Männer und Frauen : Bis dass der Tod sie scheidet

33 Jahre lang waren die beiden verheiratet, 10 davon hatte Gerd W. nur einen Gedanken: Meine Frau Renate muss weg! Drei Mal heuerte er Killer an, sie umzubringen.

Verena Mayer

Sie sind noch immer zusammen. Renate ist da, wo sie immer ist, bei ihrem Mann Gerd. Gerd hat das gemacht, was er schon so oft gemacht hat, er hat einen Killer für Renate gesucht. Jetzt sitzt er vor Gericht, wegen versuchter Anstiftung zum Mord, zum zweiten Mal schon. Renate sitzt im Zuschauerraum und wirft ihm Blicke zu, die voller Tränen und Vorwürfe sind. Gerd lässt die Schultern hängen und starrt an die Wand.

Renate ist angezogen wie zu einer Familienfeier. Dunkles Kostüm, das hellblond gefärbte Haar fällt locker auf die Schultern. Wenn Gerd mit der Richterin redet, schüttelt sie den Kopf oder murmelt etwas in sich hinein. Auf einer Familienfeier würde sie ihm wohl jetzt ins Wort fallen. Gerd, weinroter Wollpulli, schütteres graues Haar, sieht an Renate vorbei. Und zwar so, dass sie merkt, dass er an ihr vorbeisieht. Die kleinen Demütigungsgesten der Eheroutine, gemein und vertraut zugleich.

Renate und Gerd, 57 und 58 Jahre alt. Mehr als die Hälfte ihres Lebens haben sie miteinander geteilt, 33 Jahre. Zehn davon hat er jemanden gesucht, der Renate umbringen könnte.

Wo beginnt man die Geschichte dieser Ehe? Renate fallen als Erstes die guten Zeiten ein. Gerd, der charmante Schlosser, der ihr Komplimente macht, als er in ihrem Dorf ist, auf Montage. „Ich hab ihn mir gekrallt“, sagt Renate. Gekrallt, das ist ein Renate-Wort. Sie weiß, was sie will im Leben, und manchmal weiß sie es besser. Gerd hingegen ist einer, der den Mund nicht aufkriegt und zu allem schweigt. Bis er sich eines Tages ein Ventil gesucht hat, so wie andere Männer sich ein Hobby zulegen. Aber das sind schon die schlechten Zeiten. Die Zeiten, in denen Gerd erst einen Fliesenleger und dann seinen Hausmeister bestürmt, Renate umzubringen. Ins Gefängnis kommt deswegen. Sich im Gefängnis mit einem verurteilten Mörder anfreundet, der ihm helfen soll, Renate zu töten.

1973 heiraten Gerd und Renate, sie haben zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Gerd bringt es zum Abteilungsleiter in der Wohnungsverwaltung, eine der besseren Positionen in der DDR. Renate und Gerd leben miteinander, ohne viel voneinander mitzubekommen. Gerd redet alles schön, Renate sieht keinen Grund, die Ehe nicht schön zu finden. Als im März 2005 die Polizisten zu ihr kommen und sagen: „Setzen Sie sich bitte. In diesen Minuten wollte Ihr Mann Sie töten lassen“, fällt Renate aus allen Wolken. „Wir haben harmoniert, mit unserem Grundstück und dem Garten, wir guckten jeden Tag aus dem Fenster auf die Vögel oder die kleine Maus im Holzstoß draußen – und dann hat der solche Gedanken.“

1988 darf Gerd für eine Woche in den Westen fahren, Verwandte besuchen. Kurz bevor Renate ihn wieder an der Friedrichstraße abholen will, klingelt das Telefon. Gerd ist dran, er sagt: Ich komm nicht mehr, ich habe die Liebe meines Lebens gefunden. Renate sagt: „Da war mein Herz gebrochen.“

Sie flüchtet Gerd hinterher. Über die tschechische Botschaft kommt sie in den Westen. Als sie eine Wohnung besichtigt, steht plötzlich Gerd vor der Tür. Ist hier noch ein Zimmer für mich frei?, fragt er. Renate sagt ja, und für eine Zeit lang ist alles gut.

