Zeitung Heute : Luxus von der Stange

Fertighäuser galten immer als spießig. Doch mittlerweile entwerfen Stardesigner wie Frank O. Gehry extravagante Modelle. Billig sind sie nicht, aber die Käufer hoffen, Zeit und Nerven zu sparen.

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von Julia Grosse Die Deutschen lieben Sicherheit. Mit Extra-Airbags, Zusatzversicherungen und komplizierten Alarmanlagen, die schon losgehen, wenn nur ein Blatt zu heftig vorbeifliegt. Fertighäuser passten da lange nicht ins Konzept: Die Qualität der Häuser war schlecht, die Wände dünn wie Papier; Fertighäuser hatten den Ruf, bessere Baracken zu sein, in denen es im Sommer zu heiß und im Winter zu kalt war.

Von dieser Skepsis ist zwar einiges übrig geblieben, die Beziehung zum Haus von der Stange hat sich in den vergangenen Jahren aber deutlich verändert. Denn die neue Generation der Fertighäuser kann es qualitativ mit ihren Konkurrenten aus Stein problemlos aufnehmen. Und dann ist da noch etwas, das heute für Fertighäuser spricht, sagt Johannes Geisler vom österreichischen Fertighaus-Unternehmen „GriffnerHaus“: „Die Freiheit. Wer ein Haus von der Stange nimmt, hat viel mehr Zeit, als wenn er sein Eigenheim anders errichtet.“ So beobachtet Geisler schon lange, dass vor allem jüngere Hausherren in spe keine Lust mehr haben, neben ihrem stressigen Job zusätzlich jedes Wochenende auf der Baustelle zu verbringen. Geisler: „Beim Fertighaus ist der Zeitrahmen viel kalkulierbarer. Das finden immer mehr Leute sehr attraktiv.“

„Immer mehr“ sind prozentuell gesehen zwar noch immer ziemlich wenig Menschen: Gerade einmal 15 Prozent der deutschen Einfamilienhäuser sind aus einem Bausatz zusammen geschraubt, bei den Skandinaviern sind es fast 90 Prozent, und auch in Österreich leben 36 Prozent in Fertighäusern. Doch auch in Deutschland hat der Markt enorme Wachstumsraten.

Und das liegt wohl vor allem daran, dass Fertighäuser heute nicht mehr wie groß gewordene Playmobil-Häuschen aussehen müssen: Gerade in den vergangenen Jahren haben sich auch einige anerkannte Architekten mit der Materie befasst, und eigene, elegante Fertighäuser gebastelt. Der Südtiroler Stardesigner Matteo Thun etwa, dessen Haus „O Sole Mio“ bei Traditionalisten wohl Beklemmungen auslöst. Der kastenartige Bau mit seinem Pultdach hat große, offene Räume und zur Südseite eine enorme Glasfront. „O Sole Mio“ ist eine überschwängliche Hommage an die Sonne, ein Fertighaus, das keines sein will. Es gibt Fußbodenheizung, ausgefeilte Beleuchtung, die dezent in die lasierte Holzdecke eingelassen ist, eine Lüftungsanlage sorgt für effektive Wärmerückgewinnung und verstellbare Holzlamellen vor der Glasfront regeln die Temperatur.

Ökologisch korrekter Luxus also, und das Ganze ist nicht nur eine Stilstudie — es gibt auch Menschen, die darin wohnen. Familie Luigs aus Bayern zum Beispiel. Wie ein riesiges Aquarium, vor das man ein dünnes Holzgitter gesetzt hat, steht ihr Fertigbau in einer Siedlung mit Blick auf geometrisch geordnete Felder. Der kleine Ort ist in einer Minute mit dem Auto durchfahren, die nächste Stadt ist Landshut, und die liegt ganz in der Nähe. Michael Luigs sitzt am langen Esstisch und schaut durch die geöffnete Terrassentür auf die benachbarte, friedlich daliegende Gemeinde mit Dorfkirche und vielen, roten Satteldächern. Der Blick aus einem Designschloss auf die ewig gleiche Bautradition.

Die Tatsache, dass Fertighäuser längst schön und hochmodern sein können, hat der Branche einen regelrechten Imagewechsel beschert, und Firmen wie GriffnerHaus gehörten zu den ersten, die mit Matteo Thuns „O Sole Mio“ diesen Trend auch ernsthaft zu Geld machen konnten. Weitere Unternehmen zogen mit Entwürfen von namhaften Architekten nach.

