Maastricht : Wo der Euro klein anfing

Harald Martenstein reist an Schauplätze der Weltgeschichte. Diesmal besucht er Maastricht – die Stadt der gleichnamigen Verträge. Der Reporter entdeckt einen malerischen Ort und stellt fest: Aufreger ist nicht die Währungskrise, sondern die Zukunft der Kifferszene.

Ein Coffeeshop in Maastricht.
Ein Coffeeshop in Maastricht.Foto: Oliver Berg dpa/lnw

Wenn man nach dem Idealbild der europäischen Stadt sucht, bietet sich Maastricht an. Es ist alles da: die malerische Altstadt, die Museen und Theater, der Fluss mit schönen Brücken, die römischen Ruinen, die gemütlichen Kneipen, die Universität, Hausbesetzer, einfach alles. Aus Berliner Sicht ist besonders erwähnenswert, dass hier 1784 die schöne, sanfte Gasbeleuchtung erfunden wurde, die Berlin jetzt abschaffen möchte. Der Erfinder Johannes Minckeleers steht als Statue auf dem Marktplatz, mit einer echten, ewig brennenden Fackel in der Hand.

Maastricht, etwa 120 000 Einwohner, liegt in den Niederlanden, nach Belgien und Deutschland ist es jeweils nur ein Katzensprung. Die Maas kam ja früher auch in der deutschen Nationalhymne vor – von der Maas bis an die Memel. Die aggressive Version der Hymne.

1673 ist der berühmte Musketier D’Artagnan bei dem vergeblichen Versuch, Maastricht für Frankreich zu erobern, vor der Stadtmauer ums Leben gekommen. Später war hier das Nato-Operationszentrum, unterirdisch, europäisches Hauptquartier im Falle eines Atomkrieges.

Kriege hat es in dieser Gegend oft gegeben, auch wenn man es dem properen Maastricht heute nicht mehr ansieht. Unter anderem, damit so etwas nicht mehr vorkommt, gibt es die Europäische Union. Vorläufige Krönung dieses politischen Projektes sollte die Einführung des Euro werden, verhandelt und beschlossen am 9. und 10. Dezember 1991 in Maastricht, besiegelt mit der Vertragsunterzeichnung am 7. Februar 1992, ebenfalls in Maastricht. Mitglied im Euro-Klub durften Länder werden, die den „Maastricht-Kriterien“ genügten: ein Etat-Defizit von maximal drei Prozent, eine Staatsverschuldung von höchstens 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das hat man schon bald nicht mehr so eng gesehen, mit den bekannten Folgen.

Die offizielle Party zur Euro-Einführung fand allerdings in Frankfurt am Main statt, Alte Oper, Juni 1998. Der Maastrichter Männerchor, 160 Köpfe stark, hat damals in Frankfurt den Abba-Hit „Money, Money, Money“ gesungen und dabei echte Banknoten in den Saal geworfen, das soll gut angekommen sein. Zahlungsmittel im Alltag wurde der Euro, nach ähnlich vielen Terminverschiebungen wie bei der Berliner Flughafeneröffnung, aber erst zum 1. Januar 2002.

In dieser bezaubernden Stadt hat der Schlamassel also angefangen. Zufällig ist Maastricht aber gerade wegen ganz anderer Dinge in den Schlagzeilen. Holland war sehr lange sehr liberal. Die neue, rechte Regierung hat nun als eine der ersten Entliberalisierungsmaßnahmen den Ausländern das Betreten der Coffeeshops verboten. Noch gilt das Verbot nicht in ganz Holland, sondern erst mal in den Grenzregionen. Coffeeshops sind Läden, in denen man Joints kaufen und Joints rauchen darf. Alkohol und Zigaretten sind dort lustigerweise verboten.

Ziemlich viele deutsche und belgische Kiffer sind jahrelang schnell mal ’rüber nach Maastricht gefahren, zum Einkaufen. Europäischer Freihandel, mal anders. Auf einer Autobahn-Raststätte bei Venlo soll es ein „McDope“ gegeben haben, extra für eilige deutsche Autofahrer. Insgesamt haben bis vor kurzem jährlich 25 Millionen Cannabistouristen Holland besucht. Das soll nach dem Willen der neuen Regierung aufhören.

Nach Inkrafttreten des Gesetzes gab es in Maastricht die angeblich größte Kiffer-Demonstration der europäischen Geschichte. Das muss nicht viel heißen, so oft demonstrieren die Kiffer ja nicht. Es hat natürlich auch nichts genützt. Inzwischen mussten die Maastrichter Coffeeshops, laut Lokalpresse, 450 Leute entlassen. Der Cannabisverkauf muss in Maastricht ein bedeutender Wirtschaftszweig gewesen sein, ein bisschen wie der Autobau in Wolfsburg. Hat Europa denn nicht schon genug wirtschaftliche Probleme?

