Meine Blumenfrau im Flower-Center an der Ecke hat dafür einen ganzen Laden voller Strünke, die angeblich, sobald sie mit meinem molligen TV-Room in Berührung kommen, ausschlagen wie die Bäume im Mai. Forsythien, Weiden und Birkenreiser gehören dazu. Sie wurden mittels einer Nährlösung schon mal so vorgetrieben, dass ihr Soll an frischem Gelb oder Grün vorfristig Erfüllung findet. Man schwindelt sich so durch den Rest vom Winter und hofft auf bessere Tage. Rentner können die Zeit bis zum Frühlingserwachen auch außerhalb ihrer von Hyazinthenduft geschwängerten Häuslichkeit verbringen – in beheizten Museen, beim Nachmittagskino, in der Schmökerecke beim Buchhändler, mit der Badehose beim modischen Wellnessstress, im Café oder auf der Sonnenbank. Von hier ist es nur ein Schritt ins größte Reisebüro: Auf zur ITB, ab nach Afrika oder: Hawaii, aloha, wir kommen!

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