Zeitung Heute : Mädchen ohne Namen

Sie war Sklavin mitten in London. Dann gelang Mende Nazer die Flucht aus dem Haus ihres sudanesischen Herrn. Die neue Freiheit scheint ihr manchmal gruselig. Doch noch mehr fürchtet sie die Abschiebung in den Sudan.

Stephanie Nannen[London]

Sie ist viel kleiner, als die Fotos vermuten lassen, die auf dem Schutzeinband ihres Buches abgedruckt sind. Mit einem weiten, langen Rock und einem dünnen Sweatshirt bekleidet, ein Nicki-Tuch um den Kopf geschlungen, wagt sie einige Schritte in den Raum hinein, vorsichtig, wie tastend, als wäre die Eingangshalle der Londoner Anwaltskanzlei ein zugefrorener See, dessen Eisfläche sie nicht recht traut.

Mende Nazer zu treffen, die vor kurzem ihre Lebensgeschichte unter dem Buchtitel „Sklavin“ veröffentlicht hat, ist nicht ganz einfach. Man kann sie nicht zu Hause besuchen, denn sie wohnt bei Freunden in einem Haus, dessen Anschrift geheim bleiben muss, einem Haus, in dem besondere Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden, damit der jungen Frau nichts zustoßen kann. Die 22-jährige Autorin aus den Nuba-Bergen im Sudan fühlt sich bedroht. Weil sie in ihrem Buch darüber berichtet, wie sie fast acht Jahre als Sklavin lebte – zuerst in der sudanesischen Hauptstadt Khartoum und dann mitten in der westlichen Zivilisation, in London – ist sie vor Übergriffen regierungstreuer Nordsudanesen auch in Großbritannien nicht sicher.

So ist es der Journalist Damien Lewis, ein Freund und Berater von Mende, der die Kanzlei als Erster betritt, um zu überprüfen, ob auch alles in Ordnung ist. Erst als er beruhigt ist, geht er wieder raus, um Mende zu holen. Sie setzt sich an einen der Kunststofftische in der Caféteria. Im Hintergrund erklingt die rauchig fordernde Stimme Anastacias, deren Videoclip auf einer Fernsehwand ausgestrahlt wird. Mende und Anastacia im selben Augenblick zu sehen, irritiert. Die Bilder der beiden Frauen wollen so gar nicht zusammenpassen.

Mende friert, obwohl in London an diesem Herbsttag milde Temperaturen herrschen. „Mir ist hier auch im Sommer kalt“, sagt sie. Und halb keck, halb erklärend fügt sie hinzu: „Ich bin nun mal Afrikanerin.“ Nach Afrika jedoch, oder genauer: in den Sudan wird Mende, wenn alles gut geht, wohl nie mehr reisen. Wenn ihrem Asylantrag nun vielleicht, nachdem ihre Geschichte bekannt geworden ist, doch noch stattgegeben wird.

Sie aß die Reste

Das Schicksal, das Mende Nazer erlitten hat, ist in der westlichen zivilisierten Welt kaum vorstellbar: Sie wurde von Milizen aus ihrem Heimatdorf geraubt und an eine wohlhabende Familie in Khartoum verkauft. Dort lebte sie in einem Schuppen, schlief auf einer alten, schmutzigen Matratze und arbeitete den ganzen Tag, bis spät in die Nacht hinein. Sie putzte täglich das Haus, kochte, servierte, wusch und bügelte die Wäsche und kümmerte sich um die Kinder ihrer Herrin. Damals war sie zwölf Jahre alt, und ihre Herrin nannte sie „Mädchen, das es nicht wert ist, einen Namen zu tragen“. Mende sagt: „Wenn die Menschen mich jetzt Mende nennen, bin ich so stolz darauf, so froh, mein Herz hüpft, wenn man mich so anspricht.“

In Khartoum bekam Mende nur die Reste der Mahlzeiten ihrer Besitzer zu essen, sie musste Krankheiten ohne jegliche medizinische Versorgung überstehen und sich gegen sexuelle Annäherungen eines Freundes der Familie zur Wehr setzen. Sie wurde eingesperrt, misshandelt und gedemütigt. Dann schickte man sie nach England zur Schwester ihrer Herrin, die mit einem Botschaftsangehörigen verheiratet ist.

Im Haus von Abdul Mahmoud al Koronky schlief Mende „in einer kleinen Kammer, in der die Heizung kaputt war. Die Kinder dort waren furchtbar unerzogen, machten alles kaputt, und dafür wurde ich dann bestraft. – Ich durfte das Haus nicht verlassen und hatte panische Angst. Gearbeitet habe ich in London fast noch mehr und härter – wenn das überhaupt möglich ist. Das Haus war viel größer als in Khartoum, und wenn ich mit allem fertig war, konnte ich gleich wieder von vorn anfangen.“

Im September 2000 gelang ihr mit Hilfe von oppositionellen Landsleuten, die sie auf recht riskante Weise kennen gelernt hatte, die Flucht. Al Koronky hatte sie während seines Urlaubs für zwei Wochen bei einer befreundeten Familie gelassen. Dort durfte sie zum Einkaufen das Haus verlassen und konnte so Menschen ansprechen, die ihr später halfen. Zurück bei al Koronky, nutzte Mende die Chance, als sie eines Tages den Müll zum Container brachte. Sie rannte los, „um mein Leben“, wie sie sagt. Dann sprang sie in ein wartendes Auto, das sie in die Freiheit fuhr. Ihre Stimme zittert, als sie spricht. Sie legt ihren Kopf in die linke Hand und stützt den Ellenbogen auf. „Ich bin glücklich, dass ich frei bin“, sagt sie, „das Problem ist nur – die Freiheit ist etwas Gruseliges.“

