Zeitung Heute : Macht das Wetter krank?

Jeder Zweite reagiert empfindlich aufs Klima. Warum? Forscher haben da so ihre Theorien.

Manuela Röver

Der Kopf dröhnt, Müdigkeit steckt in den Knochen. Klarer Fall, das muss der Wetterumschwung sein. Jeder zweite Deutsche ist davon überzeugt, dass das Wetter einen Einfluss auf die Gesundheit hat. „Das sind unerwartet viele“, sagt Peter Höppe vom Institut für Arbeits- und Umweltmedizin der Universität München. In Zusammenarbeit mit dem Allensbach-Institut führte er eine repräsentative Umfrage durch. Demnach leiden besonders Ältere, aber immerhin auch 40 Prozent der 19- bis 29-Jährigen regelmäßig unter dem Wetter. Rund einem Drittel der Wetterfühligen geht es mindestens einmal im Jahr so schlecht, dass sie nicht zur Arbeit gehen.

Kann das Wetter wirklich krank machen? „Es gibt eindeutige Zusammenhänge zwischen bestimmten Wetterlagen und dem Wohlbefinden“, sagt Klaus Bucher, Medizinmeteorologe beim Deutschen Wetterdienst. Laut Umfrage machen besonders stürmisches Wetter und fallende Temperaturen den Geplagten zu schaffen. An erster Stelle werden Kopfschmerzen genannt, gefolgt von Erschöpfung. Beschwerden also, für die auch das Bier am Vorabend oder Stress verantwortlich sein könnten. Hinzu kommt eine psychologische Komponente: „Manche Menschen sehen morgens einen trüben, regnerischen Tag und fühlen sich gleich schlechter“, erklärt Andreas Matzarakis, Biometeorologe an der Universität Freiburg.

Eine Frage des Luftdrucks

Von Wetterfühligkeit sprechen die Medizinmeteorologen nur dann, wenn bei bestimmten Witterungsverhältnissen wiederholt Krankheitssymptome auftreten. Peter Höppe will nun in einer halbjährigen Studie die Spreu vom Weizen trennen. 50 Probanden führen über ihren Gesundheitszustand Tagebuch. Diese Aufzeichnungen vergleicht der Diplom-Meteorologe dann mit gemessenen Wetterdaten. Aber welche Wetterkomponente verursacht denn nun die Probleme? Die Wissenschaftler suchen nach etwas, das vier Bedingungen erfüllen muss: „Der entsprechende Faktor soll sich natürlich mit dem Wetter ändern. Er muss auch in Innenräumen wirken, denn Wetterfühlige klagen selbst dann, wenn sie das Haus nicht verlassen. Außerdem muss der menschliche Körper einen Sensor dafür besitzen“, erklärt Höppe. Und schließlich müssen die Symptome unter Laborbedingungen nachvollziehbar sein.

Die Biometeorologen glauben, eine Ursache bereits gefunden zu haben: niederfrequente Luftdruckschwankungen. Sie entstehen, wenn Luftschichten aneinander reiben, etwa wenn ein Hoch- auf ein Tiefdruckgebiet stößt. An den Grenzflächen entstehen dann Wellen, wie bei Wind auf einem See. Diese so genannten Kelvin-Helmholtz-Wellen bringen Luftmassen zum Vibrieren, was man als winzige Druckschwankungen messen kann. Sie breiten sich mit Schallgeschwindigkeit aus, eilen der Wetterveränderung voraus.

Warum Narben schmerzen

Wissenschaftler der Universität Kiew glauben, den Sensor für diese minimalen Luftdruckänderungen gefunden zu haben: Barorezeptoren in der Halsschlagader sollen für die Wetterfühligkeit verantwortlich sein. Die ukrainischen Physiker setzten Versuchspersonen in Klimakammern niederfrequenten Luftdruckschwankungen aus und konnten Veränderungen von Herzfrequenz, Körpertemperatur und Blutdruck messen. Physiologische Reaktionen, die zu den typischen Symptomen der Wetterfühligkeit führen können.

Als weiteren Übeltäter diskutieren Biometeorologen auch die so genannten Sferics. Diese schwache elektromagnetische Strahlung entsteht, wenn in turbulenter Luft die Moleküle aneinander reiben, etwa wenn ein Gewitter naht. Versuche an der Universität Gießen erbrachten allerdings noch nicht den Beweis. „Wir konnten aber Veränderungen der Hirnströme messen,“ sagt die Psychologin Anne Schienle. Grund genug für Höppe, den Sferics gewisse Bedeutung einzuräumen: „Der Schmerz in alten Narben lässt sich mit Luftdruckschwankungen nicht erklären, dafür muss eher ein elektrisches Phänomen verantwortlich sein“, argumentiert der Biometeorologe. Er vermutet, dass Sferics die elektrische Reizübertragung im Narbengewebe beeinflussen und so die Phantomschmerzen auslösen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben