Zeitung Heute : Machen Sie doch was Sie wollen …

Der Wandel des Arbeitsmarktes fordert Eigenverantwortung – Vom Angestellten zum Manager in eigener Sache

Regina-C. Henkel

Einmal Bäcker – immer Bäcker, einmal bei Siemens – immer bei Siemens. Vor einer Generation noch bedeutete Berufstätigkeit für viele Arbeitnehmer, das gesamte Leben im selben Beruf, wenn nicht gar in der selben Firma zu arbeiten. Doch das ist Geschichte. Die lebenslange Anstellung ist heute eher die Ausnahme. Selbst wer über einen längeren Zeitraum für dasselbe Unternehmen arbeitet, übt heute nicht mehr die gleichen Tätigkeiten aus wie noch vor ein paar Jahren. Immer häufiger bleibt es nicht einmal beim erlernten Beruf. Laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg wechselt inzwischen mehr als ein Drittel aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ein- oder mehrmals den Beruf, Berliner sogar noch häufiger (siehe Grafik unten).

Doch damit noch immer nicht genug des Wandels. Christoph Strünck, Politikwissenschaftler in Düsseldorf, stellt nüchtern fest: „Für immer mehr Menschen ist eine geregelte Beschäftigung nicht mehr die Regel.“ Wohl wahr: Die Kategorien Arbeiter, Angestellter, Beamter und Selbstständiger beziehungsweise Freiberufler bilden die Arbeitswelt nicht mehr ab. Das so genannte Normalarbeitsverhältnis, definiert durch eine versicherungspflichtige, dauerhafte Vollzeitbeschäftigung, geht zurück. Während die Zahl der Erwerbstätigen in den vergangenen Jahren – 30 Millionen im Jahr 2000 gegenüber 29,7 Millionen im Jahr 1991 – nahezu konstant geblieben ist, stieg die Zahl der Erwerbstätigen außerhalb des Normalarbeitsverhältnisses um mehr als ein Drittel: von 9,6 auf 13,3 Millionen. Den stärksten Zuwachs gab es mit plus 50 Prozent bei den geringfügig Beschäftigten und bei der Teilzeitarbeit. Diese wuchs innerhalb von zehn Jahren von 4,7 auf 6,5 Millionen Beschäftigte. „Jeder Zehnte in Deutschland hat inzwischen eine atypische Arbeitsstelle", ermittelte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). In Ostdeutschland ist es sogar jeder Sechste. „Atypisch“ heißt hier: befristet oder geringfügig beschäftigt zu sein, für ein Leiharbeitsunternehmen oder als freier Mitarbeiter zu arbeiten. Politikwissenschaftler Strünck sagt dazu: „Der Wandel der Arbeitswelt stellt die hergebrachten Systeme und Standards in Frage.“ Eine akademische Formulierung zu einer statistisch belegten Entwicklung.

Doch wie sieht die subjektive und objektive Wirklichkeit für den einzelnen Arbeitnehmer aus? Eine Reihe aktueller Befragungen belegt, dass der Wandel des Arbeitsmarktes von Erwerbstätigen keineswegs nur als Bedrohung gesehen wird. Die Forderung der Arbeitgeber, mehr persönliche Verantwortung im Prozess, in der Zusammenarbeit im Team und auch im Kostenmanagement zu übernehmen, entspricht durchaus auch den Bedürfnissen der Arbeitnehmer. „Eigenverantwortliche Arbeit“ ist – etwa nach Untersuchungen der Offenbacher Marplan Forschungsgesellschaft – Arbeitnehmern heute deutlich wichtiger als hohes Einkommen.

Die Beraterzunft hat das schon lange entdeckt und bietet Seminare sowie Ratgeber-Literatur keineswegs mehr nur für den beruflichen Aufstieg an. Berufliche Umorientierung in einen Job, der in hohem Maße Selbstverwirklichung ermöglicht, hat Hochkonjunktur. Mit der Aufforderung „Machen Sie doch was Sie wollen …“ lädt etwa die Berliner Berufsfindungsberaterin Uta Glaubitz zu ihren Workshops ein. Ihre Kurse sind auf Monate ausgebucht, ebenso auch die Veranstaltungen der meisten anderen Berater mit vergleichbaren Seminarangeboten.

