• Mädels im Abseits „Heute waren wir zwanzigmal im Einsatz“, sagt ein Sanitäter. Im Schnitt macht das einen Verletzten pro Spiel

Zeitung Heute : Mädels im Abseits „Heute waren wir zwanzigmal im Einsatz“, sagt ein Sanitäter. Im Schnitt macht das einen Verletzten pro Spiel

Die erste weltweite Straßenfußball-WM in Kreuzberg: ein Fest der Fairness und der Völkerverständigung, ohne Ausgrenzung. So weit, so gut. Doch nicht alle haben etwas davon: Die Mädchen, die eigentlich in jeder Mannschaft mitspielen sollten, sitzen zumeist draußen. Ihnen ist die Spielweise zu aggressiv, zu groß die Angst vor Verletzungen. Denn das „Festival 06“ in Kreuzberg ist ein harter Wettkampf.

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Karen ist an diesem Tag nur Zuschauer. Eigentlich sollte sie jetzt spielen, aber die Peruanerin traut sich nicht mehr auf den Platz. Beim Eröffnungsspiel der Straßenfußball-WM war die 17-Jährige noch dabei, seitdem verfolgt sie die Spiele ihrer Mannschaft vom Spielfeldrand – wie andere Mädchen auch. Ihnen ist die Spielweise zu aggressiv, zu groß die Angst vor Tritten und Verletzungen. Und warum sich ständig freilaufen, wenn doch kein Ball kommt? In Peru hatte Karen nie Probleme, sie fühlte sich immer voll integriert.

Doch die erste weltweite Straßenfußball-WM, das „Festival 06“ in Kreuzberg, ist ein knallharter Wettbewerb. Das Motto „Fairplay“ kommt bei vielen Zuschauern nicht an. „Es läuft doch eigentlich alles wie immer“, sagt einer. „Ich kann nicht erkennen, wo der Unterschied zum normalen Fußball sein soll. Außer dass kein Schiedsrichter da ist, der den Jungs die Rote Karte zeigt.“

Die Spiele finden ohne Schiedsrichter statt, wie auf der Straße sollen sich die Teams selbst über die Regeln einigen und Problemsituationen klären. Wenn die Spieler die Hände heben, signalisieren sie ein Foul und entscheiden dann selbst, wer den Freistoß bekommt. Trotz dieser Fairplay-Methode, die sich im Turnierverlauf entwickelt hat, fallen viele Unsportlichkeiten auf. Es sind ruppige Spiele, die nicht selten mit Verletzten enden. „Heute waren wir zwanzigmal im Einsatz“, sagt der Sanitäter des Arbeiter-Samariter-Bundes – im Schnitt ein Verletzter pro Spiel.

Auch Lauren aus dem Team der USA ist überrascht von der Härte der Matches: „Das hier hat nichts mit dem Straßenfußball zu tun, den wir in Atlanta spielen“, sagt die 16-Jährige. „Bei uns gibt es keine Fouls. Wenn du fällst, stehst du entweder wieder auf oder verlässt das Spielfeld, bis es wieder geht.“ Lauren spielt so gut, dass die Jungs ihres Teams sie akzeptieren. Dennoch beschwert sie sich. „Die Spieler der anderen Mannschaften lassen sich oft fallen, obwohl kaum eine Berührung stattgefunden hat. Der eine Torwart hat vorhin den Ball in die Zuschauerränge geworfen, nur um Zeit zu schinden“, empört sie sich. Keine Seltenheit. Im Spiel gegen Costa Rica liegt Paraguay 20 Sekunden vor Schluss mit 0:1 hinten. Ein Spieler aus Paraguay stürmt Richtung Tor zur wahrscheinlich letzten Chance, kurz vor dem Tor wird er gefoult. Er bleibt liegen, die Zeit läuft wie beim Eishockey runter bis zum Schlusspfiff. Das Foul wird nicht geahndet, die Uhr nicht angehalten, Paraguay verliert mit 0:1.

Dabei sollen beim Straßenfußball gerade solche Szenen verhindert werden. Fairplay und Toleranz stehen im Mittelpunkt, gegen Gewalt – auf dem Platz und nach dem Spiel. Doch bei Veranstaltungen dieser Größenordnung läuft der Straßenfußball Gefahr, sich von seinen Wurzeln zu entfernen.

