Zeitung Heute : „Männer scharen sich viel enger um den Chef“

Der Tagesspiegel

Von Anja Kühne

Mehr Frauen in die Wissenschaft - das forderte schon vor einiger Zeit der Wissenschaftsrat, in Forschungsfragen das wichtigste Expertengremium in Deutschland. Dabei ging es ihm nicht in erster Linie um Gerechtigkeit: Er beklagte vor allem, dass den Hochschulen und Instituten durch den weiblichen brain drain Spitzenleistungen verloren gehen. Nur 9,8 Prozent der Professuren sind mit Frauen besetzt und sogar nur 5,1 Prozent der Führungspositionen in der außeruniversitären Forschung. Ist dieses Ungleichgewicht nichts als historischer Ballast, von dem sich die Forschung in der Zukunft automatisch erleichtern wird?

Mehrere neue Untersuchungen sprechen dagegen. „Es ist davon auszugehen, dass auch zukünftig der Frauenanteil an der Professorenschaft nur langsam ansteigen wird", schreiben etwa die Hochschulforscher Thomas Hüttner und Jürgen Schmude im gerade veröffentlichten Nationalatlas „Bildung und Kultur". Zwar sei der Frauenanteil unter den Habilitierten von 1988 bis 1997 von 9 auf 16 Prozent gestiegen. Doch habilitierten sich 1988 insgesamt 872 mehr Männer als Frauen, im Jahr 1997 waren es schon 1194 mehr Männer als Frauen.

Eine „gläserne Decke", bestehend aus „informellen Strukturen" und einer „männlichen Arbeitskultur" verhindert, dass mehr Frauen nach oben kommen, so das Ergebnis einer Untersuchung, die am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) entstand. „Es geht bei Besetzungen darum, wer inhaltlich und sozial am besten passt", sagt Hildegard Matthies vom WZB, die drei Forschungseinrichtungen untersucht hat. „Generell scharen sich die Männer viel enger um ihren Chef." Am Ende fühlten sich Frauen schlechter informiert.

Weit deutlichere Worte werden in der neuen großen Metastudie der Europäischen Union gesprochen, in die eine Fülle von nationalen Untersuchungen eingegangen ist: Nicht nur in Deutschland, sondern überall in Europa stehen „Protektionismus, Vetternwirtschaft und die Direktvergabe von Stellen einem gerechten und effektiven Auswahlverfahren diametral entgegen", schreiben die Autorinnen, allesamt Spitzenwissenschaftlerinnen aus zehn europäischen Ländern. Das Geschlecht eines Menschen falle in der Forschung stärker ins Gewicht als die Leistung.

In allen europäischen Ländern sinkt der Studie zufolge die Zahl der Frauen mit steigender Hierarchieebene. In Deutschland etwa sind rund 50 Prozent der Absolventen weiblich, aber nur 33 Prozent der Doktoranden, 16 Prozent der Habilitierten und 9,8 Prozent der Professoren. Durchschnittlich nimmt die Zahl der Professorinnen jährlich um 0,5 bis 1 Prozent zu. In manchen Ländern kommt es zeitweise durch Hochschulreformen zu einer größeren Steigerung - etwa in Großbritannien bei der Umwandlung der Polytechnics zu Universitäten. Mancherorts sinkt aber der Anteil von Frauen wieder.

Traditionell schneiden Forscherinnen bei Wissenschaftspreisen schwach ab, ob national oder international. Zwei von 158 PhysikNobelpreisträgern in der Zeit zwischen 1901 und 1998 sind weiblich, sechs von 168 in der Physiologie oder Medizin. Sieben Prozent der Preisträger des deutschen Leibniz-Preises sind weiblich, 1,8 Prozent des Max-Planck-Forschungspreises.

Europas Forscherinnen verdienen auf allen Hierachieebenen weniger Geld als ihre männlichen Kollegen, unter anderem, weil Männer verdeckt „Zuschläge" und „Honorare" erhalten. Die EU empfiehlt die jährliche Veröffentlichung der Gehälter nach Vorbild der inzwischen selbstkritisch gewordenen USA. Einer amerikanischen Studie zufolge bekamen Amerikas Professorinnen zwischen 1975 und 1998 durchschnittlich 9,4 Prozent weniger Gehalt als die Professoren.

