Zeitung Heute : Machtverteilung in Jugoslawien: Der Preis der Revolte

Philipp Mausshardt

Ein milder Südwind weht über die Donau herüber hinauf zur Belgrader Burg. Die alten Frauen, die zur Aufbesserung ihrer Rente auf den Parkbänken Häkeldeckchen ausgebreitet haben und auf Kunden warten, blinzeln lauernd in die warme Herbstsonne. Als sich zwei Polizisten nähern, wandert die Ware in Windeseile zurück in die abgeschabten Kunstledertaschen. Die alten Häkelweibchen fürchten sich in diesen Tagen der Revolution wohl am meisten vor Uniformierten. Auf frischer Tat ertappt, werden sie von der Polizei streng ermahnt: "Sie haben keinen Gewerbeschein!" Ordnung muss schließlich sein. Nur hundert Meter weit entfernt hängt aus einem Fenster im ersten Stock der Michailski Straße eine schwarze Fahne, eine geballte schwarze Faust darauf. Hier ist die Zentrale der Studentenorganisation "Otpor" (Widerstand), deren Mitglieder in den vergangenen Wochen an jede zweite Hausfassade ihre Kampfparole sprühten: "godov je" - er ist fertig. Doch auf dem Weg zu den alten Frauen im Park würdigen die Polizisten die Umsturzzentrale mit keinem Blick.

Eine Woche nach dem unblutigen Ende der Milosevic-Ära herrscht eine merkwürdige Stimmung in Belgrad. Zwar sitzen in vielen Schaltzentren der Macht noch immer seine Getreuen, auf der Straße jedoch gibt kein Mensch mehr einen Pfifferling auf die Rückkehr des Diktators. Westeuropäer, die nun schon wieder häufiger im Stadtbild anzutreffen sind, werden mit einer Mischung aus Neugier und Freude beäugt. Das angenehme Herbstklima macht auch nicht vor der vornehmen Uzicka-Straße halt. Hier, in einer noblen Villa, sitzen Slobodan Milosevic und seine Frau Mira Markovic - und sie haben Angst. Am Donnerstag rief "Slobo" darum noch einmal den Oberbefehlshaber der Armee, Nebojsa Pavkovic, an und fragte ihn, ob er sich auch wirklich auf das Ehrenwort des neuen Präsidenten verlassen könne, dass ihm nichts passiere. "Ja", versicherte ihm der General, aber wie lange noch, dafür könne er nicht garantieren. Es sei besser für ihn, bald das Land zu verlassen. Milosevic habe verstanden. "Er bat noch um etwas Zeit", sagt Pavkovic.

Armee und Polizei haben das Milosevic-Anwesen umstellt. Zum Schutz und zur Bewachung, gleichzeitig. Denn während die Armee dem neuen Präsidenten Vojislav Kostunica ihre Loyalität versicherte, stehen die Truppen der Polizei noch unter dem Befehl von Milosevic-Anhängern. Ohne großes Aufsehen, doch so stetig wie die Schaufeln eines Mühlrades besetzen Vertreter der demokratischen Opposition (DOS) immer mehr wichtige Schaltstellen der Macht: Das Hauptzollamt, die Staatsbank, die Energiebehörde, die nationale Ölgesellschaft ... Mit jedem Tag fällt eine Milosevic-Bastion um die andere. Es ist die Zeit der Wendehälse. Die wegen ihrer kritischen Haltung aus dem Amt vertriebenen Professoren kehren an die Universität zurück, und auch die etwa 800 Richter, die aus Protest gegen das Regime ihren Beruf niedergelegt hatten, stehen jetzt wieder vor den Türen der Gerichte und verlangen Einlass.

"Es gibt auf dem Weg zur Demokratie kein Zurück mehr", sagt der Sozialdemokrat Vuk Obradovic, "auch wenn sie uns noch viele Schwierigkeiten machen können." Das tun sie auch. In nur einer Woche hat sich der Preis für einen Liter Speiseöl von 15 auf 55 Dinar (etwa zwei Mark) verteuert. Und auch Zucker gibt es nur noch selten in den Regalen der Geschäfte. Die Vorräte hatte der Diktator im Wahlkampf als Geschenke verteilen lassen. Jetzt machen seine Funktionäre mit der Lebensmittelmisere Stimmung: "Schaut her, das habt ihr davon", tönen Politiker der SPS (Sozialistische Partei Serbiens) zynisch.

So warten die Menschen in Serbien ungeduldig und bislang vergebens auf eine spürbare Verbesserung ihrer Lebenssituation. Doch der Westen, der schnelle Hilfe versprach, zögert mit der Auszahlung der zugesicherten Millionen, solange Funktionäre der Sozialistischen Partei und der "Jugoslawischen Linken" (JUL), der Partei von Milosevics Ehefrau, noch Einfluss haben.

Ungeduldig sind vor allem die Jungen. "Ich war vor zehn Jahren das letzte Mal im Ausland", sagt der 25-jährige Jovan Ratkovic, einer der Aktivisten der "Otpor". Der Absolvent der Diplomatenschule spricht fließend Englisch und Französisch, doch konnte er diese Sprachen noch nie anwenden. In diesen Tagen kann er wenigstens den vielen Journalisten Antwort geben, die wissen wollen, wie es weitergeht. Statt Demos zu organisieren und Spraydosen zu verteilen, ist man bei "Otpor" auf staatstragend umgeschwenkt. Man ist ja jetzt quasi die Regierung. "Also", doziert der junge Jovan Ratkovic, "wir können doch nicht die Hälfte aller Leute aus ihren Ämtern verjagen. Das ist doch nicht Demokratie. Wir müssen auch mit den Milosevic-Leuten weiterleben."