Kein Zweifel: Schnelles, flexibles Bauen ist schick geworden. Der kalifornische Bauguru Frank O. Gehry ließ sich von WeberHaus zu einem, wenn auch ziemlich unspektakulären 145-qm-Fertigbau überreden, Kurvenkönig Luigi Colani entwarf für die Firma Hanse Haus den Prototyp für ein kugeliges Wohnnest. Der weiße Kubus „Micro Compact Home“ des renommierten britischen Architekten Richard Horden zitiert die radikale Reduziertheit minimalistischer Bauhaus-Villen, und die kürzlich auf den Markt gebrachten Wohnmodule der Londoner Firma PAD, die man flexibel an- und übereinanderstecken kann wie riesige Legosteine, entdeckt man eher in der Trendfibel Wallpaper als in altbackenen Musterhausdörfern.

Doch Exklusivität hat selbst von der Stange ihren Preis. So ist das Design-Fertighaus vor allem interessant für Leute, die sich auch einen Architekten leisten könnten. Denn mindestens 100 000 Euro muss man in jedem Fall investieren, um etwa in Werner Aisslingers schicken mobilen Wohncontainer „Loftcube“ einzuziehen, Thuns „O Sole Mio“ kostet sogar mehr als 300 000 Euro. Wiebke und Michael Luigs hat das aber nicht abgeschreckt. Die Vorteile lagen für sie auf der Hand: Sie hatten keinen Stress, wurden von keinerlei versteckten Kosten überrascht und mussten obendrein nur wenige Wochenenden auf der Baustelle verbringen. Stattdessen ging alles ganz schnell. Es war ein verschneiter Novembertag, als die drei Sattelschlepper mit den fertigen Bauteilen die Straße hinaufkamen. Schon nach einer Woche standen die Wände, Säulen und das Dach, nach drei Monaten war ihr Traumhaus schlüsselfertig.

„Das war perfekt. Wir stecken beide in Vollzeitjobs und sind vom Typ her keine Häuslebauer, die zehn Jahre an ihrer Doppelhaushälfte werkeln“, sagt der 42jährige Michael Luigs, der unter der Woche beruflich nach Hamburg fliegt, seine Frau hat ihre Firma vor Ort. Da sie zwei Kinder haben, hatten sie sich damals für die Maximal-Variante von „O Sole Mio“ entschieden. Das Haus besteht nämlich aus mehreren Modulen, die man je nach Geschmack, Platzbedarf und Finanzkraft zusammenstückeln kann. „Wir haben mit über 200 qm auf zwei Etagen sehr viel Platz“, findet Michael Luigs. Draußen auf der Terrasse aus Schiffsparkett schießt der Sohn seinen Lederball aufs Feld, oben, im Schlafzimmer, hält der Kleinere seinen Mittagsschlaf.

Ganz selten müssen die Luigs daran denken, dass „O Sole Mio“ eigentlich ein Fertighaus ist. Sie entdeckten es eines Morgens im Immobilienteil ihrer Zeitung und waren so begeistert von der riesigen Fensterfront und der Idee der ökologischen Ausnutzung des Sonnenlichts, dass sie noch am gleichen Tag nach Starnberg fuhren, wo, versteckt im Grünen, ein Musterhaus steht. Die Luigs hatten Glück. Als sie dem Bürgermeister ihrer Gemeinde wenig später die Pläne für „O Sole Mio“ vorlegten, war der begeistert. Denn die Träume vom eigenen Designfertighaus scheitern in Deutschland nicht selten an den strengen Baugenehmigungen. Dann, wenn der Gemeinde das ungewöhnliche Pultdach oder die moderne Holzfassade nicht in das einheitliche Bild ihrer Satteldach-Kolonie passt.

Auch Familie Luigs kennt diese Probleme. Ihnen wollte die Gemeinde zwischenzeitlich allen Ernstes rote Ziegel im urigen Landhausstil der Nachbarhäuser aufs Pultdach legen. Andere „O Sole Mio“-Eigentümer wurden gefragt, ob sie sich auf ihrem minimalistischen Fertigbau auch ein rustikales Satteldach vorstellen könnten. „Aber ich kaufe mir doch kein Designhaus, um es dann in ein Hexenhäuschen zu verwandeln“, raunt Michael Luigs und schiebt die Terrassentür zu. Die untergehende Sonne über den schnurgeraden Feldern lässt „O Sole Mio“ für einen Moment aussehen wie einen überdimensionalen Goldbarren.

Johannes Geisler klappt die Sonnenblende herunter, er ist auf der Autobahn unterwegs. Es war ein langer Tag im Auftrag des Fertighauses, doch er ist zufrieden. „Es gibt einen Generationswechsel in den Ämtern der Gemeinden“, sagt er. „Die jungen Stadtplaner sitzen schon in den Startlöchern.“ Und die, so hofft er, könnten den Einheitsbrei aus Satteldach und Ziegel auch nicht mehr sehen.

www.griffnerhaus.com

www.matteothun.com

www.hanse-colani-rotorhaus.de

www.aisslinger.de

www.microcompacthome.com

www.padlife.co.uk/pad

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