Die Mauer fällt, Renate und Gerd bauen. Ein Eigenheim im Grünen, dann machen sie eine Pension mit sechs Zimmern auf und ein Wohnheim, in dem das Sozialamt obdachlose Männer unterbringt. Sie haben viel Arbeit, aber sie haben auch Geld, und am Frauentag bringt Gerd Renate Blumen.

Doch um die Ehe steht es schlecht. Gerd hat andere Frauen und redet schlecht über Renate. Renate rächt sich, indem sie ihn zum Schlafen in den Hobbykeller verbannt. Dort sitzt Gerd immer öfter und schüttet drei bis vier Flaschen Bier und Apfelkorn in sich hinein. Wenn er die Schlüssel vergisst, lässt ihn Renate eine halbe Stunde klingeln, und dann sagt sie: Ich hab dich gar nicht gehört.

Gerd empfindet kalten Hass für Renate, aber er ist nicht in der Lage, ihr das zu sagen. Er kann sich auch nicht scheiden lassen. „Das Wort Scheidung klingt für mich wie innerer Zusammenbruch“, sagt Gerd. Er kann nur denken: Renate muss weg. Der Gedanke kommt ihm oft. Erst spendet er Gerd Trost, dann wird er zum Zwang. Irgendwann bekommt der Gedanke etwas Beiläufiges, Selbstverständliches. Wie eine Besorgung, die man machen muss.

2002 lebt ein junger libanesischer Asylbewerber im Wohnheim von Renate und Gerd. Der Libanese hilft Gerd beim Fliesenlegen, eines Tages nimmt Gerd ihn im Garten beiseite. Würden Sie meine Frau umbringen?, fragt Gerd. Der Libanese sagt Nein. Als Gerd das vierte Mal fragt, bringt der Libanese einen Freund vorbei. Der schlägt vor, Renate von hinten zu erstechen und dann die Wohnung zu verwüsten. 10 000 Euro will er dafür. Gerd übergibt ihm an einer Tankstelle 2000 Euro. Der Freund des Libanesen nimmt alles auf Tonband auf und erpresst Gerd damit. Gerd zeigt den Freund des Libanesen bei der Polizei an, dann weint er sich bei Renate aus. „Ich habe ihn vom ersten Tag an geliebt bis zum Schluss“, sagt Renate. „Und dann muss man so etwas erfahren.“ Renate beschimpft Gerd, dann verzeiht sie ihm. Und wieder wird dadurch alles nur noch schlimmer.

Irgendwann bitten sogar die beiden Kinder Gerd und Renate, sich scheiden zu lassen. Gerd weigert sich. „Ich habe meine Frau prinzipiell geliebt“, sagt Gerd. Die Psychiater, die ihn untersuchen, sprechen von geringem Selbstwertgefühl und von innerer Zerrissenheit. Sie vermuten, dass Gerd wahrscheinlich an einer neurotischen Zwangserkrankung leidet und sich seine Tötungsfantasien dadurch „in dranghafter Weise“ verstärkt haben. Sie durchleuchten seine Kindheit, sie finden einen Vater, dem die Kinder egal sind, und eine herrschsüchtige Mutter, die über den Vater sagt: Den habe ich nicht umerzogen gekriegt. Und sie finden bei Gerd „eine stete Flamme der Kränkbarkeit“.

Gerd tut alles, um diese Flamme zu entfachen. Seit dem Jahr 1998 weint er sich immer wieder bei seinem Hausmeister im Wohnheim über Renate aus. Die behandelt dich wie einen Hund, sagt der Hausmeister. Ob er Renate nicht umbringen könne, fragt Gerd. Im Februar 2005 sagt der Hausmeister schließlich zum Schein Ja und geht zur Polizei. Die hört alles ab. Wie Gerd mit dem Hausmeister einen Termin ausmacht, es soll in der Dämmerung passieren und aussehen wie ein Raubüberfall. Wie er einmal die Tat verschiebt, weil die Enkelin zu Besuch bei Renate ist.

