Zeitung Heute : Madame und die Elefanten

Intelligent, eloquent, anmutig – und ziemlich stur: Ségolène Royal hat die besten Chancen, Frankreichs Präsidentin zu werden

Hans-Hagen Bremer[Paris]

„Merci, Ségolène!“ Im voll besetzten Rathaussaal von Orchies, einer kleinen Stadt in Nordfrankreich, hat sich eine Frau das Mikrofon gegriffen. Sie stellt sich als Lehrerin vor und will im Namen ihrer Kollegen der Rednerin danken. „Sie glauben gar nicht, wie es in den Schulen zugeht“, sagt die Frau. „Man traut sich nicht mehr, der Klasse den Rücken zuzudrehen, um etwas an die Tafel zu schreiben, aus Angst, angegriffen zu werden.“ Einen Moment lang herrscht Stille im Saal. Dann brandet Beifall auf. Lächelnd nimmt Ségolène Royal den Applaus entgegen.

Ségolène Royal ist Sozialistin, außerdem Präsidentin der Region Poitou-Charentes, aber vor allem: Sie will die Präsidentschaftskandidatin ihrer Partei werden, für die Wahl in 2007. Und überall, wo sie dieser Tage mit den Leuten auf der Straße oder in Versammlungen spricht, schlagen ihr Sympathien entgegen. Überall kann sie das Gefühl mitnehmen, dass sie mit ihren radikalen Ideen zur Bekämpfung der Gewalttätigkeit Jugendlicher verstanden wird. Die Führer ihrer Partei, die Elefanten, wie sie genannt werden, hat sie damit gereizt, bricht sie doch aus dem antiautoritären Kanon der Sozialisten aus. Doch es ist das Thema, das die Menschen in Frankreich seit Jahren am meisten bewegt und bei dem die Linke, wie der damalige sozialistische Premierminister Lionel Jospin eingestand, „aus Naivität“ versagt und dann die Präsidentenwahl 2002 haushoch verloren hatte.

Dieses Feld will Ségolène Royal der Rechten nun nicht mehr allein überlassen. Schon lange bevor die Parteigremien diese Woche letzte Hand an das Programm zur Präsidentenwahl anlegen, ist sie mit eigenen Ideen hervorgetreten – Kontrolle über das Familiengeld für Eltern, deren Kinder die Schule schwänzen oder sich auf der Straße herumtreiben, oder die Einrichtung quasi-militärischer Erziehungseinrichtungen, in denen jugendliche Missetäter durch gemeinnützige Arbeiten auf den rechten Weg zurückgebracht werden sollen.

Besonders mit dem letzten Vorschlag hat die stets elegant gekleidete, zierliche Politikerin im Elefantenladen Aufruhr hervorgerufen. Dass Innenminister Nicolas Sarkozy, der mutmaßliche Kandidat der Regierungspartei UMP für die Nachfolge von Staatspräsident Jacques Chirac, sie mit Ironie überziehen würde, damit hatte sie gerechnet. Doch die Heftigkeit, mit der auch die Konkurrenten um die Präsidentschaftskandidatur aus dem eigenen Lager, aus den Reihen der Sozialisten sie niedermachten, das hat sie doch überrascht; der frühere Premierminister Laurent Fabius etwa oder der ehemalige Finanzminister Dominique Strauss-Kahn. Selbst ihr Lebensgefährte, der Parteivorsitzende der Sozialisten, Francois Hollande, erklärt, er sei nicht mit allem einverstanden, was sie sage.

Beeindruckt hat sie das nicht. „Ich weiß, wovon ich spreche“, beharrt sie in einer Parteiversammlung in Lille, in der ihr die Bürgermeisterin der Stadt, die frühere sozialistische Arbeitsministerin Martine Aubry, unter Beifall vorhält, die Probleme der Jugend könne man nicht mit militärischer Überwachung lösen. Dass sie mit ihrem Plädoyer für mehr Härte eines der traditionellen Prinzipien der Sozialisten, den Vorrang der Prävention vor der Repression, aufgegeben habe, lässt Royal nicht gelten. Sie begebe sich nicht auf das Terrain von Nicolas Sarkozy, sagt sie. Vielmehr stehe sie zu den Menschen, die unter Unsicherheit und Gewalt leiden, und als Sozialist trage man Verantwortung für jedes gestrauchelte Kind, um es davor zu bewahren, eines Tages im Gefängnis zu enden. „Seit wann sind Ordnung und Disziplin ein Monopol der Rechten?“, fragt sie in den Saal. Am Ende zollen die Menschen ihr stehend Beifall.

Noch ist kein Wahlkampf. Erst im Herbst werden die Sozialisten in einer Urabstimmung darüber befinden, wen sie als ihren Kandidaten für die Nachfolge Jacques Chiracs ins Rennen schicken wollen. Doch der Andrang ist groß. Neben Fabius („Diesmal bin ich dran“) und Strauss-Kahn hat auch der frühere Kulturminister Jack Lang seinen Anspruch angemeldet. Parteichef Hollande hält sich ebenfalls bereit, und einige Leute glauben sogar an eine Rückkehr Jospins als Retter aus der Kandidatenfülle. Im Kampf um die Gunst des Parteivolks aber liegt Royal seit Monaten weit vorn. In einer neuen Umfrage unter Linkswählern halten sie 62 Prozent für die beste Kandidatin der Sozialisten, nur 22 Prozent halten Strauss-Kahn für den geeigneten Kandidaten und ganze zwölf Prozent Fabius. Wäre heute Wahl, Royal würde, nach einer anderen Umfrage, klar gegen Sarkozy gewinnen.

