Männer und Frauen : Beichten oder nicht?

Sie ist fremdgegangen und weiß nicht, ob sie es ihm erzählen soll. Der Friseur empfiehlt Diskretion, die Oma Ehrlichkeit. Und was meint der Pfarrer? Fünf Ratschläge.

Kerstin Schmied
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Selten geplant, meist nicht gewollt, aber dann passiert er doch - der Seitensprung.Foto: Christian Brox

Es ist wie ein schaler Nachgeschmack, wenn ich beim Zähneputzen in den Spiegel schaue. Ich spüre es wie einen Kloß im Hals, wenn er aus der Tür geht und ich ihm „Ich dich auch“ nachrufe. Das schlechte Gewissen ist wie ein Schatten, der sich nicht abschütteln lässt. Und es erinnert mich immer wieder daran, was ich in dieser Nacht aufs Spiel gesetzt habe.

Ein paar Drinks im Club, der Vorsatz, mal wieder richtig Spaß zu haben, und ein charmantes Lächeln reichten schon. Das Mehr kam irgendwie dazu. Plötzlich saß ich in einer unbekannten Küche, später dann in einem fremden Bett. Neben mir ein Typ, von dem ich weder Schuhgröße noch Sternzeichen kannte. Dafür aber seine lässige Art zu tanzen und seine hübsche, haarige Linie Bauchnabel-abwärts. Nicht weit her mit meinem Verstand, wenn er vor originellen Komplimenten und ein bisschen Neugier kapitulierte. Und den Mann, den ich liebe, in einer neurologischen Sackgasse verschwinden ließ.

Bevor ich abends aus dem Haus ging, haben wir uns gestritten. Wahrscheinlich über etwas erschreckend Banales. Telefonrechnung, Tierfutter oder Urlaubsplanung. Die vier Jahre Beziehung erinnern an eine Daunendecke. So extrem kuschelig, dass man sich nicht vorstellen kann, jemals darunter hervorzukriechen. Aber auf die Dauer ein bisschen muffig und eng. Es gibt einen Punkt, in dem man die Bettdecke auf den Boden schmeißt. In der Liebe gibt es das auch. Letzten Samstag zum Beispiel.

Jetzt warte ich auf den richtigen Moment, um zu beichten. Aber der kommt nicht. Vielleicht, weil es für unangenehme Gespräche nie den richtigen Moment gibt. Immer wenn er mich in den Arm nimmt, fühle ich in mir eine unsichtbare Mauer zwischen dem Vorher und dem Jetzt. Und fürchte mich davor, dass sie auch zwischen ihm und mir stehen könnte. Dann frage ich mich, ob es nicht klüger wäre, zu schweigen und abgedroschene Szenen mit Telenovela-Dramatik zu vermeiden. Mein Geständnis würde ihn verletzen, auch wenn ich schwöre, dass es mir nichts bedeutet hat.

Lohnt es sich, sein Vertrauen zu verlieren, nur damit ich beim Zähneputzen nicht mehr ins Waschbecken starren muss? Was ist egoistischer? Das Gewissen zu erleichtern oder die Beziehung zu schonen? Alleine komme ich da nicht weiter. Ich brauche Rat.


Die beste Freundin: Constanze C., 30


Ich habe das alles nicht gewollt ...

Das glaube ich dir, ändert aber nichts. Irgendwas steckt sicher dahinter. Überleg doch mal: Manchmal ist es Langeweile, oft geht es um Selbstbestätigung. Sex mit einem anderen ist gut fürs Ego und gegen Minderwertigkeitskomplexe.

War’s das jetzt mit meiner Beziehung?

Eine wilde Knutscherei nach ein paar Gläsern Wein ist zwar unfair, muss die Beziehung aber nicht belasten. Auch nach einem One-NightStand würde ich es mir gut überlegen, ob ich das meinem Partner sage. Irgendwie finde ich das fies, weil der Betrogene in der Situation ist, dass er entscheiden muss, wie die Liebe weitergeht. Wenn ich fremdgehe, muss ich wohl oder übel mit den Konsequenzen leben – und zu denen gehört eben auch ein schlechtes Gewissen.

Erwartest du das Gleiche auch von deinem Partner?

