Zeitung Heute : Mächtig für ein Wochenende

Die Kinder sollen glücklicher sein, und gleiche Bildung für alle – 199 Deutsche durften im Auswärtigen Amt eine „Bürgererklärung“ für die EU aufsetzen

Carolin Jenkner

Es ist einem Zufall zu verdanken, dass Marta Weise und Ewald Lahner an diesem Morgen im Foyer des Auswärtigen Amtes stehen, Orangensaft trinken und über Europa reden. Marta Weise, die 60-jährige Telefonistin aus Leipzig in ihrem Nadelstreifen-Blazer, und Ewald Lahner, der Maschinenbauer aus Lörrach in seiner Lederweste. Sie stehen da und wissen nicht recht, was sie von diesem Wochenende erwarten sollen.

Der Zufall wiederum war einem Zufallsgenerator in einer Telefonzentrale zu verdanken. Der hatte vor ein paar Wochen Marta Weises Nummer aus dem System gefischt. In Leipzig klingelte also ein Telefon, Marta Weise ging dran. Ob sie an der Europäischen Bürgerkonferenz in Berlin teilnehmen wolle, fragte eine nette Stimme. Das Auswärtige Amt und die Robert-Bosch-Stiftung würden dazu einladen. Marta Weise konnte damit zwar nicht viel anfangen, aber weil ihr die Stimme sympathisch war, sagte sie zu, „einfach aus dem Bauch heraus“.

Mit ihr und Ewald Lahner sind an diesem Wochenende 199 weitere Deutschen in Berlin, alle zufällig ausgewählt, doch immerhin repräsentativ nach Alter und Beruf. Nun sitzen sie an 21 runden Tischen, zu Gast bei der Macht im Weltsaal, in dem 1990 auch der deutsche Einigungsvertrag unterschrieben wurde. Um ihre Hälse baumeln TEDs, Abstimmungsgeräte, wie man sie aus Rateshows kennt. Die EU will endlich wissen, was die Bürger, die bisher ein rechtes Desinteresse an diesem undurchschaubaren Konstrukt in Brüssel bewiesen haben, von Europa erwarten. Vielleicht überlegen sie dort aber auch nur, dass man den Mitmacheffekt besser nutzen sollte. Wer sich verantwortlich fühlt, zieht sich schließlich nicht so schnell wieder aus der Affäre.

Das Logo der deutschen EU-Ratspräsidentschaft prangt auf der Leinwand. Davor baut sich Günter Gloser (SPD) auf, der Staatsminister für Europa; Hausherr Steinmeier hat keine Zeit. Gloser erklärt den Gästen, wie wichtig ihre Meinung ist. Am Ende soll eine deutsche „Bürgererklärung“ stehen. Zur gleichen Zeit an diesem Wochenende erarbeiten übrigens auch die Zufalls-Belgier, -Letten, -Slowaken und -Ungarn nationale Erklärungen. Bis Ende Mai werden die Ergebnisse aus allen 27 EU-Staaten zu einer europäischen Bürgererklärung zusammengefasst und dem Europäischen Parlament überreicht.

Zwei Moderatoren verkünden die erste Aufgabe: „Stellen Sie sich an Ihrem Tisch untereinander vor und zeichnen Sie eine Europakarte.“ Es ist ein wenig wie in der Schule. Ein Raunen geht durch den Saal. Marta Weise sitzt an einem Tisch mit acht anderen Bürgern und einem Moderator. Ihre Nachbarn beginnen, mit Filzstiften die Europakarte auf ein Flipchart zu zeichnen. Marta Weise fügt Ungarn hinzu.

Dann sollen die Bürger das erste Mal ihr TED-Gerät benutzen. „Wer ist heute hier?“ will der Moderator wissen. „Für weiblich drücken Sie die eins, für männlich die zwei.“ 47,4 Prozent Frauen, 52,6 Prozent Männer. Minuten später werden auch die Ergebnisse aus Belgien, Lettland, Ungarn und der Slowakei auf die Leinwand im Saal projiziert. Europa, ein Bürgernetzwerk; hier funktioniert es.

Orangefarbene Zettel werden verteilt. „Bitte schreiben Sie auf diese Zettel Ihre Wünsche an Europa und diskutieren Sie sie in der Gruppe.“ Drei Themen: Energie und Umwelt, Familie und soziale Sicherung, globale Rolle und Immigration. Marta Weise nimmt einen Zettel und schreibt: „Ich möchte, dass in Europa die Kinder eine Zukunft haben und glücklicher miteinander umgehen können als die Erwachsenen jetzt.“

Am Nachbartisch setzt sich Günter Gloser neben Ewald Lahner. Lahner fragt: Was wünschen Sie sich eigentlich von Europa? Um den Hals hat er eine Totenkopfkette, seine schwarzen Haare trägt er als Pferdeschwanz. Gloser will eigentlich nicht antworten. „Sie haben doch heute das Wort“, sagt er. Aber dann redet er doch. Ewald Lahner wird später sagen, „der ist ja auch nur ein Mensch wie jeder andere und muss nett zu uns sein, damit er wiedergewählt wird“.

Marta Weises Wunsch auf dem orangefarbenen Zettel wird nun heftig diskutiert. „Das muss man anders formulieren“, findet eine Frau aus Bayern. Eine Lehramtsstudentin fordert gleiche Bildung für jedes Kind, der Gruppenmoderator versucht, zu bündeln. „Ich wünsche mir, dass alle Kinder ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert werden“, tippt er schließlich in den Laptop.

Politik heißt Kompromisse machen, auch wenn nur neun Leute am Tisch sitzen und nicht 27 Staaten wie in der EU. Politik heißt auch, dass Beschlüsse dann windelweich ausfallen. „Aber das ist nicht schlimm“, sagt Marta Weise, „so läuft das nun mal in der Politik.“

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