Zeitung Heute : Machtwechsel in Berlin: Nur für einen Sommer

Christine-Felice Röhrs

Nebenan steht die SPD. Die wollte eigentlich beim Umweltmarkt am Brandenburger Tor für Solarenergie werben. Doch irgendwann an diesem Sonntagmorgen ist die Frau von der SPD rübergekommen zum Stand der Grünen, wo die orangefarbenen "Neuwahlen jetzt"-Plakate in den grauen Tag leuchten, und hat freundlich gefragt, ob sie denn einen Stapel Formulare mitnehmen dürfe. Jetzt liegen die Blätter, mit denen FDP, PDS und Grüne zur Ablösung der Großen Koalition in Berlin aufrufen, auch bei der SPD aus. Und das am Tag, an dem in der SPD Stimmen laut werden, man solle den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen lieber nicht abwählen. "Das ist keine offizielle Entscheidung", wehrt Elke Hube ab und pustet einen Luftballon auf. "Das ist Kundendienst, die Leute schimpfen, weil ich keine Formulare habe."

Es ist der zweite Tag der Berliner "Neuwahlen jetzt"-Unterschrifteninitiative, die am Samstag von drei ungleichen Gleichgesinnten gestartet worden war: vom PDS-Mann Gregor Gysi, der Grünen-Sprecherin Regina Michalik und dem FDP-Landesvorsitzenden Günter Rexrodt. Es wird ein kurzlebiges Bündnis bleiben. Halten wird es allenfalls, bis die 50 000 Unterschriften zusammen sind, die gebraucht werden, um den Antrag auf Zulassung eines Volksbegehrens für Neuwahlen zu stellen. Bis Sonntag 12 Uhr waren es 27 789. Die Bürger sind in Stimmung.

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Fototour: Die Bilder der Krise Man merkt es auch am Stand der beiden Grünen-Abgeordneten Hartwig Berger und Camilla Werner auf dem Umweltmarkt. Obwohl es regnet, ist der Tisch umlagert. Spaziergänger halten an, auch Radfahrer, die auf Sternfahrt durch die Stadt kurven, für ein radfahrerfreundliches Berlin demonstrieren. Alle wollen unterschreiben. Berger teilt geschäftig Zettel aus, zeigt, wo der Name hingehört, nämlich unter die Zeile "Ich unterstütze hiermit durch meine persönliche und handschriftliche Unterzeichnung den Antrag auf Zulassung des Volksbegehrens". Er habe noch nie so viel Zuspruch für eine Kampagne erlebt, sagt Berger. Nur eine Frau fällt auf, die sich schimpfend entzieht: Monika Ludwig, eine Alt-Moabiterin. "Alle tun so, als wäre die CDU allein dran schuld, da waren doch auch SPD-Leute beteiligt. Und dann mit der PDS regieren!"

Bettina Schwartz aus Schöneberg hat gerade ein Formular ausgefüllt. Gerne und heftig spricht sie über ihre Gefühlslage: "Jeder am Bankrott beteiligte Politiker sollte einen Offenbarungseid leisten und sein Haus verpfänden müssen." Warum müsse jeder Unternehmer für seine Pleite geradestehen, aber Politiker nicht? Detlev Zambon aus Mitte nickt dazu. Er will eigentlich nur mit Gleichgesinnten sprechen; unterschrieben hat er schon. "Unglaublich, dass Landowsky noch 700 000 Mark Abfindung bekommt." "Ja, und dass Diepgen so lange an ihm festgehalten hat", stimmt ihm eine Dame zu, die gerade ein Formular aufs Klemmbrett heftet.

Nur bei den Initiatoren hapert es noch ein bisschen mit der Einigkeit. Samstagvormittag, kurz vor dem Start der Aktion auf dem Alexanderplatz. Grünen-Sprecherin Regina Michalik ist um zehn vor zehn noch nicht da, das ärgert den FDP-Landesvorsitzenden Günter Rexrodt. "Die Grünen haben wohl keine Lust mehr, nachdem wir sie gestern so zusammengepfiffen haben", mutmaßt er. Es hat Ärger gegeben, nachdem am Freitag einige Grüne bei der Vorstellung der prominenten Schirmherren der Neuwahlen-Initiative mit Kampagnen-Fahrrädern vorgefahren waren, obwohl man doch parteineutral auftreten wollte.

Am Sonnabend aber ist es Rexrodt, der aus der Reihe tanzt: Erst von elf an, also nach dem gemeinsamen Pressetermin, sollen die Parteien auf dem Alex ihre Stände aufbauen. Rexrodt steht schon um 9 Uhr 30 da - vor dem eigenen, opulenten Aufbau: Rednerpavillon, wummernde Musikboxen, Infotische, Sonnenschirme. "Das war so nicht abgemacht", empört sich Regina Michalik, als sie um Punkt zehn auftaucht. Gregor Gysi hält sich fein lächelnd raus aus dem Gezanke. "Wir haben eben noch keine Erfahrung miteinander."

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