Zeitung Heute : Machtwechsel in Berlin: Steife Schritte in die Wirklichkeit

Brigitte Grunert

Noch keine 16 Stunden ist Klaus Wowereit als Regierender Bürgermeister im Amt, da bekommt er die Bürde schon bei seinem ersten offiziellen Repräsentationstermin zu spüren. Ein wenig linkisch tritt er bei der Ehrung der Opfer des 17. Juni auf dem Friedhof Seestraße in Wedding auf, am Sonntag um zehn Uhr. Mit leicht gekrümmten Schultern schiebt er steifen Schrittes zum Rednerpult. Die Ansprache war für Eberhard Diepgen vorbereitet, er hat nur die Schlusssätze variiert. Manchmal verhaspelt er sich. Und als er bei der Kranzniederlegung die Schleifen ordnet, sieht das ein bisschen ungeschickt aus, als fasse er in einen Heuhaufen.

Zum Thema Online Spezial: Machtwechsel in Berlin Was er über den blutig niedergeschlagenen Volksaufstand in Ost-Berlin und der DDR samt Hinrichtungen, Inhaftierungen und standrechtlichen Erschießungen sagt, ist klar und deutlich: "Der SED-Staat prügelte und peinigte sein Volk am 17. Juni 1953, am 13. August 1961 riegelte er es ab." Er sagt auch ganz bewusst auf die PDS gemünzt, mit deren Stimmen er gewählt wurde: "Die geschlagenen Wunden werden lange nicht verheilt sein." Die Verharmlosung der Verbrechen gegen die Menschenrechte sei "nicht tolerierbar". In den hinteren Reihen der Gäste hört man Zischen.

Schon der Empfang vor dem Friedhof zeigt ihm, wie polarisiert die Stimmung ist. Wowereit wird unter Pfui-Rufen ausgebuht und ausgepfiffen. Zum ersten Mal sieht man ihn nicht belustigt lächeln; der Mund bebt, die Lippen zittern. "Ja, ausgepfiffen von der CDU und der Jungen Union, wir haben die Leute erkannt", bemerkt er. Sie haben Schilder mitgebracht. "SPD und PDS, eine Schande für Berlin" ist zu lesen, und: "Verrat an den Opfern".

Die Grünen kommen ungeschoren davon. Aber die PDS-Vorsitzende Petra Pau wird auch beschimpft. "Ich war doch immer hier", sagt sie, "das ist mir in zehn Jahren nicht passiert." Günter Nooke (CDU) meint vor Beginn des Zeremoniells halblaut: "Die konservative Presse muss den Gysi hochschreiben, damit er ermutigt wird, und wir müssen uns neu aufstellen für den Wahlkampf, mit Wolfgang Schäuble, denke ich doch." Nachmittags ist bei der CDU klar, dass der junge Fraktionschef Frank Steffel Spitzenkandidat wird.

Wer hat wen verraten?

Nach Ende der Veranstaltung gehen die Tumulte draußen wieder los. Unter dem Hemd eines jungen Mannes sieht man das bekannte weiße T-Shirt mit der Aufschrift "CDU 100 % Berlin" leuchten. "Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!", wird skandiert, ein Spruch der KPD am Anfang der Weimarer Demokratie. Der junge stellvertretende SPD-Landesvorsitzende Sven Vollrath erklärt das den Schreihälsen. Sie werfen der SPD doppelte Moral vor. Er kontert: "Na, davon versteht die CDU mehr. Kümmert euch mal um die Aufarbeitung eurer Affären."

Senatssprecher Helmut Lölhöffel findet es "bedrückend, wenn der Wahlkampf so beginnt, dass CDU-Mitglieder an einer Gedenkstätte für die Opfer des 17. Juni solche Parolen grölen". Später hat sich Wowereit wieder gefangen. Er habe das erwartet.

Die Nacht davor war nicht zum Schlafen da. Im Gutshof Britz feiert der "Britzer Kreis" der SPD-Rechten sein lange geplantes Sommerfest, das natürlich für alle Genossen zur Siegesfeier gerät, als hätte es nie Parteiflügel gegeben. Wowereit kommt mit seinen SPD-Senatoren spät und bleibt lange, erst musste noch die konstituierende Sitzung des rot-grünen Minderheitssenats sein. Jubelnd wird er empfangen, wie ein Held. Aber die Band spielt keinen Triumphmarsch, sondern etwas Beschwingtes aus "Orpheus in der Unterwelt". Da scherzt Wowereit: "Ich werde euch keinen Cancan hinlegen." Er kann jetzt sagen, was er will, seine Parteifreunde werden es immer begeisternd originell finden. Er streichelt seine Partei, auf die er so stolz ist, an jedem Tisch plauscht er. Bloß kein Besäufnis: "Zwei Bier habe ich getrunken, vor mindestens 50 Kameras", erzählt er anderntags.

