Zeitung Heute : Männer sind die besseren Beifahrer!

Von Esther Kogelboom

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Lange Autofahrten sind für mich das Paradies auf Erden. I’m lovin’ it. Aber nur, wenn ich am Steuer sitze und niemand sonst im Auto ist. Dann gerate ich in eine Art Rausch.

Meistens fahre ich von Berlin Richtung Westen. Und ich habe mir angewöhnt, am Grenzübergang Dreilinden dem Bären auf dem Mittelstreifen zum Abschied zu winken sowie kurz zu hupen. Ich bin sogar so abergläubisch, dass ich einen geweihten Palmzweig und eine geweihte Kerze aus Kevelaer an Bord habe. (Die Kerze ist allerdings nach diesem unfassbaren Sommer in einen anderen Aggregatzustand übergegangen und bildet neuerdings mit ein paar Haarnadeln, unbedeutenden Münzen, Kaffeebechern vom „Sowohl als auch“ in der Gleimstraße, Knöllchen, Krümeln, Servietten, Haaren, Kippen, Promo-CDs, Falk-Plänen und Kaugummipapierchen einen Knubbel, mit dem ich nächstes Jahr beim Art Forum ganz groß rauszukommen gedenke.) Ein weiterer wichtiger Bestandteil des Auto-Aberglaubens ist, dass ich nach Möglichkeit erst beim Rastplatz Auetal Nord anhalte, keinesfalls jedoch schon beim Rastplatz Magdeburger Börde. Und – das ist jetzt wirklich bescheuert – ich kriege jedes Mal gute Laune, wenn ich es bis nach Auetal Nord geschafft habe. Es ist meine absolute Lieblingsraststätte. Die Leute dort sind ausgesprochen nett, und die Spiegel auf dem Klo so getönt, dass man deutlich frischer aussieht als im Rückspiegel.

Neulich bin ich die Strecke mit einem Freund gefahren, in dessen Auto. Ich musste zähneknirschend auf dem Beifahrersitz sitzen. Der Freund ist auch abergläubisch, er lässt zum Beispiel grundsätzlich keine Frauen mit seinem Auto fahren und sagt Sachen wie: „Scheiße, ich hab meinen Christophorus vergessen.“ Christophorus ist der Schutzheilige aller Autofahrer, so wie Antonius der Schutzheilige aller Leute ist, die verzweifelt etwas suchen. Beide rufe er oft an, gestand er.

Das Problem an der Autofahrt war auch, dass sich die Mix-CDs, die ich mit einiger Liebe für die lange Fahrt gebrannt hatte, nicht abspielen ließen. (Ist Ihnen eigentlich schon mal aufgefallen, wie oft ostdeutsche Radiosender das furchtbare und durch nichts zu entschuldigende Lied „Ka-Ching!“ von Shania Twain spielen?) Kurzum, die Autofahrt war letztlich nicht besonders entspannt. Der Freund hatte zudem die Angewohnheit, gleichzeitig zu überholen, zu rauchen, zu telefonieren, den Radiosender zu wechseln, den Pullover auszuziehen und den Verschluss einer Wasserflasche mit den Zähnen zu lösen – während er unter seinem Sitz nach dem letzten weißen Gummibärchen herumfummelte. Ich fürchtete ernstlich um unser aller Leben und tat, was man in einer solchen Situation macht: Ich schrie den Mann aus Leibeskräften an, bis er sich schweigend und beleidigt auf die Straße konzentrierte. Er drosselte das Tempo auf provozierende 110 Kilometer pro Stunde, blickte stumpf durch die Windschutzscheibe. Ich nagte an meinen Fingernägeln. Es geht nichts über eine vergiftete Atmosphäre auf engstem Raum.

Nach etwa zwei Stunden nahm er den Gesprächsfaden wieder auf und sagte mit der Stimme eines Großonkels: „Guck mal, Hameln! Kommt da eigentlich der berühmte Rattenfänger her?“ Ich hätte es gut gefunden, wenn in diesem Augenblick ein Reifen geplatzt wäre oder ein Flugzeug auf der A 2 hätte notlanden müssen, aber so etwas passiert immer nur in dummen Filmen. Wortlos reichte ich ihm das letzte weiße Gummibärchen aus der Tüte, und wir vertrugen uns wieder.

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