Zeitung Heute : Madame und ihr Dämon

Manchmal nennt sie sich „Tochter des Monsters“. Marine Le Pen ist Nachfolgerin ihres Vaters als Vorsitzende des Front National. Und ihre Mission heißt „Entdämonisierung“: Nicht mehr rechtsaußen, in der Mitte will sie sein. Das scheinen ihr viele Franzosen abzunehmen. 20 Prozent würden sie nächstes Jahr wählen.

Martina Meister[Paris]
Küsse für die Fans. Und sogleich fliegen ihr Herzen und Konfetti zu. Foto: dpa
Küsse für die Fans. Und sogleich fliegen ihr Herzen und Konfetti zu. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Früher haben die Parteifreunde sie nur den Nachtvogel genannt, „la nightclubbeuse“. Das war nicht einmal verächtlich gemeint. Nicht im Front National. Auch ihr Vater war schließlich bekannt dafür, dass er die Feste feierte, wie sie fielen. Vermutlich war es nur Ausdruck der Erleichterung. Erleichterung darüber, dass von der jüngsten der drei Töchter Jean-Marie Le Pens keine Gefahr drohte. Für die Parteinachfolge war die Älteste vorgesehen. Aber dann kam alles anders.

Es ist 3 Uhr 52. Marine Le Pen steht vor dem Reisebus, vor dem sie ihr Chauffeur abgesetzt hat, und zündet sich eine erste Zigarette an. Sie wird den Großmarkt von Rungis besuchen, den weltweit größten Lebensmittelmarkt draußen vor den Toren von Paris. Obwohl es früher Morgen ist, sieht sie nicht verschlafen aus. Sie ist bereits geschminkt, das Haar zusammengesteckt. Die Journalisten, die vor dem Bus warten, begrüßen sie mit Küsschen. Eins rechts, eins links. „Bonjour Marine.“ Man duzt sich, man mag sich.

Marine wird sie nur genannt. Vielleicht, um sie von ihrem Vater abzuheben. Oder auch, um zu zeigen, wie nah man sich ihr in Wahrheit fühlt. Mit Marine ist alles anders geworden. Sie redet anders als ihr Vater. Vorbei die Zeiten, da die Gaskammern der Nazis als „Detail der Geschichte“ bezeichnet wurden.

Die Medien aus aller Welt stehen Schlange für ein Interview mit ihr, seit das amerikanische Magazin „Time“ sie auf die Liste der 100 weltweit einflussreichsten Persönlichkeiten gesetzt hat. Da steht sie in guter Gesellschaft neben Kate Middleton und Mark Zuckerberg, deutlich vor Barack Obama. Wer da anlangt, kann so schlecht nicht sein.

Marine also. Marine le Pen, 43, „Tochter des Monsters“, wie sie sich selbst gern nennt. Zweimal geschiedene, alleinerziehende Mutter von drei Kindern, darauf legt sie wert. Seit Januar ist sie Präsidentin von Frankreichs rechtspopulistischer Partei Front National, Nachfolgerin des übermächtigen Vaters. Aber sie will mehr erreichen als er. Sie will ihm gefallen, ihn beeindrucken, und dazu muss sie besser sein als er.

An jenem Herbstmorgen beginnt sie ihren Wahlkampf in den Hallen von Rungis, dem ehemaligen „Bauch von Paris“, der, auch wenn er nicht mehr im Zentrum liegt, ein symbolischer Ort ist für die Franzosen. An Rungis führt kein Weg vorbei. „Die Politiker werden alle kommen, ohne Ausnahme“, sagt ein Arbeiter, „im Wahlkampf kommen sie alle.“

Es ist 4 Uhr 50. Zeit für die zweite Zigarette. Eine Stunde hat der Bus gebraucht, Marine Le Pen ist mitgefahren. Ihr Chauffeur ist in der Limousine gefolgt. Sie ist offen, zugänglich, sie hat im Bus oft den Platz gewechselt. Die Fotografen, die sie regelmäßig begleiten, sagen: „kein Vergleich mit den Sozialisten oder mit Sarko.“

Marine Le Pen setzt auf Nähe. Vertrauenswürdigkeit ist ihr größter Joker. Man kann das auch „Entdämonisierung“ nennen. Das ist das Schlagwort, das sie selbst geprägt hat. Sie wollte die Partei salonfähig machen, sie vom Ruch des Rechtspopulismus befreien, ihr den Teufel des Extremismus austreiben, kurz: den FN von Rechtsaußen in die Mitte rücken.

