Zeitung Heute : Mädchen gegen Jungs

Das Fußballtor als Schule des Lebens: Hier lernt Nina Göking, dass das andere Geschlecht aus Weicheiern besteht. „Total brutal“, beklagt sich der Gegner.

Text: Bernd Müllender

Herford. Sie babbelt pausenlos. „Weiter Svenja, versucht’s noch mal … gut so, Emmy …!“ Und wird noch energischer: „Vanessa! Eher abspielen … looos, weiter …“ Nina Göking, 13, ist D-Jugend-Torhüterin des Mädchenteams vom Herforder SV Borussia Friedenstal. „Als Kapitänin“, sagt sie, „muss man schon mal lauter sein und die Hintermannschaft dirigieren.“ Insbesondere, wenn es gegen Jungs geht. Ninas Elf spielt nur gegen Jungs.

Es ist ein weithin einmaliges Projekt. Ausgedacht, um Talenten der Region etwas zu bieten. „Es gibt zu wenig Mädchenteams hier und zu wenig Wettkampf“, erklärt Abteilungsleiterin Layana Koppmann, „sonst gehen die Guten gleich nach Gütersloh.“ Das ist fast 50 Kilometer entfernt. Die dortige erste Elf spielt Frauen-Regionalliga. Der Verband stimmte dem einjährigen Experiment zu und erlaubte sogar vier 13-Jährige im Team. Ziel: gegen Jungs richtig gefordert sein, Schnelligkeit und Aggressivität fördern.

Nina, 8. Klasse Gymnasium, spielt Fußball, seit sie sechs Jahre alt ist, „von Anfang an im Verein, bei den Minikickern“. Und immer im Tor. Das mag an den Genen liegen: Mutter Heike war selbst Torfrau, Vater Jörg Handballkeeper. Hobbys?

„Überwiegend Fußball“, sagt Nina – von anderen Freizeitfreuden wie Musik und Computer erzählt sie erst nach zähem Fragen. Berufswunsch? Dem höflich-mädchenhaften „was mit Tieren“ folgt gleich sehr ernsthaft: „Am liebsten Fußballprofi!“ Ihr großes Vorbild ist Nationalkeeperin Silke Rottenberg. Nina grinst mit ihren katzigen grüngrauen Augen: „Ich soll immer die Interviews geben. Weil ich so gut labern kann, sagen alle.“ Sie weiß, dass das stimmt.

Auf dem Foto, versichert sie, habe sie nicht wie Olli Kahn gucken wollen, sondern so, wie sie selbst einen Gegner beim Elfmeter verunsichernd fixiert. Kahn fällt in der sportlichen Analyse ohnehin durch: „Der ist am Fuß nicht so gut und macht zu viele grobe Fehler.“ Nina favorisiert Timo Hildebrand: „Der ist wirklich stark, ohne große Klöpse.“ Und, logo, der sehe besser aus.

Nina ist eine Herrscherin des Strafraums, brutal gut im Rauslaufen, fußballerisch souverän. Nur mit ihren „ich glaub, so gut 1 Meter 60“ (Nina) noch etwas klein. „Für eine Karriere muss sie noch wachsen“, sagt auch Mutter Heike. Mit ihren 1,76 ist die Mama mäßig besorgt: „Das kommt schon noch.“ Nina trainiert längst auch im Stützpunkt der Westfalenauswahl. Im Spiel stürzt sie sich zweimal, doch: kahnhaft, vor die Füße eines Gegenspielers. Hochwirksam: „Jungs sind manchmal Weicheier“, sagt sie mit frischem Lächeln. „Man lernt, bei Jungs hart reinzugehen.“

„Vorsicht Hintermann!“ Dieter Oberbremer, der Trainer des heutigen Gegners SG 08 Falkendiek, ist mit seinem Warnruf geschlechtlich nicht ganz auf Ballhöhe. Der Mann ist das Feindbild der Friedenstaler Mütter am Spielfeldrand: „Was hat der getobt nach dem 3:3 im Hinspiel. Nur unentschieden gegen diese Mädchen!“

1:3 hatten Nina, Christin, Fabienne und die anderen bis kurz vor Schluss zurückgelegen. „Ich glaube, der wollte sich vor Wut entleiben.“ Und er habe gesagt: „Diese Mädchen spielen total brutal.“

Auch während des Spiels am vergangenen Mittwoch fällt der Gegnertrainer mit manch feldwebelhaftem Kommando auf. Im Gespräch ist er sanft. Seine Zwölfjährigen hätten vor dem Hinspiel „Berührungsängste gehabt“, hätten gealbert, wohin man im Zweikampf nicht fassen dürfe aus Versehen. „Gegen Mädchen zu spielen, war ja ganz neu für die Jungs. Deshalb waren alle sehr vorsichtig. Und die Mädchen spielen nicht nur technisch stark, sondern sehr körperbetont.“ Brutale Spielweise, das habe er nie gesagt.

Probleme haben viele: „Spaß macht das nicht, von Mädchen so versohlt zu werden“, hat mal ein Junge nach einer haushohen Niederlage gesagt. Die Falkendieker sind tougher: „Erst kriegen die Friedenstalerinnen die Erlaubnis, gegen uns zu spielen. Und dann dürfen sie sich noch mit vier Spielerinnen aus Jahrgang 1992 verstärken. Das ist ungerecht.“ Ein anderer ist eifersüchtig: „Und dann kommen sie immer in die Zeitung. Voll ätzend.“

Es steht 0:2. Nina verzweifelt: „Ihr müsst mehr miteinander reeeeden! Weiteeer!“ Na ja, sagt Mutter Heike, wenn alle so wie ihre Tochter quasseln würden, was das für ein Konzert würde! Alle lachen. Das letzte Saisonspiel endet schließlich 0:3. Falkendiek feiert ausgelassen Vizemeisterschaft und die besondere Revanche. Die Mädchen sind Dritte von neun Teams geworden. Ein Riesenerfolg. „Da hätte wirklich niemand mit gerechnet“, sagt eine Mutter. Nina ärgert sich noch ein bisschen: „Heute waren alle platt. Zu viel gedribbelt, nicht genug gelaufen.“

Oder lag es an den Gegnerspielern? Na ja, giggelt Nina, mit 13 gucke man sich Jungs an, klar. Aber nicht auf dem Platz: „Da hat man doch so viel anderes zu tun. Und das wäre nicht gut für die Konzentration.“ Außerdem: „Die meisten sind ja erst zwölf.“ Das heißt: „Viel zu jung.“

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