Überall in Europa leiden nach der EU-Untersuchung wissenschaftliche Qualität und Fairness unter undurchsichtigen Verfahren der Stellenvergabe. „Ämterpatronage ist nach wie vor ein bedeutendes Element der akademischen Kultur. Ihr Einfluss auf die Vergabe von Stipendien, die Stellenbesetzung und die Mitgliedschaft in Ausschüssen lässt sich nur schwer einschätzen, da es den Auswahlverfahren an Transparenz mangelt", schreiben die Autorinnen. Das immer mehr in Mode kommende Headhunting, bei dem einzelne Kandidaten für eine Stelle direkt angesprochen werden, verschlechtere die Chancen für Frauen, da sie sich meist außerhalb der männlichen Netzwerke bewegten.

Am liebsten stellen europäische Einrichtungen Wissenschaftler ein, deren Karriere keine Unterbrechungen aufweist. Dies benachteiligt Frauen mit Kindern. Statt der Zahl der Dienstjahre und der Zahl der Veröffentlichungen müssten deshalb deren Qualität begutachtet werden, meinen die EU-Expertinnen. So zeige eine Untersuchung im Bereich Biochemie, dass die Arbeiten von Frauen mehr Informationen als die von Männern enthielten und häufiger zitiert wurden.

Ein Garant für Fairness und Objektivität soll der Peer Review sein, bei dem Forscher sich gegenseitig begutachten. Doch in Wahrheit sei er von „Sexismus und Nepotismus" beeinflusst, beklagen die EU-Forscherinnen. Die Chance beispielsweise, eine Postdoktorandenstelle vom schwedischen Forschungsrat zu bekommen, ist bei nachweislich gleicher wissenschaftlicher Produktivität für männliche Bewerber doppelt so hoch wie für Frauen, wie eine schwedische Studie ergab. Als besonders kompetent wurden von den Juroren solche Männer eingestuft, die Kontakte zu Mitgliedern in der Auswahlkommission hatten. Frauen erhielten am Ende nur dann das Stipendium, wenn sie ihr Geschlecht und die fehlenden Verbindungen mit 2,6 mal mehr Punkten in der wissenschaftlichen Produktivität kompensieren konnten, also 2,6 mal so gut waren.

Im Vereinigten Königreich sind 44 Prozent der Hochschulmitarbeiter im Bereich Biomedizin Frauen. Aber nur zwanzig Prozent der Zuschüsse des britischen Medical Research Council und des Welcome Trust, der größten britischen Stiftung zur Förderung der biomedizinischen Forschung, gehen an Frauen. Sogar nur zehn Prozent der Zuschüsse aller Programme der Deutschen Forschungsgemeinschaft entfallen auf Frauen. Weder seien in den europäischen Forschungsfördergremien Frauen repräsentativ vertreten - im Kuratorium der Volkswagenstiftung (vor 1999) zwei von vierzehn - noch in den Redaktionen von Fachzeitschriften, „wo die Zahl der Frauen mitunter lächerlich gering ist".

Die EU schlägt eine Fülle von Maßnahmen zur gerechteren Verteilung der Ressourcen und zur Steigerung der Qualität vor: darunter strengere Kriterien beim Peer Review, mehr Transparenz bei Rekrutierungsverfahren, kein Zuschneiden von Stellen auf bestimmte Bewerber, Überprüfung der Zusammensetzung der Entscheidungsgremien oder die Förderung von Mädchen in der Schule. Den Wissenschaftlerinnen selbst empfehlen die Expertinnen, Frauennetzwerke zu nutzen. Und sie verweisen auf Erfolge, die Frauen in manchen Einrichtungen durch aggressives Lobbying erzielt haben.

Der EU-Bericht im Internet unter

http://www.cordis.lu/rtd2002/science-society/women htm

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