Und das ist ihr gelungen. Die Mehrheit der Franzosen sieht im FN nicht mehr den ausländerfeindlichen, antisemitischen Verein von ewig Gestrigen. Er wird als demokratische Partei wahrgenommen. Eine, deren Chefin vom Ende der Globalisierung spricht, von „klugem Protektionismus“, von der Nationalisierung der Banken, der Rückkehr zum Franc, zu den Zollgrenzen. Und was vor wenigen Jahren noch als rechtsradikales Gewäsch abgetan werden konnte, klingt vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise in den Ohren vieler auf einmal plausibel. Ihre Analysen erinnern an die der Globalisierungsgegner. Angst geht um in Frankreich. Und Marine Le Pen verspricht Obhut, Sicherheit, einen Neuanfang.

5 Uhr 7, Marine Le Pen zieht jetzt den weißen Besucherkittel über und gibt einem Fernsehteam das erste Interview: „Ich bin gekommen“, sagt sie, „um Menschen zu treffen, die früh aufstehen und denen man viel versprochen hat, wovon nichts gehalten wurde. Sarkozys Mandat war keines für Frühaufsteher, sondern eines für Menschen, die gern spät ins Bett gehen.“ Ein Satz zum Mitschreiben. Wie oft hatte Nicolas Sarkozy jenes Frankreich beschworen, „das früh aufsteht“? Wie oft hatte er hinterhergeschickt, dass, wer mehr arbeitet, auch mehr verdienen müsse?

Marine Le Pen will Sarkozy dort schlagen, wo es weh tut. Zeitweise haben die Umfragen sie auf dem zweiten Platz gesehen, hinter dem sozialistischen Kandidaten, vor dem amtierenden Präsidenten. Und nun, da Sarkozy mit dem Kandidaten Dominique de Villepin einen Konkurrenten aus den eigenen Reihen bekommen hat, sind die Chancen für Marine Le Pen, zumindest in die Stichwahl zu kommen, noch einmal gestiegen. Knapp 20 Prozent der Befragten geben regelmäßig an, in der ersten Wahlrunde für die Kandidatin des FN stimmen zu wollen. Das ist der eigentliche Triumph Le Pens: Die Partei zieht keine Protestwähler mehr an, sondern echte Sympathisanten.

In Rungis macht sie ihre Sache gut. Sie prüft den Hummer, bestaunt den Thunfisch, sie kniet nieder vor dem Seeteufel, alles für die Kameras, sie spaziert auch durch die Kühlhallen, in denen Rinder hängen, gehäutet, zweigeteilt. Sie begutachtet gespenstisch weiß wirkende Kalbsköpfe, aufgespießt an großen Fleischerhaken, deren lange Zungen lose heraushängen. Sie redet mit den Leuten, sie hört zu. „Bravo“, sagt sie, „Respekt.“ Im Gegenzug schallt es „Marine!, Marine!“ durch die Hallen.

Auch hier wird sie nur beim Vornamen genannt. Die Arbeiter, ein Großteil davon Immigranten, wollen ihr die Hand schütteln, sie wollen Fotos mit ihr, sie wollen Autogramme. Marine Le Pen posiert mit Arabern, mit Schwarzafrikanern und sagt: „Diejenigen, die arbeiten, sind nicht das Problem. Ein Problem sind diejenigen, welche die Gesetze nicht respektieren, den Staat betrügen, ganz unabhängig von ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder Nationalität. Der Rest ist Gewäsch.“

Marine Le Pen, man kann das so sagen, ist eine brillante Politikerin. Sie ist intelligent, schnell, schlagfertig. Auf die Frage, wann der Euro weg ist, wenn sie 2012 gewählt werden sollte, kontert sie spitz: „Ich bin nicht sicher, dass der Euro noch so lange durchhält.“