Ja. Ich möchte es eigentlich nicht wissen, wenn mich mein Freund betrügt. Vielleicht würde ich versuchen, ihm zu verzeihen. Wahrscheinlich würde ich aber einfach misstrauisch werden und ihm hinterherspionieren, um sicherzugehen, dass er nicht noch mal fremdgeht. Natürlich kann eine Affäre auch ein Schlussstrich sein: Mein Freund hat den One-Night-Stand mit mir zum Anlass genommen, sich von seiner damaligen Freundin zu trennen.


Die Paartherapeutin: Corinna Beller-Meier, 38

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Die Paartherapeutin: Corinna Beller-Meier, 38Foto: privat


Wie kommt es zu einem Seitensprung?

Normalerweise kann man davon ausgehen, dass der Ausgleich in der Beziehung nicht stimmt. Das Geben und Nehmen ist nicht gleichmäßig verteilt.

Wie verhalte ich mich, wenn es passiert ist?

Nehmen Sie sich Zeit, um die Emotionen zu ordnen, die sich angehäuft haben, und setzen Sie sich nicht unter Druck. Suchen Sie nach Erklärungen, was Sie an diesem Abenteuer gereizt hat, und werden Sie sich über Ihre Gefühle klar: Was empfinden Sie für Ihren Partner? Wie stellen Sie sich Ihr Leben vor?

Sage ich die Wahrheit oder halte ich den Mund?

Auf die Frage „Hast Du mich betrogen?“ sollten Sie ehrlich antworten. Bei vielen Paaren in meiner Therapie kam nach einigen Ausreden irgendwann alles heraus – durch Zufall. Wegen der Lügen zuvor empfindet der Betrogene die Untreue dann als viel schlimmer.

Spiele ich mit einer Beichte nicht auf Risiko?

Es gibt da keine generelle Empfehlung. Fragen Sie Ihr Gefühl und Ihr Herz. Und nutzen Sie die Situation, um mit dem Partner wieder intensiver ins Gespräch zu kommen. Wenn man Wünsche formuliert, bringt das auch neue Dynamik in die Beziehung.

Und wenn ich lieber schweige?

Der Betrogene merkt meist, dass etwas nicht stimmt. Manchmal kommt es zu Ausweichstrategien: Derjenige, der betrogen hat, bemüht sich plötzlich sehr um den anderen, weil er sein schlechtes Gewissen kompensieren möchte. Oft wird der andere dann misstrauisch. Wichtig für einen Neuanfang: Signalisieren Sie Ihrem Partner, dass Sie sich bewusst für ihn entschieden haben, weil er Ihnen wichtig ist.


Der Friseur: Michael Schwarz, 40

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Der Friseur: Michael Schwarz, 40Foto: privat


Wie reagieren Sie, wenn ich beim Haareschneiden von meinem Seitensprung erzähle?

Ich höre zu, halte mich mit Ratschlägen aber erstmal zurück. Vielleicht versuche ich, die Selbstvorwürfe zu stoppen. Schwierig wird es nur, wenn beide Partner Kunden sind. Neulich hat einer beim Haarschneiden von seiner Affäre erzählt, und zwei Tage später kam seine Frau zum Strähnchenfärben. Da habe ich versucht, mir nichts anmerken zu lassen.

Finden Sie es denn besser, alles zu beichten?

Einen typischen Ausrutscher sollte man diskret behandeln, wenn er die Beziehung nicht beeinträchtigt. Wenn meine Freundin mich betrügt, ohne dass etwas dahintersteckt, will ich das nicht wissen. Gefährlicher ist es, wenn sich einer in jemand anderen verliebt. Selbst wenn es dann bisher noch nicht mal einen Kuss gab, entsteht Konkurrenz. Da beginnt der Betrug im Kopf, nicht im Bett.

Sollte man sich dann trennen?

Ein Seitensprung sollte auf jeden Fall einen Denkanstoß geben. Wenn man die Fühler ausstreckt, kann es daran liegen, dass man sich einfach wieder neu verlieben will. Problematisch ist aber, dass das Gefühl auch mit dem neuen Partner selten länger als ein paar Monate anhält.

Und wie helfen Sie mir als Friseur?

Unsere Aufgabe ist es einfach, Sie schöner zu machen. Man kennt das ja: Nach einer Trennung gönnen sich zumindest viele Frauen eine neue Frisur, zum Beispiel mit einer Tönung in Rot – weil der Ex das nicht mochte. Nach so einer Sache fühlt man sich ja nie besonders toll. Der Fremdgänger schämt sich und der Betrogene fühlt sich minderwertig. Eine neue Frisur oder Haarfarbe kann da schon mal Komplexen vorbeugen.


