Zeitung Heute : Machen Sie sich Luft und brüllen Sie! Denn das ist nur ein Zeichen von Engagement

Barbara Bierach

Die Russen sagen: Jede zufriedene Familie ist auf ähnliche Art und Weise glücklich – aber hinter jeder unglücklichen Familie steckt ein ureigenes Drama. Das gilt auch für Unternehmen – wenn alles stimmt, gibt es kaum etwas zu erzählen. Der Chef ist kompetent und fair, hört zu und vertraut seinen Leuten. Die Mitarbeiter wissen was sie wollen und sollen. Sie arbeiten eigenverantwortlich an gemeinsamen Zielen, die dann in der Regel auch erreicht werden. Kurz: Alles prima!

Aber das kommt ähnlich selten vor wie ein spannend zu lesender Geschäftsbericht. Normal ist, dass Teams nicht funktionieren, komplette Flure nur noch von Komparsen bewohnt werden, Abteilungen untereinander streiten und ganze Betriebe absaufen während die Mitglieder der Chefetage Theaterstücke für die Banken aufführen – siehe dazu die stetig wachsende Pleitenstatistik.

Ins selbe Bild gehört die jüngste Mitteilung des statistischen Bundesamtes in Wiesbaden, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Deutschland Todesursache Nummer eins sind. Mag schon sein, dass viele umfallen, weil sie zu viel rauchen und das Falsche essen – aber die meisten fällt der Herzinfarkt wegen des Ärgers im Job. Fragt man Angestellte, sagen 80 Prozent, das Fluchen im Büro habe in den vergangenen zehn Jahren gewaltig zugenommen. Studien belegen: Zehn Prozent unserer Äußerungen am Arbeitsplatz nutzen wir für Schimpfkanonaden ebenso wie fünf Prozent unserer Arbeitszeit. Würden sich nämlich alle an den bewährten Ratschlag halten: „Wenn Sie nichts zu sagen haben, sagen Sie nichts“, wäre es kolossal still in deutschen Betrieben.

Stattdessen werden Mitarbeiter zu „intellektuellen Halbleitern“ und Kollegen zu „Kernzeiteinhaltern“. Die Jungs vom Marketing sind „Fassadenreiniger“, die vom Vertrieb „Erfolgsvermeider“. Und Controller gelten als „Innovationsallergiker im Exelbad der Gefühle“. Das kann man nun geschmacklos finden, albern und dumm. Aber vermutlich ist es gesund. Wenn in einem Unternehmen nicht mal mehr geschimpft wird, ist nämlich der letzte Rest von Engagement auch schon beim Teufel. Und solange einer sich noch durch Zetern Luft verschaffen kann, haben die Seele und das strapazierte Herz wenigstens ein Ventil.

In Amerika ist sogar das verboten. Da darf man Leute ohne Warnung feuern – aber es ist nicht politisch korrekt, sie anzuschreien. Unlängst bekam ein Broker 1,6 Millionen Dollar Schadensersatz, weil sein Chef ihn wiederholt beschimpfte. Der Mitarbeiter soff, nahm Drogen und fehlte unentschuldigt. Die Richter meinten: Man hätte ihn ermahnen, zur Therapie schicken oder rauswerfen können – aber nicht beschimpfen dürfen. Dann doch lieber altes Europa: Warum nicht brüllen, um ein Problem zu lösen? Das Doofe daran ist nur: Inhaltlich hilft Schreien selten weiter. Deswegen ist es für uns Zartliner nicht Infarkt auslösend, dass wir schon mal unflätige Wörter hören müssen – vielmehr treibt uns die Tatsache in den Wahnsinn, dass der, der da brüllt, meist total überfordert ist.

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