Das Buch, in dem sie „endlich die Wahrheit über Sklaverei“ erzählen wollte und das bisher nur in Deutschland und Spanien erschienen ist, bringt Mende allerdings zusätzlich in Gefahr. Denn der Botschaftsangestellte al Koronky ist mit der Regierung im Sudan eng verbunden. Er bezeichnet Mende als Lügnerin und setzt, wie sie sagt, ihre Familie zu Hause unter Druck. Sklaverei im Sudan ist der Weltöffentlichkeit durchaus bekannt, Menschenrechtsorganisationen kämpfen kontinuierlich um die Befreiung der Opfer und die Bestrafung der Täter. Der sudanesischen Regierung aber eine Beteiligung an oder eine Billigung von Sklaverei vorzuwerfen, kann lebensgefährlich werden. Mende Nazer ist zur Staatsfeindin geworden. Vermutlich würde sie direkt nach Ankunft am Flughafen verhaftet und – wie viele andere Regimegegner vor ihr – niemals wieder gesehen werden.

„Bevor ich abgeschoben werde, bringe ich mich um“, sagt Mende. Über viele Jahre des Eingesperrtseins hatte sie nicht aufgegeben; jetzt aber hockt sie auf dem Plastikstuhl der Caféteria, knabbert an einem Keks und scheint nun doch noch den Mut zu verlieren. So kurz vor dem Ziel.

„Ich dachte schon früher einmal daran, mir das Leben zu nehmen, weil ich es nicht mehr aushielt. Ich habe es nur nicht getan, weil ich immer noch eine kleine Hoffnung hatte, dass ich meine Eltern und meine Geschwister eines Tages wieder in die Arme schließen könnte.“ Ihre Familie hat sie seit fast zehn Jahren nicht gesehen. Im Mai hat sie zum ersten Mal wieder mit ihren Verwandten gesprochen, am Telefon, zu dem die Eltern zu Fuß eine Tagesreise unternehmen mussten. „Es war so wundervoll, die Stimme meiner Mutter zu hören. ,Bist du es wirklich, Mende’, fragte sie mich. Das waren die ersten Worte. Meine Mutter erzählte mir, dass sie jeden Tag für mich gebetet hat. Sie hat Gott angefleht, dass er mich am Leben lässt“, sagt Mende und fängt an zu weinen, den Kopf in die Hände vergraben.

Zweifel an ihrer Geschichte

Ihre Geschichte hat Mende berühmt gemacht, und vielleicht rettet ihr das Buch jetzt das Leben, denn die Behörden geben plötzlich zu, dass sie die Dimension des Falles nicht erkannt haben. Im September hatten sie Mende Nazers Asylantrag abgelehnt; inzwischen haben sie die Ablehnung zurückgenommen. Jetzt soll über den Antrag neu entschieden werden.

Der Druck, unter dem sie steht, ist ihr an den Augen abzulesen. Die Öffentlichkeit blickt auf die junge Frau. Das Mädchen aus den Nuba-Bergen wird zu Interviews gebeten, soll erzählen, wie es sich fühlt. Mende macht das mit einer offenen, fast kindlichen Art, die erfrischend ist und zugleich befremdlich. Vielleicht ist das der Grund, weswegen jüngst Stimmen laut wurden, die ihr vorwerfen, „Sklavin“ sei nicht ihre Geschichte. Man sah sie bereits instrumentalisiert von südsudanesischen Regimegegnern und von Damien Lewis, der als kritischer Journalist immer wieder auf die menschenunwürdigen Zustände im Sudan hingewiesen hatte. Man vermutete, sie lüge, um Asyl zu bekommen. Auf der anderen Seite: Warum hätte Mende ihre Familie und sich selbst durch ihr Buch der Gefahr aussetzen sollen, wenn ihre Geschichte nicht stimmt?

Ihr Leben in London ist, wie sie sagt, nicht wirklich ihres, nicht das, was sie leben möchte. Sie geht seit einem Jahr zur Schule, jeden Tag drei Stunden, um ihre Englischkenntnisse zu verbessern. „Manchmal wollen mir die richtigen Wörter einfach nicht einfallen“, sagt sie, und ihre Stimme klingt dabei trotzig. Sie will lernen, will alles richtig machen, will selbstständig leben, ihr eigenes Leben führen, und manchmal verzweifelt sie fast daran. „Alles ist so anders, es ist schwierig hier. Immer muss ich Damien bitten, mir zu helfen. Alles ist neu für mich.“ Ihre Besitzer, erzählt Mende, hatten ihr alles vorgeschrieben: wann sie essen, wann sie schlafen sollte. „Ich bin einfach nicht daran gewöhnt. Bei den kleinsten Entscheidungen, die ich zu treffen habe, gerate ich in Panik. Aber es ist wichtig, dass ich das lerne. Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass ich wirklich frei bin.“

Auch wenn sie sich immer mehr an das Leben in London gewöhnt, gibt es noch Situationen, die sie verunsichern. Sie fürchtet sich vor Fahrstühlen und Staubsaugern, und noch immer weiß sie nicht, wie eine Telefonzelle funktioniert. Wie weit die neue Welt noch weg ist, wird beim Abendessen im Restaurant deutlich, als sie sich sichtlich unwohl fühlt, wann immer der Ober an den Tisch kommt. „Ich mag es nicht, wenn man mich bedient. Wir sind doch nicht besser als er. Das gibt mir immer ein komisches Gefühl“, sagt sie und räumt schon einmal die Teller zusammen. Fast wäre sie aufgestanden, um das Geschirr in die Küche zu bringen. „Entschuldigung“, sagt sie, „das ist einfach in mir drin.“ So schnell wird sie die Vergangenheit nicht los.

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