Die Oma: Erika Reichelt, 87

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Die Oma: Erika Reichelt, 87Foto: Kerstin Schmied


Ist Treue wirklich so wichtig?

Natürlich. Ohne Treue und Vertrauen kann keine Beziehung funktionieren. Aber natürlich bist du nie vor einem Seitensprung gefeit, weil du im Leben nun mal ständig der Versuchung ausgesetzt bist. Besonders schwierig wird es wahrscheinlich, wenn einem der Neue gut gefällt. Wenn er Fähigkeiten hat, die man bei seinem Partner vermisst, oder wenn man gemeinsame Interessen entdeckt. Dann geht es nicht nur um eine oberflächliche Neigung.

Muss ich meinem Freund von so einer Versuchung erzählen?

Grundsätzlich wäre ich schon dafür, dass es zu einer Aussprache kommt. In manchen Situationen ist es aber sicher besser, zu schweigen. Damals im Krieg, als die Männer an der Front und in Kriegsgefangenschaft waren, haben sich viele Frauen vor dem Alleinsein gefürchtet. Wie sie sich da getröstet haben, wollte nachher keiner mehr so genau wissen.

Und wie ist das in Friedenszeiten: Muss ich da beichten?

Ja, ich würde schon dazu raten, einen Fehltritt einzugestehen. Der Vertrauensbruch ist wesentlich größer, wenn der Partner durch Zufall davon erfährt. Heimlichkeiten machen nur noch mehr kaputt. Wenn ich selbst die Betrogene bin, muss ich mir überlegen: Ist es dieser Mensch wert, dass ich ihm verzeihe, kann ich mir noch eine Zukunft mit ihm vorstellen? Wenn Kinder im Spiel sind, muss man manchmal eben nachgeben, sonst riskiert man seine Familie. Deshalb sollte man auch innehalten, bevor man sich zu einem Abenteuer hinreißen lässt.


Der Pfarrer: Dekan Konrad Eder, 39

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Der Pfarrer: Dekan Konrad Eder, 39Foto: Kerstin Schmied


Was bringt es mir, wenn ich Ihnen den Seitensprung beichte?

Wer zum Beichtgespräch kommt, sucht jemanden, der ihm zuhört. Er möchte sich aussprechen und etwas loswerden, um Versöhnung zu finden: mit sich selbst, vielleicht auch mit Gott. Dabei gilt immer das Beichtgeheimnis. Das heißt: Ich darf als Beichtpriester niemandem etwas von dem Gespräch erzählen, nicht mal dem Papst.

Und was raten Sie mir?

Zu einer ehrlichen Beichte gehört, dass es demjenigen wirklich leidtut – Stichwort Reue. Da kann und soll das Gebet in der Tat ein wichtiger Schritt sein. In dieser speziellen Angelegenheit wird es aber auch nötig sein, grundsätzlich die Beziehung zum Partner anzuschauen. Unter Umständen kann da auch eine entsprechende Beratungsstelle Hilfe leisten.

Muss ich auch meinem Freund beichten?

Ich rate keinem, mit einer solchen Lüge zu leben. Vermutlich wird der Partner merken, dass etwas nicht stimmt. Die Treue ist ja bekanntlich ein Wesensmerkmal der Ehe und damit ein hohes Gut. Umso größer ist auch die Verletzung beim Partner. Wenn es tatsächlich ein einmaliger Ausrutscher war, kann es wohl besser sein, dem Partner nichts zu sagen. Man muss für sich selbst entscheiden, was das größere Übel ist: das eigene schlechte Gewissen oder aber, dass für den Partner eine Welt zerbricht.

Gibt die Kirche Hilfe in solchen Fragen?

Trotz des hohen Ideals der Treue weiß die Kirche auch um die Realitäten des Lebens. Dafür gibt es Seelsorger, die ihre Zeit für solche Gespräche zur Verfügung stellen. Ich persönlich versuche mir die Haltung Jesu zu eigen zu machen: Zuspruch geben und Vergebung spüren lassen. Allerdings ist die Vergebung einer solchen Sünde kein Freifahrtschein! Wichtig bleibt, an der Beziehung zu arbeiten. Dabei ist immer wieder Verzeihen gefragt – als die höchste und anspruchvollste Form der Liebe.

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