Auch bei Fernsehdiskussionen lässt sie ihre Gegner blass aussehen. „Sie ist entwaffnend“, schrieb ein Kommentator der linken Tageszeitung „Libération“, die nicht im Verdacht steht, mit den Ideen des FN zu sympathisieren. Das trifft es gut. Die Frau, die zur Entspannung gern Schießen geht und über Kaliber redet wie andere über Kochrezepte, ist entwaffnend. „Anders als ihr Vater ist sie sexy“, bemerkt auch der Schriftsteller Régis Jauffret. Und Christine Angot, seine Kollegin, notiert: „Marine Le Pen gefällt 20 Prozent von uns, und 80 Prozent fasziniert sie. Ein Mannweib, phallisch, das mögen wir.“

„An ihr ist ein Junge verloren gegangen“, sagt ihre Schwester Yann. Die Mutter formuliert es etwas anders: „Marine ist der perfekte Klon ihres Vaters.“ Ihn haben sie lange den Menhir genannt. Auch sie hat etwas von diesem monolithischen Stein der Bretagne, obwohl sie abgenommen hat, 15 Kilo, dank desselben Diätpapstes, der auch dem sozialistischen Kandidaten François Hollande zur Wahlkampfform verholfen hat. Ihre Haare sind kürzer, sie trägt jetzt die Frisur und die Farbe der französischen Nachrichtensprecherinnen, ihre Zähne wirken weißer und grader als noch vor wenigen Jahren. Aber sie ist größer als die meisten Männer in Rungis, die sich mit ihr fotografieren lassen. Auch ihre Stimme ist rau, ihr Lachen kommt aus der Tiefe.

Marine Le Pen erzählt gern, wie sie als Kind diskriminiert wurde. Wegen ihres Namens. Sie erzählt immer wieder von jenem Bombenanschlag auf die elterliche Wohnung, 20 Kilo Sprengstoff, bei der, wie durch ein Wunder, nur ein Hund getötet worden ist. Dass sie erst Anwältin, dann Politikerin geworden ist, erklärt sie durch diesen Schock: „Ich war acht und begriff auf brutale Weise, dass mein Vater bekannt war und man ihm etwas antun wollte.“

Das eigentliche Trauma aber ist eines, über das sie weniger gern redet: Marine, eigentlich Marion Anne Perrine, ist 16, als die Mutter die Familienvilla verlässt. Ohne Vorankündigung. Im Oktober 1984 brennt das ehemalige Pin-up Girl Pierrette Le Pen mit dem Biografen ihres Mannes durch. Es kommt zum verrücktesten Rosenkrieg im Nachkriegsfrankreich. Pierrette rückt das Ersatz-Glasauge ihres Mannes nicht heraus, das sie immer in ihrer Handtasche hat. Er wird die Urne ihre Mutter behalten, die sie in der Eile vergessen hat, und auch den Unterhalt verweigern. Möge sie doch Putzen gehen, soll er ihr nachgerufen haben. Aus Rache posierte sie nur mit Staubwedel geringfügig als Putzfrau verkleidet im Playboy.

„Marine hat furchtbar unter der Trennung gelitten“, wird die Mutter später zu Protokoll geben. „Sie hatte nicht damit gerechnet. Für sie waren wir das Idealpaar. Ihre Welt brach zusammen.“ Ganze 15 Jahre lang sieht sie ihre Mutter nicht wieder. Es schweißt sie auf alle Zeiten mit dem Vater zusammen: „Er ist der Mann meines Lebens. Er hat die Frau gemacht, die ich heute bin.“

Tief in ihr steckt etwas, dass sie hinter dem Panzer der besonnenen Politikerin nur notdürftig zu verstecken vermag. Vielleicht lässt sie es beim Schießen raus im Polizeiclub der Avenue Foch. Sie, die jedem verbietet, sie als rechtsextrem zu bezeichnen, ist für die Todesstrafe. „Ihr größtes Talent“, so hat es ein Abtrünniger des FN formuliert, „ist ihre Fähigkeit, die Aggression, die sie in sich trägt, zu verbergen. Aber wenn sie nicht bekommt, was sie will, gerät sie in unkontrollierbare, zerstörerische Wut.“

Es ist 7 Uhr 45. Rungis ist abgehakt. „Sie ist wirklich sympathisch, die Marine“, bemerkt Monsieur Sanogo von der Elfenbeinküste. Die letzte Autogrammkarte ging an ihn. Drauf sieht man sie auf ihrem Sofa sitzen, die Katze im Arm, das Foto der Kinder im Hintergrund: „Für einen tapferen Arbeiter“, schreibt sie, „herzlich Marine.“

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