Zeitung Heute : Mach’ dir dein eigenes Bild vom Krieg

Den offiziellen Quellen sei nicht zu trauen: Deswegen schreibt die Internet-Gemeinde ihre Nachrichten selbst

Kurt Sagatz

Es war Emily, die ihn schließlich zum Reden brachte und etwas von dem Geheimnis um Salam Pax lüftete. Die Schweizerin hatte den derzeit wohl bekanntesten Schreiber eines Internet-Tagebuches per E-Mail gebeten, etwas zu seiner Person zu verraten. Salam Pax hat geantwortet: Nun weiß die Internet-Gemeinde immerhin, dass hinter dem Pseudonym ein 28-jähriger Iraki mit abgeschlossenem Architektur-Studium steckt, der inzwischen seit sieben Jahren in Bagdad arbeitet und gerne „coole Musik“ hört. Und der seine Blogger-Seite (siehe Kasten) ursprünglich ins Netz gestellt hatte, um den Kontakt zu seinem Freund Raed, der zeitweise in Jordanien lebte, aufrecht zu erhalten. Bekannt geworden ist die Seite allerdings erst, als der Krieg immer näher rückte und schließlich zur schrecklichen Realität wurde. Seitdem gehört der Weblog von Salam Pax zu den meistbesuchten Quellen über die Situation in Bagdad.

Außerhalb des Internets werden derzeit zwei Arten von Öffentlichkeit wahrgenommen: Da sind zum einen die offiziellen Quellen und hier vor allem die Regierungen und das Militär. Zum anderen wird der Krieg in den Medien von allen nur erdenklichen Seiten beleuchtet. Vielen Menschen, besonders in den USA, ist die Nähe dieser beiden Parteien längst zu groß geworden. Über das Internet hat diese Gegenöffentlichkeit nun einen Weg gefunden, ihre eigene Sicht der Dinge, der Zusammenhänge und der Nachrichten mit anderen zu teilen.

Zum Beispiel auf warlogging.com. Hier findet sich auch die hässliche Seite des Krieges in einer Genauigkeit wieder, die den alteingesessenen US-Zeitungen und Fernsehsendern als unangebracht erscheint. Oder die Seite „Who dies for Bushs Lies?“, die auch jene Bildersammlungen vom Irak-Krieg verlinkt, bei denen jeder selbst wissen muss, ob er sie unbedingt sehen will. Dabei sind es nicht einmal die Fotos getöteter Soldaten, die den stärksten Eindruck hinterlassen. Die Angst in den Gesichtern der verwundeten Kinder im Bagdader Krankenhaus Al Kindi, die das „Iraq Peace Team“ ins Netz gestellt hat, verstört zumindest ebenso.

Der Unterschied zwischen den „normalen“ Medien und den Warbloggern ist objektiv betrachtet gar nicht einmal so groß. Auch die Blogs benötigen Nachrichten. Berichte der „Washington Post“ werden genauso ausgewertet wie die Bilder von Al Dschasira oder die Artikel russischer Weblogs, die ihre Informationen angeblich vom dortigen Geheimdienst gesteckt bekommen. Der Bericht der Warlogger über die Situation in Basra, wo die Menschen weder über Strom noch über Wasser verfügen, ist so auch ein Patchwork aus „Guardian“, CNN, AP und Reuters.

Keineswegs in Agonie verfallen erscheint „The Agonist“: Sean-Paul, der Betreiber der Seite, hat es in die Top-40-Liste von Daypop.com geschafft. Jede Nachricht ein Satz, so fasst Sean-Paul die Geschehnisse im Irak zusammen. Und wenn er nicht selbst zur Tastatur greift, beispielsweise nachts, füllen die Besucher das für jedermann offene Forum selbst. In der letzten Nacht hat Sean-Paul seinen virtuellen Besuchern eine Entscheidungsfrage gestellt. Soll er zur Finanzierung seiner Nachrichtenseite Werbung zulassen? Nur einige der Blogger-Freunde teilten die Bauchschmerzen von Sean-Paul. Der große Rest ermunterte ihn vielmehr dazu, Werbung zuzulassen. So sieht Realpolitik unter Friedensfreunden aus.

Die Medien haben sich auf die neue Berichterstattung von unten inzwischen ebenfalls eingestellt, zumindest in den USA, teilweise aber auch in anderen Ländern. Am heutigen Montag startet die „Netzeitung“ ihren Weblog. Von Salam Pax jedoch ist seit einigen Tagen nichts mehr zu hören.

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