Nachts entdeckt er bei der Heimkehr vor seinem Haus in Lichtenrade einen Polizeiposten. Aha, er ist der Regierende Bürgermeister, die Kripo hat ihm die Wache geschickt. Das ist Vorschrift, er muss es erst noch realisieren. Drei Personenschützer begleiten ihn nun auf Schritt und Tritt, auch Vorschrift. Zum Frühstücken kommt er an diesem Sonntag nicht. Er muss früh fort. Kaffee und Obst nimmt er zu sich, als er in der Klausur des SPD-Fraktionsvorstandes des Bundestages vorbeischaut. Auch hier wird er mit überströmender Herzlichkeit begrüßt. Fraktionschef Peter Struck empfängt ihn schon vor der Tür und überreicht ihm einen Besen mit roten Borsten. Die rote Unschuld soll die Stadt tüchtig reinigen von den Affären, Struck und Wowereit treten für die Fotografen zum Probefegen an.

Im Neuköllner Hotel Estrel wartet inzwischen die Gründungsversammlung Ver.di, Bezirk Berlin, auf ihn. Auch hier ist er herzlich willkommen. Die Hotelgäste riskieren einen interessierten Blick, als Wowereit erscheint, diesmal viel unverkrampfter als am Morgen. Das ist der zweite und für diesen Tag letzte Repräsentationstermin des Regierenden Bürgermeisters. Die Grußansprache hätte hier ebenfalls Diepgen gehalten, wäre er noch im Amt. Der Beifall ist freundlich, die Augen der Delegierten blicken gespannt, als Wowereit zur Bühne geht.

Kein Wort zur Senatswahl, nur dies: "Sehen Sie es mir nach, dass ich die vorbereitetete Rede von Herrn Diepgen mal weglege." Verständnisvolles Schmunzeln. Er redet frei. Nur kann er den einen Fuß hinter dem Rednerpult nicht still halten, Diepgen haben immer ganz leicht die Hände gezittert, wenn er nervös war. Er charmiert bei den "lieben Kolleginnen und Kollegen" und redet doch gleichzeitig Tacheles. Das kann er, ein typischer Wowereit. Um eine Milliarde Mark müssen die Personalkosten im öffentlichen Dienst gesenkt werden, sagt er knallhart. Aber er will keine betriebsbedingten Kündigungen. Allerdings müsse man dann die Einsparungen eben auf anderen Wegen erreichen. Er wirbt für den Dialog mit den Gewerkschaften. Den Sparhaushalt hat er beim Wickel: "Auch der öffentliche Dienst muss auf den Prüfstand. Sonst wird sich dieser öffentliche Dienst selbst erledigen." Und: "Bei allem Verständnis für Beharrungsvermögen, es kann nicht alles beim Alten bleiben. Nur Bauernfänger garantieren das, ich nicht. Wir sind für die Bürger da, nicht für uns selbst." Natürlich sorgt er für einen guten Einstieg. Der Name Klaus Landowsky kommt nicht vor, aber jeder weiß, was mit der Ankündigung gemeint ist, dass der Senat die Auflösungsverträge mit der Weiterzahlung von 700 000 Mark Jahreseinkommen anfechten wird.

Der Neue Alte Fritz

Klaus Wowereit spricht über den Sinn des Übergangssenats bis zu Neuwahlen. Und über die Nöte der Bankgesellschaft: Mittlerweile ist er so weit, dass das Land Berlin "überhaupt keine Aktie zu behalten braucht". Und dann markiert er gar den Alten Fritz, den aufgeklärten Absolutisten, der sich als ersten Diener seines Staates gesehen hat: "Ich bin der Erste Landesbedienstete", sagt er, "vielleicht lerne ich noch, dass ich der Regierende Bürgermeister bin." Das wäre schon ein guter Abgang, aber er hat sich noch einen besseren ausgedacht. Irgendwann, als er noch Volksbildungsstadtrat in Tempelhof war, hat er sich mal so über die ÖTV geärgert, dass er ausgetreten ist. Nun bittet er um Aufnahme in die große Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di. Er brauche Rechtsbeistand, da er ja nun für "100 Tage im ziemlich rechtlosen Zustand" sei. Das kommt an. Er darf herzlichen Beifall einheimsen. Umständlich werden ihm die wohlwollende Prüfung des Aufnahmeantrages zugesagt und auch der Dialog wegen des Stellenabbaus im öffentlichen Dienst.

Wowereit nimmt sich eine halbe Stunde Zeit für die Diskussion und geht dann noch einmal ans Rednerpult. Die Personalratsvorsitzende des KaDeWe beschwert sich über Sonnabend- und Sonntagsdienste. Er widerspricht energisch und outet sich als Fan des KaDeWe, "falls ich da jetzt noch hinkomme". Eine Weltstadt braucht zusätzliche und flexible Ladenöffnungszeiten, wegen der Touristen und überhaupt wegen des veränderten Freizeitverhaltens, schreibt er den lieben Delegierten ins Stammbuch. Seine Mimik ist nun lebhaft, die Rede sicher und temperamentvoll. Am Ende verehrt ihm jemand eine rote Rose.

Aber es dauert eine Weile, bis er vor lauter Shakehands und Interviews zum Ausgang findet. Und ein Foto möchte auch das Hotel haben, so zur Erinnerung. Kaus Wowereit kann nun bis zum frühen Abend aufatmen. Um 19 Uhr trifft sich der Senat im Gästehaus in Grunewald. Nein, es ist keine Senatssitzung, sondern ein informelles Treffen. Man muss sich beschnuppern und eine Arbeitsplanung machen. Bei langen Vorplanungen kann sich keiner aufhalten. Wowereit legt Tempo vor. Denn er weiß: "Wir haben keine 100 Tage Schonfrist."

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