Auf der Reise nach Maastricht habe ich Berge von Archivmaterial über den Maastrichter Vertrag gelesen. Danach war mein Respekt vor Rudolf Augstein, der übrigens auch mal wegen Cannabis im Gepäck festgenommen wurde, ein weiteres Mal gewachsen. Der „Spiegel“-Herausgeber Augstein hat heftig gegen die Einführung des Euro gekämpft, den er „die Vergesellschaftung der Mark“ nannte. Mein Respekt rührt daher, dass Augstein die Euro-Krise präzise vorhergesagt hat. Fast ein bisschen unheimlich, er kannte sogar die Ländernamen. Augstein schrieb, 1993: „Die deutsche Währungsdisziplin wird sich in den südlichen Ländern – Spanien, Italien, Griechenland, Portugal – nicht durchsetzen lassen. Und natürlich auch nicht in der irischen Republik.“

Die Euro-Idee könne nur funktionieren, wenn Europa sich zu einem Bundesstaat zusammenschließe, was außer den Deutschen aber kaum jemand wolle. Am Ende werde das reiche Deutschland in einem überschuldeten Euroland isoliert dastehen, schrieb Augstein. Auch Frankreich – das Augstein irgendwie nicht zu mögen schien und für unzuverlässig hielt – werde sich von Deutschland absetzen. Die drei wichtigsten Länder Europas hätten eben total unterschiedliche Ziele. Großbritannien sei an Europa nur als Freihandelszone interessiert, für Frankreich sei Europa ein Werkzeug, um in der Liga der Weltmächte mitspielen zu können. Die Deutschen aber wollten vor allem von den anderen Völkern geliebt werden.

Augstein war natürlich nicht der einzige Prophet. Im Tagesspiegel stand 1996 folgender Kommentar: „Wenn es gelingen soll, die zerrütteten griechischen Staatsfinanzen zu sanieren, muss Papadopoulos zuerst die von seinen Landsleuten als eine Art Volkssport betriebene Steuerhinterziehung eindämmen.“

Jim Rogers, Partner des Investors George Soros, sagte 1998 voraus, dass „mindestens ein Land“ wegen „zwielichtiger Buchführung bei den Staatsfinanzen“ aus der Eurozone herausfliegen werde.

Der Ökonom Martin Feldstein, 1998 im Interview mit dem Tagesspiegel: „Zehn Jahre nach der Einführung kommt die Eurokrise.“ Das stimmte fast auf den Tag genau. Alle scheinen von Anfang an gewusst zu haben, das am Euro etwas grundsätzlich faul ist – na ja, nicht alle. Aber viele.

Der Euro ist, dies eine leichte, aber wirklich nur leichte Vereinfachung, das gemeinsame Kind von Helmut Kohl und François Mitterrand. Auf diese Weise wollte Kohl endgültig unsterblich werden – als Schöpfer der deutschen und dann der europäischen Einheit. Mit dem Euro, dachte Kohl, würde der europäische Einigungsprozess nämlich unumkehrbar werden. Jetzt fürchten nicht wenige, dass der Euro das genaue Gegenteil bewirkt.

Viele Experten rieten dazu, die neue Währung vielleicht erst mal in einem kleinen Kerneuropa auszuprobieren, Deutschland, Frankreich, Benelux, zum Beispiel. Aber Helmut Kohl, über dessen Wirtschaftskompetenz man bei Rudolf Augstein etliche sehr gemeine Sticheleien lesen kann, wollte halt unbedingt den großen Wurf. Und über Kohls Fähigkeit, seinen Willen durchzusetzen, liest man auch bei Augstein viel Anerkennendes.

Als Spanien und Irland – vernünftigerweise – zögerten, sich der Eurozone anzuschließen, wurden sie mithilfe stattlicher Finanzhilfen überzeugt. Der deutsche Chefunterhändler und Koautor des Maastricht-Vertrages hieß übrigens Horst Köhler, später wurde er Bundespräsident.

So also wurde das „Gouvernement“, die Maastrichter Provinzregierung, zum jüngsten historischen Monument Europas. Dort wurde der Vertrag ausbaldowert. Das Gebäude war damals noch ganz neu, eingeweiht 1986 von Königin Beatrix. Das Gouvernement liegt nicht im Zentrum, sondern etwas abseits auf einer Insel in der Maas, eine geschwungene Betonbrücke führt hin. Architektonisches Vorbild für das Euro-Geburtshaus ist eindeutig eine Burg gewesen, Turm, Fensterschlitze, Tor, alles sieht nach Burg aus, also zutiefst europäisch. Führungen gibt es aber keine, Touristen auch nicht. Auf den Vertrag macht eine unauffällige schwarze Stele aufmerksam, kurz vor der Brücke.