Kein Wunder: Ein Leben lang in dem Beruf zu arbeiten, den man als junger Mensch aus Verlegenheit oder auf Empfehlung eines wohl meinenden Ratgebers erlernt hat, kann eine Qual sein – in jedem Fall eine Ressourcenverschwendung. So sind es keinesfalls nur Verweigerer, die ihre langjährige Berufserfahrung und den erarbeiteten Status von einem Tag zum anderen hinter sich lassen, um etwas ganz Anderes zu beginnen. Die Krankenschwester, die nach 18 Jahren im Job noch einmal auf die Schulbank wechselt und Nautik studiert, um heute als Kapitätin zur See zu fahren (siehe Artikel unten), ist ein Beispiel von vielen – und Vorbild für sehr viele. Die eigenen Möglichkeiten zu nutzen und in einen neuen Job umzumünzen, finden immer mehr Erwerbstätige ausgesprochen reizvoll.

Andere dagegen haben gar keine andere Wahl. Erstens ist auf einen Festvertrag heute kein Verlass mehr. Sogar hoch qualifizierte Banker, deren Arbeitsplatz noch vor ein paar Jahren als der sicherste der Welt galt, werden zu Zehntausenden ausgemustert.

Zweitens steigt in den Betrieben die Aggression – und das macht krank. Nach einer Studie des Bundesarbeitsministeriums wird in Deutschland jeder neunte Arbeitnehmer Opfer von Schikanen. Seit zwei Jahren werde „immer mehr gemobbt“, sagt Wolfgang Weis, Vorsitzender der Initiative gegen psychosozialen Stress und Mobbing. Und daraus ziehen die Schlauen unter den Betroffenen die Konsequenz, zu der Experten ohnehin raten: Sie verlassen den Arbeitsplatz.

Für den Bochumer Managementberater Reinhard K. Sprenger haben Angestellte grundsätzlich jedoch immer drei Möglichkeiten: Love it, change it or leave it. Mit anderen Worten: Mach mit Begeisterung den derzeitigen Job weiter, verändere ihn oder suche nach etwas Besserem. Was Arbeitnehmer im Jahr 2003 unter „besser“ verstehen, zeigen mehrere aktuelle Untersuchungen. Das Marktforschungsinstitut Gallup hat mehr als 8000 Arbeitnehmer in sieben europäischen Ländern gefragt: Welche Faktoren sind Ihnen wichtig, um in Ihrem Job zufrieden zu sein? 89 Prozent der Deutschen nannten Qualifizierung „sehr wichtig“. Flexible Arbeitszeiten dagegen lagen mit 48 Prozent, bessere Bezahlung mit 44 Prozent und mehr Zusatzleistungen mit 23 Prozent weit abgeschlagen auf den hinteren Plätzen der Prioritätenliste. Eine parallele Umfrage der Internet-Stellenbörse stepstone.de bestätigte die Gallup-Ergebnisse genauso wie das „Absolventenbarometer 2003“ des Berliner Trendence Instituts. Danach ist ein Arbeitgeber für Jung-Akadamiker dann attraktiv, wenn er „interessante Aufgaben“ zu bieten hat und „international zu arbeiten“ anbietet.

Ist das nicht wunderbar? Arbeitnehmer wollen das, was Arbeitgeber in ihren Stellenangeboten regelmäßig formulieren. Doch die Wirklichkeit sieht oft ganz anders aus. Mitarbeiter, die ihre Vorstellungen von beruflichem Engagement am Arbeitsplatz zu realisieren versuchen, bekommen immer wieder Grenzen aufgezeigt.

In den nächsten Ausgaben werden Fragen gestellt und beantwortet, wie Arbeitnehmer Konflikte gestalten können, um eigene Vorstellungen und die des Unternehmens in Einklang bringen zu können.

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