Zeitung Heute : M-Commerce: "Jeans, blau und billig": Das Handy als Werbeträger

Niko Deussen

Einst waren es Prestigeobjekte. Dann mutierten sie zu Modeaccessoires für Teenies. Jetzt werden sie auch noch zu Nothelfern. Denn in Zukunft soll mit Handys nicht mehr nur telefoniert werden können. Vermisste Kinder lassen sich dann damit ebenso aufspüren wie desorientierte Greise. Auch dem vor sich hin dümpelnden E-Commerce wird auf die Sprünge geholfen. Und das ist auch nötig: Denn der Verkauf von Brot und Rosen per Internet stagniert.

Wer demnächst mit eingeschaltetem Mobiltelefon auf Einkaufsbummel zieht, muss häufiger als bisher mit Pieptönen aus der Handtasche oder dem Rucksack rechnen. Auf dem Display des eilig hervorgekramten Geräts blinken dann Nachrichten wie "Jeans, blau und billig" oder "Yucca-Palmen, garantiert ohne Spinnen" samt Preisnotiz und Einkaufsquelle - gleich um die Ecke. Denn das Funknetz hat die Website des Händlers darüber informiert, dass gerade ein bestimmter Handy-Anschluss am Schaufenster vorbeigetragen wird. Einzige Voraussetzung für das Handy, um an der neuen Spielart des mobilen Kommerzes, des M-Commerce, teilzunehmen: Es muss WAP-fähig sein. Der drahtlose Zugriff aufs Internet (wireless access protocol) gehört allerdings schon seit Jahren bei vielen Modellen zum Standard.

Mobilfunknetze sind aus aneinander grenzenden Funkzellen aufgebaut. In jedem dieser Bereiche besorgt eine Basisstation samt Sendemast die Weitergabe von Gesprächen oder Daten. Durch einen Funk-Impuls teilt ein eingeschaltetes Handy einer Basiszelle mit, dass es sich gerade in deren Funkgebiet aufhält. Mit dem so genannten Zeitverschiebungs-Verfahren wird der Nutzer genauer geortet. Alle Teilnehmer, die gerade zufällig in einer Zelle sind, greifen zeitlich nacheinander auf das Frequenzband zu. Innerhalb eines Zeitabschnitts, der nur Bruchteile einer Sekunde dauert, sendet und empfängt das Mobiltelefon. Danach wird sich quasi wieder hinten angestellt.

Da sich die Geräte bewegen, ändert sich die Signallaufzeit zwischen ihnen und der Station, nicht aber das festgelegte Zeitintervall. Daher wird das Handy von der Sendezentrale ständig über den neuen Zeitpunkt zum Losschicken des Funkimpulses (Sendeburst) informiert. Durch den Unterschied in den veränderten Signallaufzeiten lässt sich der Aufenthaltsradius des Nutzers weiter eingrenzen. Anschließend informiert die Basisstation die Webserver der in der Nähe liegenden Läden. Über den Monitor des Handys flimmern dann nach und nach die Sonderangebote der umliegenden Geschäfte auf das Handy-Display.

Einige Telefonanbieter offerieren bereits solche Vorort-Dienste, auch Location Based Services (LBS) genannt. "Standortbezogene Dienste", glaubt Dirk Wierzbitzki, Internet-Manager beim deutschen Mobilfunker D2, "sind der Schlüssel zum Zukunftsmarkt M-Commerce." Die Mannesmann-Tochter fährt bereits drei LBS-Angebote. Ein Verkehrsinformationsdienst liefert maßgeschneiderte Staumeldungen, ein Hotelkatalog spielt die günstigsten Schlafgelegenheiten aufs Display und "Kompazz" fahndet beim Shopping nach Sonderangeboten vor Ort.

Die digitale Schnäppchenjagd funktioniert schon in einem halben Dutzend deutscher Großstädte. In der Schweiz hat die Swisscom die Vorreiterrolle übernommen. Seit zwei Jahren bietet sie Wetterabfragen an, informiert auf Wunsch über das aktuelle Kinoprogramm und wo der nächste Geldautomat steht. Als Clou hat die eidgenössische Telefongesellschaft ihr Programm um einen Freundschaftsdienst (friend zone) bereichert. Befindet sich ein Lieblingsmensch des Handynutzers in der selben Funkzelle, erscheint eine Meldung auf dem Mobiltelefon - sofern der Netzbetreiber vorher entsprechend angewiesen wurde.

Doch so richtig kommt LBS nicht aus den Startlöchern. So hapert es bisher immer noch an der Zielgenauigkeit. Der Grund: Die Größen der Funkzellen schwanken. Während sie in bebauten Gebieten sehr klein sind, nehmen sie in ländlichen Gegenden oft beachtliche Ausmaße an. Dort werden dann schon mal leicht aus lokalen Angeboten regionale Offerten. Doch inzwischen gibt es bessere Ortungstechniken, die nach wie vor ohne GPS-Satelliten auskommen.

Treffergenau auf 50 Meter

Der derzeit renommierteste Entwickler sitzt in Großbritannien: die Cambridge Positioning Systems (CPS). Konsequent setzt sie zum Handy-Orten das so genannte E-OTD-Verfahren (Enhanced Observed Time Difference) ein. Dabei wird der Messfehler - etwa durch Anpeilen von zwei statt nur einer Basisstation - von 100 bis 300 Meter auf rund 50 Meter gedrückt. Grundlage des Programms ist der GMS-Übertragungsstandard für Mobiltelefone, der immerhin von 70 Prozent aller Handys genutzt wird.

Für die Verwertung ihrer Technik ist CPS inzwischen eine Reihe strategischer Allianzen eingegangen. Es gibt Verträge mit Lucent Technologies, dem Betreiber der legendären Forschungseinrichtung Bell Labs, um Internet-Anwendungen zu entwickeln. Die Handy-Bauer Ericsson und Siemens stiegen vor kurzem gar mit Venture-Kapital ein. Doch obwohl der Kauf von WAP-Geräten ständig steigt, fiel die Zahl der damit getätigten Käufe von 32 auf 12 Prozent.

Schlimmer noch: die Universität im britischen Cambridge fand in einer gemeinsamen Studie mit der renommierten amerikanischen Berater-Firma A.T.Kearney heraus, dass ein gutes Viertel der Besitzer nicht mal genau sagen konnte, wofür die WAP-Funktion überhaupt da ist. "Wenn die Milliardeninvestitionen der vergangenen Jahre nicht vergebens sein sollen, müssen die Anbieter rasch handeln", empfiehlt daher Kearny-Mitarbeiter Diethard Bühler.

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