Während Ratkovic im chaotischen Durcheinander der Belgarder Studentenzentrale noch seine diplomatischen Erklärungen abgibt, treten vier dunkel gekleidete Männer mit Sonnenbrillen in den Raum, die bestens zur Besetzung eines zweitklassigen Mafia-Films taugten. Es sind Vertreter des Jugoslawischen Fußballverbandes, und sie fragen die Studenten: "Könnt ihr uns helfen, unseren Präsidenten abzusetzen?" Er sei ein Milosevic-Mann, und die sind mittlerweile vielen Fußballfans so verhasst, dass am Sonnabend das Spiel "Roter Stern" gegen "Partizan" in einer Massenschlägerei endete. Die Fans forderten den Rücktritt des "Partizan"-Präsidenten, der dem Ex-Diktator nahe steht. Die Herren vom Fußballverband müssen an diesem Tag unverrichteter Dinge wieder abziehen. Die Studenten haben Wichtigeres vor. Sie wollen Sachverständige für eine Übergangsregierung benennen.

Nicht einmal die radikalsten Vertreter eines schnellen demokratischen Wandels fordern in diesen Tagen die Auslieferung von Milosevic an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Bozo Prelevic zum Beispiel, unter Milosevic entlassener Verfassungsrichter und jetzt mit dem Neuaufbau des Justizapparates beschäftigt, stellt klar. "Es gibt kein Gesetz, das die Auslieferung eines jugoslawischen Bürgers an ein ausländisches Gericht zulässt." Er glaubt: "Wenn Milosevic nicht das Land verlässt, wird er hier verurteilt werden, und das Urteil wird nicht milder ausfallen als in Den Haag."

Für die alten Frauen im Park der Burg lässt sich der Erfolg der neuen Regierung dagegen in Grad Celsius abmessen: "Jetzt ist es noch warm, aber vor der Kälte habe ich Angst", sagt Nastascha Stankovic, die in ihrer Wohnung seit Monaten schon kein Gas mehr hat. Die russischen "Freunde" haben seit Juni alle Gaslieferungen gestoppt, weil Jugoslawien mit 1, 6 Milliarden Mark in der Kreide steht und nicht bezahlt. Die größten Hoffnungen von Kostunica richten sich darum auf schnelle Energielieferungen aus dem Westen. Doch statt Geld kommt aus dem Westen erst einmal eine Politikerdelegation nach der anderen. "Nicht, dass wir das nicht begrüßen", sagt der Wirtschaftsberater von Präsident Kostunica, Srboljub Antic, "aber was wir dringender benötigten, wären Geschäftsleute." Antic verspricht, bald schon ein besseres Klima für ausländische Investitionen zu schaffen, um die brach liegende Industrie wieder anzukurbeln. In den vergangenen zehn Jahren sind die Betriebe heruntergewirtschaftet und teilweise im Krieg zerstört worden. Fast einem Wunder kommt es daher gleich, dass vorige Woche in der südserbischen Stadt Kragujevac im Zastava-Werk tatsächlich ein neues Auto-Modell vom Band lief, auf dessen öffentliche Präsentation sich eigentlich Milosevic schon gefreut hatte. Nun fand die Vorstellung der unförmigen Limousine quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Alle schauten statt dessen auf das neue Politikmodell in Belgrad. Dort versuchen 18 im ehemaligen oppositionellen Bündnis DOS zusammengefasste Parteien einen Nenner zu finden, mit dem sich zumindest übergangsweise regieren lässt.

Um das Parteienchaos wenigstens in der eigenen Sparte etwas einzudämmen, reiste vergangene Woche eine Delegation von SPD-Bundestagsabgeordneten nach Belgrad. Dort beanspruchen nicht weniger als fünf kleine Parteien das Markenzeichen "sozialdemokratisch" für sich, darunter die "Sozialdemokratische Union", die "Sozialdemokratie" oder die sozialdemokratische "Zivile Allianz von Serbien". Delegationsleiter Gert Weisskirchen lobte diplomatisch geschickt erst einmal diese Vielfalt als "wunderbaren Ausdruck des demokratischen Wandels", um dann vorsichtig zu fragen, "ob es nicht Sinn macht, sich zu vereinigen?" Das wird wohl noch dauern. Denn erst einmal hält die Angst vor der noch immer währenden Macht der Milosevic-Getreuen alle demokratischen Kräfte in Atem. "Sie sind zwar schon auf den Knien", sagt Vuk Obradovic, Präsident der "Sozialdemokratie", "aber wir müssen sie noch tiefer auf den Boden drücken, bis sie verschwunden sind."

Kein Thema von öffentlichem Interesse scheint dagegen im neuen Belgrad das Schicksal der vielen hundert Gefangenen aus dem Kosovo zu sein, die noch immer in jugoslawischen Gefängnissen sitzen, teilweise ohne Gerichtsverfahren. Darunter ist auch die Ärztin und Bürgerrechtlerin Flora Brovina. Den Westen, bislang höflich und geduldig, nervt die zögerliche Haltung des neuen Präsidenten Kostunica zunehmend. Der Leiter des deutschen Sonderstabs für Jugoslawien, Botschafter Michael Schaefer, hat darum Kostunica jetzt eine Prioritätenliste überreicht: Die Freilassung der politischen Gefangenen steht darauf ganz weit oben.

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