Beim zweiten Termin kommt die Polizei. Gerd wird der Prozess gemacht, Renate ist Zeugin. Sie sagt gegen Gerd aus, obwohl sie vom Gesetz her schweigen dürfte. Der holzgetäfelte Gerichtssaal im Berliner Landgericht wird zur Bühne für die letzten Szenen einer Ehe. Gerd wirft mit Ehemänner-Sätzen um sich: Meine Frau hat immer, meine Frau hat nie. Renate schüttelt den Kopf, ihr Pferdeschwanz schlägt aus wie ein Pendel. Alles an ihr ist Wut und Tränen, dazwischen wird sie süffisant. „Ich war ihm wohl nicht gut genug“, sagt Renate. „Weggehen, das war ihm ja zu mühsam, das hätte dem Herrn ja Umstände gemacht.“ Gerd muss für fünf Jahre ins Gefängnis. Zum ersten Mal in 33 Jahren Ehe sind Renate und Gerd für längere Zeit getrennt. „Eine einzige Erleichterung“ habe sie empfunden, sagt die gemeinsame Tochter. „Zwar nicht über diesen Weg, aber für mich hieß das: Endlich sind sie auseinander.“

Doch Gerd hat weiter die schlechten Zeiten im Kopf. Bei jedem, den er im Gefängnis trifft, lässt er sich über Renate aus, beim Therapeuten, der Vollzugshelferin, bei den anderen Gefangenen. Im Frühjahr 2007 findet er ein offenes Ohr. Es gehört Helle; er sitzt lebenslänglich, weil er eine Frau töten ließ. Gerd erzählt ihm, weswegen er im Knast ist. Helle sagt: Mit meinen Bandidos wäre das nicht passiert. Gerd freundet sich mit Helle an, sie besuchen sich in der Zelle und spielen Karten. Irgendwann reden sie über Mord. Helle sagt, er habe gute Kontakte nach draußen. Er schlägt einen Autounfall vor und verlangt dafür das Wohnheim von Gerd und Renate. Gerd willigt ein, er kommt nicht los von Renate. „Er bewegt sich wie ein Hamster im Käfig“, sagt sein Psychiater.

Gerd ist vorsichtig geworden seit seinen Erfahrungen mit dem Hausmeister. Du möchtest, dass ich dafür sorge, dass deine Alte draufgeht?, fragt Helle beim Spaziergang im Hof. Ich schreib dir das auf ein Papier, sagt Gerd. Doch in Helle scheint er den Richtigen gefunden zu haben. Eines Tages bekommt Gerd Besuch im Knast. Ein Rocker in Lederklamotten, mit langem Haar und Tätowierungen steht vor ihm und sagt: Helle schickt mich. Er legt Gerd ein Foto von Renate vor und fragt: „Sollen wir deine Frau wegmachen?“ Gerd nickt.

Und dann ist es vorbei. Der Rocker sagt, dass er ein verdeckter Ermittler ist. Helle hat mit gezinkten Karten gespielt und die Anstaltsleitung eingeschaltet. Gerd wird zum zweiten Mal der Prozess gemacht, er bekommt noch einmal sieben Jahre. Renate ist auch gekommen, obwohl sie dieses Mal nicht als Zeugin geladen ist. Es geht ihr nicht gut, sie humpelt auf Krücken in den Zuschauerraum, sie hat es an den Knien. Als sie Gerd sieht, kommt Farbe in ihr Gesicht. Von der Wut und von der Enttäuschung, und von der Sehnsucht vielleicht ein bisschen auch. Gerd dagegen ist blass und eingefallen. Er hat stark abgenommen. Man sieht, dass ihm etwas gefehlt hat. Die bessere Hälfte.

Er konnte nicht mit ihr, aber er konnte sich auch nicht von ihr trennen. Das Einzige, was Gerd W. konnte, war, einen Killer für seine Frau Renate zu suchen. Szenen aus 33 Jahren Ehe. „Sie missachteten und verachteten sich“, sagt die Richterin, bevor sie die Verhandlung schließt. Aber wahrscheinlich ist es einfach die Art von Gerd und Renate, eine Ehe zu führen: Gerd plant das Schlimmste für Renate, aber so dilettantisch, dass er jedes Mal erwischt wird. Renate kann Gerd Vorwürfe machen und ihm danach wieder verzeihen.

„Ich kann mich nur entschuldigen“, sagt Gerd. Renate schüttelt heftig den Kopf, aber so, dass es auch ein Nicken sein könnte. In der Zwischenzeit wurden Renate und Gerd geschieden. Es sieht jedoch nicht so aus, als ob sie etwas trennen könnte.

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