Zeitung Heute : Mach keine Fisimatenten!

Von Esther Kogelboom

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Heute vor einer Woche, am Muttertag, saß ich bei meiner Oma am Küchentisch. Wir bissen in saftigen RhabarberBaiser-Kuchen und ließen es uns gut gehen. Es war aber nicht nur Muttertag, sondern auch Kriegsende-Gedächtnistag, deshalb fühlte ich mich auf diffuse Art moralisch verpflichtet, Oma zu fragen: „Wie war das damals?“ – „Meinst du ’18 oder ’45“, gab sie mit der Coolness einer Veteranin zurück. Dann erzählte sie von britischen Fallschirmjägern, die hinter dem Haus aufschlugen, vom Fliegeralarm und dem tiefen Bombenkrater auf dem Feld nebenan. Sie erzählte davon, wie die Ausgebombten aus dem Ruhrgebiet vorbeikamen und bereit waren, ihr letztes Hab und Gut gegen eine Speckschwarte zu tauschen. Oma sagte, sie habe sich auf diese Weise kleine Lederschuhe für ihren ältesten Sohn, meinen Onkel, organisiert. Man sei ja froh gewesen, dass man Obst und Gemüse im Garten gehabt und vom Schlachten noch was übrig gelassen hatte. Oma betrachtete den Küchentisch. Ich traute mich nicht, sie zu fragen, ob sie sich befreit oder besiegt gefühlt hat.

Wir verabschiedeten uns, sie überreichte mir ein Paar dunkelblaue selbstgestrickte Socken und nahm mich in den Arm. „Mach keine Fisimatenten“, sagte sie. „Dass mir keine Klagen aus Berlin kommen.“

In der Nacht träumte ich von einem Gemüsegarten. Wie muss das sein, nur das ernten zu können, was man gesät hat? Im Winter Grünkohl, im Frühling Spargel und Rhabarber, im Sommer Erdbeeren und grünen Salat, im Herbst Apfelpfannekuchen mit Zucker? Oma hat sehr lange nach den Jahreszeiten gegessen, jetzt macht sie sich jeden Dienstag eine Tiefkühlpizza „Quattro Stagioni“, und es schmeckt ihr. Bei mir ist es genau umgekehrt. Ich habe mich sehr lange von Tiefkühlpizza „Quattro Stagioni“ ernährt und sehne mich nach knackig-frischem Saisongemüse. Deshalb habe ich in einem Anflug von neuer Bürgerlichkeit meine Freundin überredet, ein Ausflugslokal aufzusuchen, um den ersten Spargel zu verkosten. Wir gaben unsere Bestellungen ab (je ein Pfund Spargel mit Rosmarinschinken und Sauce Hollandaise), aßen wie ausgehungert, und tranken Bier, das von der Abendsonne effektvoll ausgeleuchtet wurde.

Wir haben dann über Männer geredet und darüber, wie man sie für sich einnimmt. Meine Freundin glaubt fest daran, dass man sich nicht aufgeben darf und dem Mann möglichst viel Freiraum geben muss. Ich dagegen glaube fest daran, dass man bürgerliche Saisongerichte kochen können muss. Zur Begründung führte ich an, dass ich einmal einen ganzen Tag lang Rouladen mit Kartoffelpüree zubereitet habe, um einen Mann zu beeindrucken. Nach dem Essen schickte er eine SMS: „Du wirst immer meine Rouladenkönigin sein.“ Meine Freundin schimpfte mich eine einfältige Opportunistin und fragte: „Warum hat der sich eigentlich nie wieder gemeldet? Du hast den total überfallen mit deinem Wirtschaftswunderessen.“

Es wurde kalt im Ausflusglokal, wir zogen unsere Jacken über und bestellten mehr Bier. Es war so ein ein Abend, an dem es irgendwann für jedes Problem eine maßgeschneiderte Lösung zu geben scheint. Wir stießen auf 60 Jahre Frieden an, auf unsere wahnsinnig gefestigte Demokratie. Wir fühlten uns gut, so, als wäre das unser Verdienst.

Später räumte ich meine Sachen aus dem Koffer. In Omas dunkelblauen Stricksocken knisterte es. Sie hatte je einen Zehn-Euro-Schein hineingefaltet. Für schlechte Zeiten.

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