Zeitung Heute : Mach dir ein Bild

Der UN-Umweltatlas setzt auf die Macht von Satellitenfotos – und könnte Erfolg damit haben

Roland Knauer

Zum Internationalen Umwelttag am Sonntag hat das UN-Umweltprogramm Unep einen Atlas mit Satellitenfotos über den schleichenden Wandel der Umwelt veröffentlicht. Könnte das politisch Verantwortliche eher zum Gegensteuern bewegen als Aufrufe und Appelle?

Klaus Töpfer und seine Mitarbeiter im Umweltprogramm der Vereinten Nationen Unep erinnern sich noch an die Anfänge der Umweltbewegung: In den 1960er Jahren brachten die Astro- und Kosmonauten faszinierende Bilder aus dem Weltraum mit. Nachdenklichen Wissenschaftlern erschloss sich beim Betrachten dieser Aufnahmen: Der Planet Erde schwebt wie eine lebensfreundliche Insel inmitten eines lebensfeindlichen Weltraums. Die Bilder aus der Umlaufbahn zeigten, wie dünn und verletzlich die Hülle um die Erde ist, ohne die vom Bakterium und Regenwurm im Boden über den Kaktus und den Urwaldriesen bis hin zum Adler und zum Menschen kein Leben möglich wäre. Diese Bilder waren die Initialzündung für die Umweltbewegungen.

Menschen und Regierungen wird auf solchen Bildern sehr eindrücklich vor Augen geführt, wie sie diese dünne Hülle des Lebens zunehmend malträtieren. In einem Atlas stellt die Unep jetzt Bilder der vergangenen Jahrzehnte neueren Aufnahmen gegenüber: Selbst Laien entdecken dabei auf den ersten Blick, wie zum Beispiel die US-Großstadt Las Vegas ähnlich einem Krebsgeschwür in die Wüste hinein wuchert. Das Großstadt-Duo Miami und Fort Lauderdale in Florida verschlingt das Farmland der Umgebung regelrecht und scheint die weltweit einmaligen, als Nationalpark geschützten Everglades-Sümpfe bald zu erreichen.

Solche Bilder machen auch die Kommunal- und Regionalpolitiker nachdenklich, die sich am Sonntag im kalifornischen San Francisco zum Weltumwelttag 2005 trafen. Die Bürgermeister von mehr als sechzig Städten auf verschiedenen Kontinenten unterzeichneten eine „Grüne Städte-Deklaration“. In den sieben Bereichen Energie, Verringerung des Mülls, Siedlungsbau, Natur in der Stadt, Verkehr und Transport, Umweltgesundheit und Wasser sollen ihre Kommunen nachhaltiger wirtschaften und gleichzeitig die Lebensqualität der Menschen steigern.

Der republikanische Gouverneur und Gastgeber Arnold Schwarzenegger will da nicht nachstehen und verkündet, Kalifornien werde bis zum Jahr 2020 seinen Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid auf das Niveau des Jahres 1990 zurückschrauben. Damit düpiert er seinen Parteifreund und US-Präsidenten George W. Bush, der von solchen Klimaschutzmaßnahmen eher wenig hält. Die Satellitenbilder der Unep lösen anscheinend wirklich ein Umdenken aus.

Es sind vor allem die Städte des Globus und ihre Bewohner, die die Umweltzerstörung vorantreiben. So fließt aus den Wasserhähnen der Schwabenmetropole Stuttgart Wasser, das ursprünglich meist vom Bodensee stammt, auf deutschen Tischen liegen Südfrüchte aus Spanien oder Israel. Die Anbaugebiete entdeckt man auf den Satellitenaufnahmen sofort: Waren unbewässerte Felder 1974 zum Beispiel noch für die Region um die spanische Stadt Almeria typisch, spiegelt sich heute dort auf den Satellitenbildern die Sonne im Glas unzähliger Gewächshäuser. Unter extrem hohem Wasserverbrauch wachsen dort Südfrüchte für die Metropolen der Europäischen Union. Indirekt verbrauchen Städte so das Wasser weit entfernter Regionen.

Sechzig Prozent der Weltbevölkerung werden 2030 in Städten wohnen, schätzt die Unep. Diese Städter heizen, kochen, benutzen Lampen und lassen diverse Maschinen und Apparate laufen, die jeweils Energie schlucken, die meist in Form von Holz, Kohle, Öl oder Gas verfeuert wird. Das Problem der Treibhausgas-Freisetzung und Klimaerwärmung entsteht daher vor allem in den Städten, die mit ihren Müllhalden die Umgebung zusätzlich belasten.

Werden solche Umweltsünden mit Satellitenbildern den Verantwortlichen vor Augen geführt, reagieren sie meist. Das funktioniert sogar in Ländern, die normalerweise nicht zu den grünen Vorreitern gehören. In Albanien zum Beispiel präsentierte 1999 der Parlamentsabgeordnete Leke Gjiknuri seinen Kollegen Satellitenbilder, auf denen die Grenze zwischen Albanien und Mazedonien als Zickzacklinie ins Auge sticht: Während in Mazedonien Wälder die Grenze säumen, haben Brennholzsucher aus albanischen Städten ihre Seite der Grenze nahezu komplett abgeholzt. Die Parlamentarier richteten prompt einen Nationalpark ein, der mit den verbliebenen Waldresten auch die Heimat der letzten Wölfe und Bären schützt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben