Zeitung Heute : Mach’s gut, altes Haus

Die „Süddeutsche“ hat ihr Gebäude verkauft. Es ist eine Stätte der Rätsel, Geheimnisse und Wunder. Ein Nachruf

Axel Hacke

Es ist nicht nur ein Gebäude, um das es geht, es ist ein Gebäudekomplex, mitten in der Münchner Innenstadt, 200 Meter vom Marienplatz: ineinander geschachtelte Häuser, durch Kellergänge miteinander verbunden, von der Straße aus nicht alle sichtbar, immer wieder umgebaut, neuen Zwecken gewidmet, anderen Erfordernissen angepasst. Denkmalgeschützte Fassade, jahrhundertdicke Wände, aber auch windige Nachkriegsbauten. Klingt vermessen, doch es hat was von der Unergründlichkeit der Wiener Hofburg. Aber hier arbeiten nicht Museumswärter und Präsidialkanzlisten, sondern Redakteure und Verlagsmitarbeiter. Seit dem Krieg wird hier die „Süddeutsche Zeitung“ gemacht.

Es ist auch nicht bloß ein Gebäudekomplex, es sind Räume und abermals Räume, getränkt mit Geschichten. Weil das so ist, passt dieses seltsame Konglomerat sehr gut zu der Zeitung, die hier entsteht und die auch aus nichts anderem besteht als Geschichten. Die anders ist und immer war als andere Zeitungen, skurriler, charmanter, menschlicher, überraschender und doch auch Tag für Tag voll kühlem Journalismus. Ich hatte das Glück, dort fast 20 Jahre zu arbeiten, deshalb kenne ich die Häuser, von denen die Rede ist, und die Häuser kennen mich.

Und nun hat der Süddeutsche Verlag sie alle verkauft, in vier Jahren wird er umziehen in ein Hochhaus am Stadtrand. Seit langem gab es solche Pläne, oft protestierten Redaktionsausschüsse: Eine Zeitung müsse mitten in einer Stadt gemacht werden, im Leben! Schrieb nicht der legendäre Herbert Riehl-Heyse seine Texte gern im Biergarten auf dem Viktualienmarkt oder im Kaffeehaus? Ja, das tat er. Entstand nicht manches „Streiflicht“ nur, weil man in einer der Buchhandlungen ringsum schnell was nachlesen konnte? Ja, das war so.

Aber der Grund ist teuer, auf dem das geschieht, den Zeitungen geht es nicht gut, und langfristig ist die Ökonomie immer Sieger, das ist unabänderlich wie das Wetter. Vielleicht kann man auch in Hochhäusern am Stadtrand gute und besondere Zeitungen machen, tja, vielleicht. Und der Münchner Innenstadt wird es gut tun, dass ein geschlossener Gebäudeblock passierbar wird, offen. Es wird Platz für neue Geschäfte sein, davon kann es wohl nie genug geben, was? Neue Geschäfte.

Wenn man aber nun mal kein Ökonom ist, sondern Gefühlsmensch? Bisschen Wehmut! Es geht um ein Stück deutscher Pressegeschichte, denn in den Kellern dieser fast ganz zerbombten Häuser haben sie 1945 begonnen, die „Süddeutsche Zeitung“ zu machen. Schon vor dem Krieg hatte es an dieser Stelle die „Münchner Neuesten Nachrichten“ gegeben. Nun hockten unter Rohren aller Art Männer und Frauen dicht gedrängt, teilten sich eine einzige Telefonleitung, standen bei Regenfällen in zentimetertiefem Wasser, turnten über Bretterstege zu den Umbruchtischen und entrosteten nebenbei Maschinenteile.

Es ist nicht lange her, da saß man in der Redaktionskonferenz neben einem Kollegen, der noch dabei gewesen war. Und als in den 90er Jahren ein neuer Konferenzraum gebaut wurde, ganz aus Glas, mitten in einem Flur, da eilte dieser Kollege verspätet herbei, alles schaute ihm zu, wie er eilte, ja: herzu flog. Doch er hatte vergessen (oder war es nie in sein Bewusstsein gedrungen?), dass des neuen Raumes Wände gläsern waren, und flog deshalb gegen das Glas wie eine blinde Taube, bevor er – nachdem man ihm den Weg gewiesen hatte – sich benommen an seinen Platz setzte. Alle lachten, aber es war traurig.

Anfangs waren die Flure des wieder aufgebauten Redaktionsgebäudes so breit, dass man Fußball spielen konnte und auch spielte. „Eine Zeitung wird auf dem Flur gemacht“, sagte Hans Heigert, der lange der Chefredaktion vorsaß – und er meinte jene zufälligen Begegnungen vor den Büros, bei denen die besten Ideen entstehen. Die Zeitung wurde größer, die Flure kleiner, die Druckerei zog schon mal an die Peripherie, die sich weitende Redaktion bezog auch das Druckereigebäude. Immerzu wurde irgendwo renoviert, alle paar Jahre bekam man sein Büro woanders, und es kam der Tag, an dem niemand sich mehr auskannte und man irgendwo einen ratlosen Chefredakteur stehen sah, der fragte: „Haben Sie eine Ahnung, wo der Reiseteil ist?“ In endlosen Fluren war man gewärtig, hinter einer Tür einen längst vergessenen Leitartikler zu finden oder ein Skelett vor einem halb fertigen, verstaubten Kommentar. Es gab Gebäudekenner, die bei Regen nicht über den Innenhof zur Kantine gingen, sondern über geheime Kellerwege, auf denen man sich fühlte wie in „Rififi“, zu einem verborgenen Tresor sich vorarbeitend. Hinter einer Ecke standen plötzlich 300 ausgediente Schreibtische. Allein wagte ich diesen Weg nie, ich hatte Angst, mich für immer zu verlaufen. Und nie entdeckte ich den geheimen Übergang zur benachbarten „Abendzeitung“.

Im Vordergebäude an der Sendlinger Straße gibt es einen Paternoster, 14 Kabinen erschließen fünf Stockwerke, die Rundfahrt dauert drei Minuten 27. Als ich endlich zu den Autoren des „Streiflichts“ auf der Seite eins gehören durfte, war meine erste Aufgabe, bei totaler Themen-Ebbe geistvoll über die Tatsache zu schreiben, dass es im Mai schneite. Eine halbe Stunde vor Redaktionsschluss hatte ich erst 20 Zeilen. Dem psychischen Zerfall nahe, die Haare wirr, wankte ich auf den Flur, meine Entlassung vor Augen. Der Kollege C.H. Meyer erkannte meine Not, empfahl eine große Runde im Paternoster, ohne Aussteigen oben oder unten. Dann weiterschreiben! Das half. Nach 20 Minuten war ich fertig.

So arbeitete das Gebäude an der Zeitung mit. Mancher entschied nach morgendlicher Fahrt in der Menschenschöpfkette, ob es ein guter Tag würde oder nicht: Die Kabinen eins und zwei, allenfalls drei bedeuteten Glück, 13 oder 14 drohendes Versagen, eine Schreibblockade vielleicht. Der erwähnte Meyer kann noch heute „nach unerbittlichem Üben“ (wie er nie zu erwähnen vergisst) den Paternoster mit Hilfe telekinetischer Maßnahmen antreiben oder verlangsamen. Mehr als zwei, drei Menschen dürfen nicht in einer Kabine sein, unser Rekord: acht. Der Reporter Sartorius hat mal mit sich selbst gewettet, wer früher in den Ruhestand gehen würde: der Paternoster oder er. Nun ist er der Erste, Sartorius meine ich, mit wenigen Jahren Vorsprung, aber doch.

Habe ich die Rohrpost erwähnt? Immer blieb sie ein Rätsel. Der einstige Chefredakteur Proebst, mit technischen Dingen auch auf niedrigerem Niveau nicht vertraut, soll mal mit einem Manuskript vor der Rohrpost gestanden haben, Wildfremde ansprechend, ob sie „das hier“ in den Druck befördern könnten. Wer trieb diese Rohrpost an, wer stellte den Luftdruck her? Die Leitartikler mit ihren Windmaschinen? Jemand behauptete, er habe Weißwürste mit der Rohrpost verschickt, doch hätten sie die ungeheure Beschleunigung nicht vertragen und wären als Brei angekommen. Eine nachreisende Bierflasche legte das pneumatische System lahm. An der Station E2 entdeckten wir ein totes Pfauenauge, legten es in eine Patrone und schickten es auf Rundreise. Es dauerte 24 Sekunden, bis der Behälter zurück war, indes: ohne Pfauenauge.

Muss ich sagen, dass jeder Versuch des Tüv oder der EU, Paternoster zu verbieten, im Blatt mit Leidenschaft verurteilt wurde? Dass die Ahnungslosigkeit des damaligen Industriepräsidenten Henkel, der die Rohrpost ein Symbol technischen Rückstands nannte, im „Streiflicht“ entlarvt wurde als Geschwätz eines Zukunftshysterikers? Was wären wir ohne dieses Haus geworden? Seine Unergründlichkeit lehrte uns Demut vor der Welt. Seine Geheimnisse trieben Rechercheure auch anderswo zum Äußersten. Seine Rätsel befeuerten unsere Fantasie.

Wir hatten allerhand glückliche Tage hier, und unsere Freude am Beruf sickerte ins Mauerwerk. Wenn man dann hier irgendwann Hosen verkauft, werden es besondere Hosen sein – aber werden die Leute das zu schätzen wissen? Was soll man sagen? Das Schicksal nimmt niemanden aus. Mach’s gut, altes Haus, ein paar Jahre noch und dann adieu.

Axel Hacke arbeitete von 1981 bis 2000 als Sportredakteur, politischer Reporter und Streiflichtschreiber bei der „Süddeutschen Zeitung“ in München.

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