Seit die Spiele auf dem Mariannenplatz begonnen haben, scheint es auch hier nur noch um den Titel zu gehen: um die „Copa Andrés Escobar“, jenen Pokal, der bei der großen Eröffnungsfeier am vergangenen Sonntag vom kolumbianischen Team feierlich in die Höhe gehalten wurde. Der Mord an Andrés Escobar, durch dessen Eigentor Kolumbien bei der WM 1994 in den USA ausgeschieden war, hatte Jürgen Griesbeck zur Gründung der Initiative „Futból por la paz“ (Fußball für den Frieden) im kolumbianischen Medellin bewogen. Aus dieser Initiative entstand das weltweite Netzwerk „streetfootballworld“, das soziale Projekte rund um den Straßenfußball vereint. Das „Festival 06“ ist der vorläufige Höhepunkt.

Doch viele Spieler und Betreuer sind enttäuscht, sie vermissen die Ideologie ihres Spiels. Straßenfußball in ihren Ländern läuft nach anderen Regeln. Bei den „WM-Schulen“, auch ein Projekt von streetfootballworld, das am 9. Juni mit dem Finale in Potsdam endete, war das noch anders. Nach den südamerikanischen Regeln wurde dort vier gegen vier gespielt, zwei Jungs, zwei Mädchen. Vor Spielbeginn einigten sich die Spieler in der „Dialogzone“ über Fairplay-Regeln, mit Hilfe eines Spielleiters, der das Match danach auch auswertete und Fairplay-Punkte verteilte, die mit über Sieg oder Niederlage entschieden. Einen Schiedsrichter gab es auch nicht. Tore zählten nur, wenn ein Mädchen im Team auch eines erzielte – eine Regel, die schon bei der Gründungsinitiative in Kolumbien erprobt wurde.

Auch beim „Festival 06“ werden die Regeln individuell bestimmt. So können Mädchentore doppelt zählen – eine Regel, die allerdings überflüssig ist, wenn nur Jungs auf dem Platz sind. Denn es müssen keine Mädchen mitspielen. Johannes Axster, Leiter des WM-Schulen-Projekts und auch beim „Festival 06“ mit dabei, erklärt, warum: „In Ländern wie Afghanistan wäre es unmöglich, mit Mädchen zu spielen. Diese Länder würden wir von vornherein vom Turnier ausschließen, wenn wir die Anwesenheit von Mädchen zur Pflicht machen würden.“ Eine Folge ist, dass die Kolumbianer, die nach ihren Regeln mit der Hälfte Mädchen im Team antreten, bei diesem Turnier keine Chance haben. Auch die deutsche Mannschaft gehört zu den Verlierern dieser WM, sie liegt derzeit auf dem letzten Platz. „Andere Länder haben ihre Teams leistungsorientiert zusammengestellt, die Deutschen haben nach sozialen Gesichtspunkten ausgewählt“, sagt Winfried Hermann, der grüne Bundestagsabgeordnete und Pate des Turniers.

Doch streetfootballworld geht es nicht darum, eine richtige Spielmethode zu definieren. „Wir wollen die jeweiligen kulturellen Kontexte der Mannschaften darstellen und ganz unterschiedliche Arten von Fußball zeigen“, sagt Axster. Ohne Vorgaben sollen die Teams die Regeln untereinander vereinbaren. „Außerdem darf man nicht vergessen, dass es sich hier um eine WM handelt“, sagt Axster, „da ist ein gewisses Maß an Ehrgeiz selbstverständlich.“

Zur Absicherung stehen immer drei Beobachter am Spielfeldrand, die sich bemühen, Ruhe ins Spiel zu bringen. Wird ein Match zu aggressiv, unterbrechen sie auch mal. Am Anschluss werten sie die Spiele gemeinsam mit den Teams aus.

Karen reicht das nicht. Die Peruanerin sitzt nach den beiden Spielen am Montag traurig auf den Zuschauerrängen am Mariannenplatz, beim Spiel USA gegen Kolumbien. Unter den zehn Spielern auf dem Platz sind drei Mädchen. Lauren aus Atlanta spielt die gesamten zwölf Minuten und schießt sogar ein Tor, das in diesem Spiel doppelt zählt. Die USA siegen mit 7:2. Nach dem Abpfiff nehmen sich alle in die Arme.

Sie hatten Spaß, egal, wer gewonnen hat.Anke Myrrhe

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