In der Hoendstraat liegt das „Easy Going“, einer der bis vor kurzem 14 Maastrichter Coffeeshops. Es ist geschlossen, wie fast alle Shops. Die paar Läden, die es noch gibt, öffnen nachmittags ein paar Stunden, für lokale Kundschaft. Wer in Holland seinen Hauptwohnsitz hat, darf immer noch einkaufen, muss sich allerdings vorher behördlich registrieren lassen. Dazu sind, aus nachvollziehbaren Gründen, nur wenige bereit. 400 sollen es bis jetzt sein.

Ein paar Meter entfernt sitzt eine Frau in einem Headshop, nennen wir sie Hanna. Headshops sind Fachgeschäfte für Kifferbedarf – Pfeifen, Literatur, Räucherstäbchen, Pflanzensamen.

Die Headshops sind alle immer noch geöffnet. Hanna ist ungefähr fünfzig und stammt aus Maastricht. Aber weil sie in Belgien wohnt, zehn Kilometer entfernt, dürfte sie sich nicht registrieren lassen, selbst, wenn sie wollte.

Die alte Regelung war, wie Hanna erzählt, auch ein bisschen verrückt und die Ausgeburt einer nicht sehr logischen Bürokratie. Die Coffeeshops waren seit 1976 legal, aber jeder andere Handel mit Cannabis blieb verboten. Wo sollten die Coffeeshops da ihre Ware eigentlich herholen? Es blieb nur der illegale Großhandel. Regelmäßig klopften also schwer beladene Kuriere an die Hintertüren der Shops, die von der Polizei jederzeit hätten hochgenommen werden können. Das System war so widersprüchlich wie die Konstruktionsweise des Euro, aber im Gegensatz zum Euro hat es funktioniert.

Am 12. September wählen die Niederlande ein neues Parlament, und zumindest in Maastricht ist nicht der Euro das Topthema, sondern das Dope. „In Maastricht leben tausende Leute, die sich hin und wieder einen Joint reinziehen“, sagt Hanna, „wir sind ein Machtfaktor“.

Im Headshop liegen jede Menge Flugblätter aus, von der Aktion „vote2smoke“. Alle holländischen Kiffer werden aufgefordert, am 12. September ihr Kreuzchen bei einer der linken Parteien zu machen. Angeblich kiffen etwa zehn Prozent der Holländer, von denen gehen jetzt viele zum ersten Mal wählen. Entscheidet etwa die Cannabispflanze eine europäische Wahl? Hanna sagt, dass zur Zeit die auswärtigen Kleindealer das große Geschäft machen, wie früher, vor den Zeiten der Coffeeshops. Wer sich in Maastricht umschaut, kommt zu einem anderen Ergebnis. Dealer sieht man nirgends, die Headshops aber scheinen zu brummen. Die Leute kaufen Samen. Sie bauen ihr Zeug selbst an. Das ist, für den Eigengebrauch, noch legal. Inzwischen gibt es Zuchtpflanzen, die man auch ohne grünen Daumen zum Blühen bringt, ganz easy sozusagen.

Außerdem werden in den Headshops Dutzende Ersatzprodukte angeboten und gekauft, legale Kräutermischungen, die „Peace Maker“, „Kryptonite“ oder „Johannes de Doper“ heißen und denen euphorisierende Wirkungen zugeschrieben werden. Jedes einzelne dieser Kräuter zu verbieten ist schwierig, es wäre ein Generationenprojekt, fast wie der Euro.

Eigentlich wollte ich in Maastricht einen Joint rauchen, zu Ehren von Rudolf Augstein. Stattdessen beschließe ich, am Ufer der Maas ein Glas Wein zu trinken. Nicht am Gouvernement, dort gibt es nur eine hässliche Ausfallstraße und nichts Nettes zum Sitzen. Das Gouvernement ist eine eher unansehnliche Sehenswürdigkeit. Das Grand Café Centre Ville sieht einladender aus. Das Grand Café ist eine der besten Adressen in Maastricht, ein modernes Haus mit Glasfassade. Erstaunlicherweise besitzt dort auch die Herrentoilette eine durchsichtige Glasfassade. Während man sich da aufhält, kann man in aller Ruhe das Straßenleben beobachten, man selber ist allerdings auch Objekt der Beobachtung. So viel Transparenz gibt es vermutlich nur in Maastricht. Es handelt sich um eine Panne, die beim Bau des Hauses passiert ist. Wenn aber schon beim Bau einer einfachen Toilette mit Wasserspülung so viel schiefgehen kann und so vieles bedacht werden muss, ist es doch eigentlich tollkühn, dass der Mensch sich überhaupt an so komplizierte Projekte wie den Euro oder die Coffeeshops heranwagt, oder sogar an Flughäfen.

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