Seit sie im vergangenen Herbst ihre Ambition auf das höchste Staatsamt bekannt machte, ist Ségolène Royal aus der zweiten Reihe der Sozialisten zum Star der politischen Szene Frankreichs aufgestiegen. In der Öffentlichkeit ist sie stets von einem Pulk von Fotografen und Kameraleuten umringt. Neuerdings müssen ihr zwei Leibwächter den Weg durch die Menge bahnen. Ihr Name ist in aller Munde. Eigentlich lautet der ja Marie-Ségolène, so haben sie ihre Eltern vor fast 53 Jahren getauft – aber den ersten Teil ihres Vornamens hat sie schon lange abgelegt, und auch die Franzosen nennen sie nur noch Ségolène. Wie Hillary Clinton in den USA ist sie in Frankreich die einzige politische Persönlichkeit, die einfach bei ihrem Vornamen genannt wird.

Ségolène fasziniert. Sie ist intelligent und redegewandt, dazu anmutig und attraktiv. An Audrey Hepburn fühlte sich James Traub vom „New York Times Magazine“ bei seiner Begegnung mit ihr erinnert. Doch das ist nicht alles. „In der Politik hat die Stunde der Frauen geschlagen“, erklärt die Präsidentengattin Bernadette Chirac. Ségolène Royal hat vier Kinder, lebt in wilder Ehe und ist beruflich erfolgreich – und damit verkörpert sie für viele Franzosen die moderne Frau, die die Anforderungen von Karriere und Familie zu vereinbaren weiß. Ihr trauen sie nach der Enttäuschung über die bleiernen Chirac-Jahre die dringend notwendige politische Erneuerung zu. Ihre Popularität, so erklären Meinungsforscher, sei daher als Botschaft der Franzosen zu verstehen, dass sie in der Politik endlich neue Köpfe sehen wollen. „Das Volk fühlt sich von den Regierenden im Stich gelassen“, sagt der Soziologe Alain Touraine, „indem es für eine Frau stimmt, schickt es sie auf symbolische Weise alle in die Wüste.“

Ségolène Royal hat die klassischen Kaderschmieden der politischen Klasse absolviert und war vier Mal Ministerin, unter Mitterrand und später unter Jospin, für Umwelt, für Familie und für Schule. Aber erst jetzt tritt sie in den Vordergrund. „Sie hat gute Chancen sich durchzusetzen“, sagt der frühere Außenminister Roland Dumas, der sich noch an ihre ersten Schritte als Beraterin des sozialistischen Präsidenten Francois Mitterrand erinnert. Eine Frau als französische Präsidentin, das wäre, so der deutsche Europa-Abgeordnete der Grünen, Daniel Cohn-Bendit, eine „wahre Revolution“.

Als unbedarft haben Royals Konkurrenten sie anfangs verspottet. Es fielen Macho-Sprüche wie der, dass die Präsidentenwahl doch kein Schönheitswettbewerb sei. Und auch jetzt bricht der männliche Dünkel manchmal noch durch, zum Beispiel dann, wenn etwa Ex-Finanzminister Dominique Strauss-Kahn ihr die Statur für die Nominierung abspricht mit der Bemerkung, Sarkozy sei ein viel zu gefährlicher Gegner für sie. Früher hat Ségolène Royal solche Dinge als Ungezogenheit übergegangen. Heute sagt sie: „Es wird ärger und ärger, weil sie Angst haben. So viel haben sie in ihre Ambitionen investiert, dass sie meine Popularität als Unverschämtheit empfinden.“

Seit 1988 vertritt Royal das Département Deux-Sèvres als Abgeordnete. Ihren Sitz in der Nationalversammlung, den sie mit Bravour verteidigte, als die Linke eine ihrer schlimmsten Niederlagen erlebte, wird sie jetzt niederlegen. So sieht es ein Parteibeschluss über das Verbot der Kumulierung von Wahlämtern vor. Das Motto ihrer Wahlkampagne lautet „Respekt in der Republik“. Die Sehnsucht nach traditionellen Werten, die viele Wähler mit ihrem Votum für die dauererfolgreiche rechtsextreme Nationale Front ausdrücken, wertet sie nicht als Faschismus, sondern als Ablehnung einer Politik, die diese Werte missachtet. Diese Wähler, die Jospin 2002 im Stich gelassen haben, will sie mit ihrem Werben für eine „gerechte Ordnung“, „wirkliche Gleichheit“ und „dauerhafte Sicherheit“ zurückholen.

Dabei scheut sie sich auch nicht, ihrer Partei mit unbequemen Ansichten auf die Füße zu treten – und nicht alles, was die Rechte in Frankreich durchgesetzt hat, würde sie wieder rückgängig machen, auch das hat sie schon angekündigt. Mit einer Kritik an der 35-Stunden-Woche, der wichtigsten Errungenschaft der Regierung Jospin, hat sie nun noch ein anderes Heiligtum der Linken attackiert. Die gesetzliche Verkürzung der Arbeitszeit habe eine Verschlechterung der Situation der Schwächsten gebracht, insbesondere der Frauen, durch mehr Wochenendarbeit – aber die der Kader durch mehr Urlaub verbessert, konstatiert sie im neuesten Kapitel ihres für den Herbst angekündigten Programmbuchs; seit Anfang dieser Woche ist es auf ihrer Internetseite zu lesen. Und wieder fielen die Elefanten über sie her. Parteichef Hollande, ihr Lebensgefährte, möge sie endlich zur Ordnung rufen, fordern sie. Es wird sie nicht beirren.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben