Zeitung Heute : Macht, Marotten und Moral

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Von Malte Lehming, Washington

Wenn ein Präsident verreist, nimmt er Geschenke mit. Das gehört sich so. Im Gegenzug wird er von seinen Gastgebern beschenkt. Im Laufe eines Jahres kommt da eine Menge Krimskrams zusammen. Jede Gabe, die George W. Bush erhält, wird von seinen Mitarbeitern genau registriert – der Anlass, wann, von wem. Anschließend landet das meiste davon auf dem Historienmüll. Es wandert, manchmal unausgepackt, ins Nationalarchiv oder wird in tief gelegenen Kellern für ein künftiges Präsidentschaftsmuseum aufbewahrt. Das Wenige, was Bush behält, muss er auflisten. Für die Steuer.

Die Steuererklärung eines amerikanischen Präsidenten ist öffentlich. Jeder Bürger darf wissen, wie viel Bush verdient, wie viel er spendet, wie viel er absetzt, wie hoch sein Vermögen ist, welche Aktien er besitzt. Vor wenigen Tagen wurde die Steuererklärung des 43. US-Präsidenten für das Jahr 2001 bekannt. Sie ist 23 Seiten lang und zeigt, dass Bush recht wohlhabend ist. Sein Vermögen beläuft sich auf mindestens neun Millionen Dollar. Für seine Töchter hält er Aktien bei Worldcom, Walt Disney, Microsoft, Gap, Pfizer, Cisco und Lucent Technologies. Seine Ranch in Texas ist größer als sechs Quadratkilometer. All das lässt sich detailliert nachlesen. Am interessantesten aber ist die Liste der Geschenke, die Bush behalten hat. Sie erlauben einen Einblick in seine Persönlichkeit.

Als Hillary und Bill Clinton das Weiße Haus verließen, nahmen sie teure Geschenke wie dicke Teppiche und antike Möbel mit. Ihre Raffgier führte prompt zum Eklat. Das Ehepaar Bush scheint weniger das Teure, sondern mehr das Praktische zu bevorzugen. Vier paar Turnschuhe, zwei Angeln, elf Krawatten: Mit solchen Sachen kann man dem Präsidenten eine Freude machen. Verwendung hatte er auch für eine Golfausrüstung, zwei Kettensägen, einen bestickten Ledergürtel und eine Beatles-Anthologie, gezeichnet von Sir Paul McCartney. Gattin Laura wiederum behielt 15 Bücher, eine Uhr, einen Koffer, ein Kissen, einen Seidenschal und ein Gemälde. Die Präsente stammen überwiegend von engen Freunden. Geschenke von Staatsgästen wurden in der Regel ins Archiv abgeschoben.

Der junge und der alte Bush

Morgen kommt der amerikanische Präsident nach Berlin. Es ist der erste Besuch des jungen Bush in jener Stadt, die ihre Wiedervereinigung maßgeblich dem alten Bush zu verdanken hat. Im Reichstag wird der Präsident eine Grundsatzrede zum transatlantischen Verhältnis halten. Berlin ist der Auftakt, politisch bedeutsamer sind seine Gespräche in Moskau, Paris und Rom. Was will Bush in Berlin? Das einzige Ziel seiner Visite besteht darin, das Misstrauen, mit dem seiner Politik begegnet wird, abzubauen. Weil Bush sich selbst für gut hält und glaubt, dass auch die Deutschen gut sind, ist er überzeugt davon, dass die Beziehungsstörung in erster Linie ein Kommunikationsproblem ist.

Seit gut 16 Monaten ist Bush im Amt. In dieser kurzen Zeit ist mehr passiert, als ihm wahrscheinlich recht war. Die zum Teil dramatischen Ereignisse hätten für eine volle Legislaturperiode gereicht. In der ersten Hälfte wollte er alles anders machen. Nichts sollte mehr an Clinton erinnern. Der Nahe Osten wurde ignoriert. Die USA stiegen aus dem Kyoto-Abkommen und anderen internationalen Verträgen aus. Im Verhältnis zu China und Russland ersetzte Bush das freundliche Wort „Partner“durch den kämpferischen Begriff „Rivale“. Aus einem dumpfen konservativen Gefühl heraus polterte der Präsident etwas planlos und ungeschickt herum. Folglich war der Rest der Welt erschreckt. Die Europäer zeterten wegen des Umweltschutzes, mit Peking und Moskau kam es zu unschönen Kraftproben. Der 11. September änderte das. Bush fand seine Mission. Plötzlich hatte er ein Ziel vor Augen. Seine Reden sind überzeugender geworden. Gestik, Mimik und politischer Inhalt bilden nun eine Einheit.

Den raschen Wandlungen des Präsidenten hecheln die Interpreten nur mühsam hinterher. Vom Vatersöhnchen redet keiner mehr. Die Metapher von der ferngesteuerten Marionette, deren Fäden Vizepräsident Dick Cheney zieht, gilt ebenfalls als verstaubt. Sich über die Versprecher von Bush und seine Wissenslücken zu mokieren, mag allenfalls noch in Europa beliebt sein. In Amerika dagegen wird er ernst genommen. Seine Zustimmungsrate ist ungebrochen hoch. Wahrscheinlich wird sich auch die aktuelle Aufregung über die Frage, ob das Weiße Haus vor den Terroranschlägen der Al-Qaida-Organisation gewarnt worden war, relativ schnell wieder legen. Seine Regierung ist stabil. Minister-Abgänge sind nicht zu verzeichnen. Differenzen dringen nur selten an die Öffentlichkeit.

Gefestigt ist sein Stand auch innerhalb der republikanischen Partei. Die Spendengelder fließen nicht nur, sie strömen. Vor einer Woche erst, bei einer abendlichen Gala in Washington – der Präsident im Smoking und ohne Texas-Stiefel –, hat Bush für seine Partei eine Rekordsumme von 33 Millionen Dollar eingenommen. Clintons Bestmarke lag bei 26,5 Millionen. Das Pressebild zeigt einen lächelnden Bush, der dem Kassenwart der Grand Old Party (GOP), Lewis Eisenberg, zufrieden zuprostet. Kein Zweifel: Bush nutzt sein neues Image aus. Mitunter überschreitet er sogar die Schamgrenze. Für eine Spende von 150 Dollar wurde auch der Abzug eines Fotos verkauft, das den Präsidenten am 11. September an Bord der Air Force One zeigt, wie er mit Vizepräsident Cheney telefoniert. Die Opposition tobte. Es sei eine Schande, aus diesem Tag Profit zu schlagen. Geschadet hat Bush die Kritik kaum.

Denn zu Hause ist er ungefährdet. Die Demokraten sind zwar in den letzten Tagen wieder stärker in Erscheinung getreten, aber das Wasser reichen können sie Bush noch längst nicht. Allenfalls können sie an seinem Nimbus etwas kratzen. Nicht allein der Zwang zum gemeinschaftlichen Patriotismus, der durch die Terroranschläge ausgelöst wurde, macht ihnen das Leben schwer. Es ist vor allem die enorme Wendigkeit von Bush. Der Präsident mag konservativ empfinden, aber er ist kein Ideologe.

Niederlagen für die Rechte

Mit fast allen Prinzipien seiner Klientel hat Bush bereits nach Herzenslust gebrochen. Den Staatsapparat hat er durch die Einrichtung eines neuen Ministeriums, das für die innere Sicherheit zuständig ist, aufgebläht statt schrumpfen lassen. Mit massiven Subventionen für die Luftfahrt- und Agrarindustrie sowie der Verhängung von Strafzöllen auf Stahlimporte hat er die Anhänger eines ungezügelten Freihandels brüskiert. Mit seiner Befürwortung einer begrenzten Forschung an embryonalen Stammzellen hat er die moralischen Puristen verprellt. Von der christlichen Rechten bis zu den Neokonservativen und Wirtschaftsliberalen: Die Rechts-Kräfte haben in den vergangenen 16 Monaten viele Niederlagen kassiert.

Bush kann wendig sein, ohne labil zu wirken. Er kann seine Politik revidieren, ohne den Eindruck von Wankelmut zu erzeugen. Das ist die wahre Stärke dieses Präsidenten. Wo will die Opposition ansetzen? In der Außen- und Sicherheitspolitik gerät sie leicht in den Verdacht des Dolchstoßes. Innenpolitische Fragen wiederum haben nach dem 11. September an Bedeutung verloren. Gezankt haben sich Republikaner und Demokraten lange Zeit über die Reform des Parteispendengesetzes. Doch Bush hat das neue, mit mehrheitlich demokratischen Stimmen beschlossene Gesetz einfach unterzeichnet. Die Republikaner grollten, die Demokraten schmollten und er war aus dem Schneider.

Was bleibt? Der Charakter des Präsidenten? Bush ist religiös, ein moralischer Mensch, in Texas verwurzelt, nimmt auf Reisen sein eigenes Kissen mit, guckt im Fernsehen gerne Sport, liest kaum Bücher, geht früh ins Bett und verlangt von seinen Mitarbeitern unbedingte Diskretion und Loyalität. Sein Charakter fußt auf traditionellen Wertvorstellungen und einigen Marotten. Wer die Marotten angreift, trifft ihn nicht. Seine Werte dagegen sind zutiefst amerikanisch.

Gut ist gut, und böse ist böse. Erst kommt die Moral, dann der Realismus. Das ist das Erfolgsrezept der amerikanischen Geschichte. Vom Bürgerkrieg bis zu den beiden Weltkriegen, vom Kalten Krieg bis zum Golfkrieg und Afghanistan-Feldzug: Erfolgreich waren US-Strategen, wenn die moralische Triebfeder für ihre Unternehmungen besonders stark war. Militärmanöver aus realpolitischen oder humanitären Erwägungen – Vietnam, Libanon, Somalia – endeten dagegen oft im Desaster. Aus europäischer Perspektive lassen sich Bush einige unangenehme Eigenschaften nachsagen. Für die meisten Amerikaner zählen nach dem 11. September nur zwei Aspekte: Der Präsident vertritt unsere Sicherheitsinteressen, und er kennt den Unterschied zwischen Gut und Böse.

Um das Misstrauen, mit dem ihm viele in Europa begegnen, abzubauen, hat Bush erstmals seine Frau Laura vorgeschickt. Sie liest Bücher, ist gebildet und erfreut sich an einem Michelangelo mindestens ebenso sehr wie ihr Mann an einem Touchdown. Die ehemalige Lehrerin und Bibliothekarin ist zu einer Art Kulturbotschafterin des als antikulturell geltenden Präsidenten avanciert. Seit zehn Tagen schon fährt Laura Bush durch Paris, Budapest und Prag. Sie besucht Museen und wirbt für die Afghanistan-Hilfe. Als ihr Mann für die Präsidentschaft kandidierte, hatte sie geschworen, sie werde niemals eine öffentliche Rede halten. Heute bewegt sich Laura Bush auf der europäischen Bühne mit einnehmender Souveränität.

In Berlin kommt das Ehepaar wieder zusammen. Ihre Ausstrahlung soll helfen, sein Image zu verbessern. Nicht nur die beiden Kettensägen, die der Präsident als Geschenk behalten hatte, sollen den Deutschen im Gedächtnis bleiben, sondern auch die 15 Bücher von Laura.

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